Das ist der Klimawandel
: Deutschland 2026: Wie unser Land in der Klimakrise aussieht

Schmelzende Gletscher, tote Bäume, austrocknende Seen und Flüsse: Fotos dokumentieren, wie sich Deutschland aufgrund des Klimawandels verändert. Eines ist dabei klar: Es geht viel schneller, als Experten vermutet und die Bevölkerung befürchtet hat.
Von
Markus Brauer
Potsdam
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Große Hitze, Regenmangel und Wassernot führen zu Dürre und Trockenheit in der Landwirtschaft.

Große Hitze, Regenmangel und Wassernot führen zu Dürre und Trockenheit in der Landwirtschaft.

Imago/Wolfilser
  • Deutschland erlebt Rekordhitze, Dürre, Brände und historisch niedrige Flusspegel.
  • Langzeit-Fotoreihen zeigen schleichende Veränderungen – teils ohne lineare Entwicklung.
  • Gletscher schrumpfen stark, 97 Prozent verlieren Masse, die vier letzten gelten als verloren.
  • Niedrigwasser und Starkregen nehmen zu, da warme Luft mehr Wasserdampf aufnimmt.
  • Wälder leiden unter Dürre und Schädlingen, Waldbrandgefahr und Brandtage steigen deutlich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Brände, Rekordhitze und so wenig Wasser in den Flüssen wie noch nie: Deutschland hat in diesem Sommer die Folgen der Erderwärmung besonders heftig zu spüren bekommen. Doch die klimabedingten Veränderungen zeigen sich nicht nur in den besonders drastischen Katastrophenbildern, sondern auch in schleichenden Prozessen.

Kann man die Veränderungen sehen?

Ja, allerdings wird manches erst über einen längeren Zeitraum deutlich sichtbar. Die Deutsche Presse-Agentur hat begonnen, diesen Prozess zu dokumentieren. Seit einigen Jahren nehmen Fotografen an ausgewählten Orten Bilder auf. Jedes Jahr im Spätsommer (meist August), von möglichst exakt denselben Positionen aus und mit der gleichen Perspektive.

Die Veränderungen gehen dabei nicht immer nur in eine Richtung. „Globale Erwärmung bedeutet nicht, dass es an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt jedes Jahr wärmer wird, sondern wir haben natürliche Schwankungen im System“, erklärt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Es sei also nicht überraschend, wenn in den jährlichen Foto-Reihen keine lineare Entwicklung zu beobachten sei.

Das bedeute nicht, dass der Klimawandel keine Auswirkungen darauf habe, wie sich die Umwelt in Deutschland verändere. Die Schwankungen würden durch den Klimawandel alle verstärkt, in alle Richtungen, „und das ist schlecht“.

Wo hat der Klimawandel schon deutliche Spuren hinterlassen?

Am eindeutigsten sind die Veränderungen an den deutschen Gletschern zu erkennen – die mit den steigenden Temperaturen dem Untergang geweiht sind.

Die Fotos zeigen die Reste des Gletschers Höllentalferner - 2021 (oben links), 2022 (oben Mitte), 2023 (oben rechts), 2024 (unten links), 2025 (unten Mitte) und 2026 (unten rechts).

Die Fotos zeigen die Reste des Gletschers Höllentalferner - 2021 (oben links), 2022 (oben Mitte), 2023 (oben rechts), 2024 (unten links), 2025 (unten Mitte) und 2026 (unten rechts).

© Angelika Warmuth/Matthias Balk/dpa

Auf den aktuelleren Bildern sind weniger Schnee und Eis zu erkennen als auf jenen vor rund fünf Jahren. Die vier letzten deutschen Gletscher haben allein von 2023 bis 2025 mehr als ein Viertel ihrer Fläche eingebüßt, wie eine Vermessung des Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und dem Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) ergab.

Der Watzmanngletscher in den Berchtesgardener Bergen könnte schon bald seinen Status als Gletscher verlieren. Am längsten dürfte sich noch der Höllentalferner im Zugspitzgebiet halten. Beide werden bereits seit 2021 jährlich von dpa fotografiert.

