Besiedlung von Malta
: Frühe Fernfahrten über das Mittelmeer verbanden Gruppen über 1000 Jahre

Abgelegene Mittelmeerinseln wurden schon vor der Entwicklung der Landwirtschaft besiedel. Neue Befunde aus Malta zeigen, dass diese Gruppen über mindestens ein Jahrtausend hinweg wiederholt Seereisen von mindestens 100 Kilometern Länge unternahmen.
Von
Markus Brauer
Jena
Jetzt in der App anhören
Die Höhlenfundstätte Latnija im Norden der Region Mellieħa auf Malta liefert Hinweise auf eine mehr als 1000-jährige Besiedlung durch Jäger und Sammler.

Die Höhlenfundstätte Latnija im Norden der Region Mellieħa auf Malta liefert Hinweise auf eine mehr als 1000-jährige Besiedlung durch Jäger und Sammler.

Huw Groucutt
  • Neue Studie: Malta war über mindestens 1000 Jahre von Jägern und Sammlern bewohnt.
  • Nachweis in Latnija-Höhle im Norden von Mellieħa – kontinuierliche Präsenz im Mesolithikum.
  • Seefahrten über mindestens 100 Kilometer verbanden Gruppen und ermöglichten Kontakte.
  • Modelle zeigen: Nach Trennung von Sizilien konnten maximal 144 bis 170 Menschen leben.
  • Langfristiges Überleben erforderte größeres Netzwerk – Hinweise auf fernmaritime Verbindungen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die maltesischen Inseln waren zu klein, um eine Jäger-und-Sammler-Population zu ernähren, die über Jahrhunderte hinweg isoliert hätte überleben können. Die ununterbrochene Präsenz von Jägern und Sammlern auf Malta über mindestens ein Jahrtausend lässt sich nur durch soziale Netzwerke erklären, die wiederholte Seefahrten und Kontakte über das Meer ermöglichten.

Maritime Barrieren wurden zu Verbindungswegen

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die im Fachjournal „PNAS Nexus“ veröffentlicht worden ist. „Die Fähigkeit, Langstrecken-Seefahrten durchzuführen, markiert einen bedeutenden Übergang in der Menschheitsgeschichte, in dem zuvor unüberwindbare maritime Barrieren zu Verbindungswegen zwischen Gemeinschaften wurden“.

Im Mittelmeerraum seien erstmals im Mesolithikum Langstreckenfahrten über offenes Meer ohne Zwischenhalt nachgewiesen, erläutert Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA) in Jena, eine der leitenden Autorinnen der Studie.

„Auf Malta konnten wir eine kontinuierliche mesolithische Besiedlung von mindestens 8.400 bis 7400 Jahren vor heute nachweisen. Handelte es sich dabei um eine zufällige Ankunft oder weist dies auf ein bisher unbekanntes Seefahrtsnetzwerk hin?“

Grenzen von Ressourcen und Bevölkerungsgröße

Zur Beantwortung dieser Frage kombinierte das Forscherteam unter der Leitung der Gruppe „Computergestützte Archäologie der Steinzeit“ der Universität Liverpool Erkenntnisse aus der modernen Ethnografie mit Paläoklimadaten und Meeresspiegelmodellen. Ziel war es, die wahrscheinliche Bevölkerungsgröße von Jäger- und Sammlergemeinschaften sowie deren langfristige Überlebenschancen zu ermitteln.

„Im Gegensatz zu Bauern sind Jäger und Sammler auf wilde, natürliche Nahrungsressourcen angewiesen, deren Verfügbarkeit stark vom Klima eines Gebiets abhängt. Größere und produktivere Lebensräume können größere Bevölkerungsgruppen ernähren“, erläutert Jimbob Blinkhorn, Hauptautor der Studie.

„Durch die Modellierung des Zusammenhangs zwischen der Bevölkerungsgröße moderner Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften und der Bedingungen ihrer Lebensräume konnten wir mithilfe hochauflösender paläoklimatischer Datensätze potenzielle Bevölkerungsgrößen der Vergangenheit schätzen. Malta war einst über eine Landbrücke mit Sizilien verbunden, die jedoch vor etwa 14.000 Jahren überflutet wurde. Dadurch wurde Malta isoliert und die verfügbare Landfläche für eine Jäger-und-Sammler-Population verkleinert.“

Maximal 170 Personen lebten damals auf Malta

Die Ergebnisse zeigen, dass die maximal mögliche Bevölkerungsgröße, die Malta nach der Isolation von Sizilien ernähren konnte, zwischen 144 und 170 Individuen lag. Realistischere , auf ethnografischen Daten basierende Schätzungen gehen von einer deutlich kleineren Bevölkerung aus.

Diese geringe Bevölkerungsdichte bestand über den Zeitraum von 1000 Jahren, für den jüngste archäologische Funde eine Besiedlung Maltas durch Jäger und Sammler belegen.

Hinweis auf bislang unbekannte Netzwerke

„Das langfristige Überleben einer Population, wie es in den archäologischen Aufzeichnungen über ein Jahrtausend belegt ist, erfordert 500 bis 1000 Erwachsene im fortpflanzungsfähigen Alter, wobei Kinder und ältere Menschen nicht eingerechnet sind“, erklärt Blinkhorn.

„Da die prognostizierten Bevölkerungszahlen für Malta deutlich geringer sind, mussten diese Jäger und Sammler Teil eines größeren genetischen Netzwerks gewesen sein, um Inzucht und einen Zusammenbruch der Population zu verhindern. Dies war nur durch wiederholte Verbindungen über das Meer möglich.“

„Unsere Studie zeigt, dass Malta Teil eines bislang unbekannten, über lange Zeit bestehenden Netzwerks für Langstrecken-Seefahrten war“, resümiert Scerri. „Die letzten europäischen Jäger und Sammler erschlossen Land und Meer neu und knüpften soziale Verbindungen auf eine bislang unbekannte Weise, indem sie Inseln und Küsten verbanden - eventuell über Kontinente hinweg.“