Klimaforscher Levermann erklärt: „Unter globaler Erwärmung gibt es zwar mehr Niederschlag und dieser kann auch in hohen Breiten als Schnee fallen, aber die Erwärmung selber und das damit verbundene Schmelzen von Gebirgsgletschern überwiegt bei weitem. Und deswegen verlieren 97 Prozent der Gebirgsgletscher weltweit und auch die in Deutschland an Masse. Die deutschen Gletscher sind also nicht mehr zu retten.“ Neben den genannten gehören noch der Nördliche Schneeferner und der Blaueisgletscher dazu.

Welche Folgen hat das große Schmelzen?

Viele Menschen denken bei schmelzenden Gletschern an negative Folgen für den Wintersport, aber die Folgen sind weitreichender. Gebirgsgletscher seien wichtige Speicher von Frischwasser für die Flüsse, auch in den Alpen, erläutert Levermann. Normalerweise nehme im Winter die Masse durch Schnee zu und im Sommer schmölzen dann Teile davon ab.

„Wenn das im Gleichgewicht ist, dann bedeutet das so eine Art Puffer in einer Zeit, in der man potenziell eine Dürre hat und deswegen weniger Wasser in den Flüssen und Seen. Und diese ausgleichende Wirkung, die verlieren sie halt.“ Auch beim Niedrigwasser der vergangenen Wochen dürfte dieser Effekt bereits eine Rolle spielen.

Die Pegelstände am Rhein lagen in diesem Sommer zeitweise auf historisch niedrigem Niveau.

Der Rheinturm spiegelt sich bei niedrigem Wasserstand auf dem Rhein in einer Lache.

Der Rheinturm spiegelt sich bei niedrigem Wasserstand auf dem Rhein in einer Lache.

Federico Gambarini/dpa

Das Niedrigwasser erreichte in Flüssen wie Rhein und Donau in diesem Jahr historische Ausmaße: Die Pegelstände erreichten im Sommer Rekord-Tiefstände.

Wenn mehr Niederschläge zu erwarten sind, wieso haben dann Flüsse und Seen so wenig Wasser?

„Das ist Leuten häufig nicht klar, denn es wirkt erst wie ein Widerspruch: mehr Dürren und mehr starker Niederschlag. Aber wenn man kurz darüber nachdenkt, merkt man sofort, nein, das ist kein Widerspruch, denn das kann erstens an unterschiedlichen Orten passieren und natürlich am gleichen Ort auch zu unterschiedlichen Zeiten“, erklärt Levermann. „Und tatsächlich steht hinter beidem das gleiche Gesetz – dass eine wärmere Atomsphäre hungriger nach Wasserdampf ist.“

Pro Grad Erwärmung könne die Atmosphäre sieben Prozent zusätzlichen Wasserdampf aufnehmen. „Wenn die Luft trocken ist, aber warm, dann saugt sie den Boden, dann saugt sie die Flüsse, dann saugt sie die Flusszuläufe leer von Wasser und dann trägt sie dieses Wasser irgendwo hin. Wenn dann die Bedingungen dafür da sind, um ein Niederschlagsereignis zu haben, ist dieses Ereignis dann stärker, heftiger und es passieren auch mehr von diesen starken Niederschlagsereignissen.“

Hier ist eine Badestelle am Ufer des Arendsees in der Altmark zu sehen - im Jahr 2023 (oben links), 2024 (oben rechts), 2025 (unten links) und 2026 (unten rechts).

Hier ist eine Badestelle am Ufer des Arendsees in der Altmark zu sehen - im Jahr 2023 (oben links), 2024 (oben rechts), 2025 (unten links) und 2026 (unten rechts).

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Am Arendsee in der Altmark in Sachsen-Anhalt ist in den Jahren der Fotoserie zu sehen, wie unterschiedlich das Ufer des Sees verläuft – je nachdem, wie trocken oder niederschlagsreich der jeweilige Sommer war.

„Hier sieht man, dass wir natürliche Schwankungen haben. Seen oder Flüsse reagieren sehr schnell auf Wetterveränderungen und auch auf saisonale Veränderungen“, so Forscher Levermann. Da Dürreperioden häufiger werden und länger anhalten, sei anzunehmen, dass in der Zukunft mehr Bilder mit niedrigen Wasserständen in den Reihen auftauchten. Gleichzeitig seien jedoch auch Überschwemmungsereignisse wahrscheinlich.

Wie sieht es mit den Wäldern aus?

In der Eifel zeigt sich – wie in vielen anderen Waldgebieten – seit Jahren ein ähnliches Bild. Zwischen abgestorbenen Fichten sind jüngere Buchen zu sehen. Die widerstandsfähigeren Buchen sollen die Fichten im Laufe der Zeit verdrängen.

Zwischen abgestorbenen Fichten sind im Nationalpark Eifel junge Buchen zu sehen - im Jahr 2023 (oben links), 2024 (oben rechts), 2025 (unten links) und 2026 (unten rechts).

Zwischen abgestorbenen Fichten sind im Nationalpark Eifel junge Buchen zu sehen - im Jahr 2023 (oben links), 2024 (oben rechts), 2025 (unten links) und 2026 (unten rechts).

© Oliver Berg/dpa

Levermann erklärt: „Wir haben eine ähnliche Situation wie bei den Gebirgsgletschern.“ Beide, Gletscher und Wald, wüchsen sehr langsam und stürben sehr schnell. „Und wenn wir etwas haben, was den Wald kaputt macht, ist es sehr schwer, den Wald wieder aufzubauen. Das kann Dürre sein, das können aber auch Schädlinge sein, die durch den Klimawandel begünstigt werden.“

Was hat das mit Waldbränden zu tun?

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, welch verheerende Folgen es haben kann, wenn ein Wald sehr trocken ist. Lässt beispielsweise jemand in der Natur eine noch glühende Zigarettenkippe fallen und ausgedorrte Sträucher fangen Feuer, springen die Funken schnell über, können sich rasant ausbreiten und durch die Landschaft fressen.

Waldbrände - wie hier im Hürtgenwald in Nordrhein-Westfalen - werden meist durch den Menschen verursacht. Doch der Klimawandel macht die Bedingungen dafür wahrscheinlicher.

Waldbrände - wie hier im Hürtgenwald in Nordrhein-Westfalen - werden meist durch den Menschen verursacht. Doch der Klimawandel macht die Bedingungen dafür wahrscheinlicher.

© Jan Ohmen/dpa

Dem Thünen-Institut für Waldökosysteme zufolge gibt es fast in ganz Deutschland - außer in Schleswig-Holstein - eine witterungsbedingte Zunahme der Waldbrandgefahr. Die Waldbrandgefahr sei in den vergangenen 30 Jahren durch den Klimawandel immer weiter gestiegen.

Der Forstwissenschaftler Jürgen Bauhus von der Universität Freiburg wies vor kurzem darauf hin, dass die Tage mit hoher Waldbrandgefahr laut Deutschem Wetterdienst deutlich zunehmen. So hätten sich die Tage mit hoher Waldbrandgefahr im Mittel von sechs Tagen pro Jahr (in der Spanne 1961 bis 1990) auf 11,3 Tage im Jahr (im Zeitraum 1991 bis 2020) fast verdoppelt. „Dieser Trend spiegelt sich auch in einer hohen Anzahl an Waldbränden beziehungsweise einer großen Waldbrandfläche wider, die wir insbesondere in den vergangenen zehn Jahren beobachten konnten.“

Und wie geht es weiter?

Die Trends dürften anhalten. Deutschland hat sich dem Deutschen Wetterdienst zufolge gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um 2,5 Grad erwärmt – und damit deutlich stärker als der globale Durchschnitt.

Mit den Grundregeln der Physik seien alle beobachtbaren Veränderungen logisch erklärbar, so Levermann. „Wir müssen es einfach akzeptieren als ein gesellschaftliches Problem.“ Auch die Lösungen seien bekannt.

„Wie man das genau macht, da kann man drüber streiten, aber nicht über die physikalischen Grundlagen. Und der Weg aus der Wirtschaftskrise führt über die Zukunftstechnologien“. Und das sind eben auch und vor allem Windkraft, Solarkraft, Batterien, Speicher, Elektroautos und nicht nur Künstliche Intelligenz. (Text: Larissa Schwedes, dpa)