Neue Debatte um Psychopharmaka
: Wie viel Chemie braucht die Seele?

Viele Menschen erleben Antidepressiva als hilfreich. Doch sie könnten Probleme auch überdecken, warnt eine britische Psychiaterin. Zudem wird verstärkt über schwere Nebenwirkungen debattiert - auch von Betroffenen.
Von
Markus Brauer
Berlin/London
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Menschen hinweggefegt von einer Flutwelle von Pillen.

Menschen hinweggefegt von einer Flutwelle von Pillen.

Imago/Ikon Images
  • Debatte um Psychopharmaka: Nutzen von Antidepressiva und Risiken stehen im Fokus.
  • Betroffene wie Carina Thewald berichten von Akathisie und anhaltender Erschöpfung.
  • „Mad in Deutschland“ kritisiert das biomedizinische Modell und warnt vor Folgeschäden.
  • Joanna Moncrieff sieht Depression als Reaktion auf äußere Umstände und übt Kritik an SSRI.
  • Antidepressiva werden häufiger verordnet – Absetzen soll nur ärztlich begleitet erfolgen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Vor zwei Jahren erlitt Carina Thewald eine Akathisie – ein Zustand krankhafter Bewegungsunruhe. Dem Bewegungsdrang wird nur kurz durch das zwanghafte Ausführen von Bewegungen Linderung verschafft. Die Akathisie tritt als frühes Zeichen des Morbus Parkinson, kann aber auch durch verschiedene Medikamente, beispielsweise Neuroleptika, verursacht werden.

Quälende Unruhe, Nervenschmerzen, Panik und „das Gefühl, dem eigenen Körper entkommen zu wollen“, begleiteten Carina Thewald über Monate. Bis heute leidet die junge Frau an Erschöpfung und Konzentrationsproblemen.

Umdenken in der psychiatrischen Versorgung

Gemeinsam mit anderen Betroffenen hat Carina Thewald „Mad in Deutschland“ gegründet. Die gemeinnützige Organisation wirbt für ein Umdenken in der psychiatrischen Versorgung und für verstärkte Aufmerksamkeit für Schäden, die durch Medikamente oder medizinische Maßnahmen überhaupt erst entstehen.

Im „Leitbild“ von „Mad“ heißt es: „Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisieren wir das biomedizinische Modell der Psychiatrie, das sich auf die Verabreichung von Psychopharmaka konzentriert. Wir sind überzeugt, dass dieses Behandlungsmodell gescheitert ist.“ Und weiter heißt es: „Wir fordern insbesondere die Aufklärung über durch Psychopharmaka ausgelöste Folgeschäden wie Akathisie und PSSD (Post-SSRI/SNRI Sexual Dysfunction).“

Ist die Hirn-Chemie aus dem Gleichgewicht?

Psychische Krankheiten werden heute sehr viel häufiger diagnostiziert als noch vor wenigen Jahrzehnten. Doch die Grenzen zwischen Befindlichkeitsstörung und echter Krankheit sind fließend, der Spielraum für Diagnosen und Therapien entsprechend groß.

Wer an einer psychischen Erkrankung wie Depression leidet, bekommt spezielle Medikamente, wie etwa Antidepressiva oder Neuroleptika. Allerdings reagiert die menschliche Psyche nicht wie auf Knopfdruck. So wirkt nicht jedes Antidepressivum gleich bei jedem Patienten. Dies muss über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausprobiert werden - Nebenwirkungen inklusive.

Vor- und Nachteile von Psychopharmaka

Experten diskutieren schon seit einiger Zeit über Vor- und Nachteile des Einsatzes von Psychopharmaka bei psychischen Erkrankungen.  So gilt die einfache, lange prägende Erklärung eines Mangels des „Glückshormons“ Serotonin als alleinige Ursache für Depressionen inzwischen als überholt, die Entstehung als komplexer.

SSRI-Medikamente - zahlreiche gängige Antidepressiva - sorgen dafür, dass mehr Serotonin zwischen den Nervenzellen verbleibt. Schon zu Beginn der 2000er Jahren zeigten Umfragen, dass die Erklärung einer inneren – endogenen - Dysbalance im Gehirn einer breiten Mehrheit der Bevölkerung bekannt war.

Eine leere Medikamentenverpackung liegt auf einem Tisch. Den nicht bestimmungsgemäßen oder übermäßigen Gebrauch von Medikamenten über das Indikationsgebiet hinaus bezeichnet man als Medikamentenmissbrauch.

Eine leere Medikamentenverpackung liegt auf einem Tisch. Den nicht bestimmungsgemäßen oder übermäßigen Gebrauch von Medikamenten über das Indikationsgebiet hinaus bezeichnet man als Medikamentenmissbrauch.

Imago/Panama Pictures

Endogen oder exogen?

Die britische Psychiaterin Joanna Moncrieff argumentiert jedoch, es habe viel Schaden angerichtet, Menschen zu sagen, dass mit ihrem Gehirn etwas nicht stimme. Sie betrachtet Depressionen als Reaktion auf äußere - exogene - Umstände - wie andere Emotionen auch: „Es ist der Zustand einer Person mit einer individuellen Persönlichkeit, Vergangenheit und Umständen - kein Zustand des Gehirns.“

  • Zur Info: Endogen bedeutet „von innen kommend“ und bezeichnet Prozesse, die durch innere Faktoren entstehen. Exogen bedeutet „von außen kommend“ und bezieht sich auf Einflüsse, die außerhalb eines Systems oder Körpers liegen.

Joanna Moncrieff ist Professorin für Kritische und Soziale Psychiatrie am University College London und eine führende Persönlichkeit im Critical Psychiatry Network. Dieser Zusammenschluss von Psychiatern setzt sich für eine Reform hin zu einem reflektierteren, skeptischeren und patientenzentrierten Ansatz in der Psychiatrie ein.

Ihre Bücher „The Myth of the Chemical Cure”, „The Bitterest Pills“ und „Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of Serotonin Myth” zählen zu den zentralen Werken der kritischen Psychiatrie. Die Medizinerin kritisiert den medizinischen Ansatz der Mainstream-Psychiatrie im Umgang mit psychischen Erkrankungen

Moncrieff erklärt, dass sie ihren Patienten zwar gelegentlich Medikamente verschreibe, aber „nicht davon überzeugt sei, dass Antidepressiva irgendeinen Nutzen haben“ und dass es notwendig sei, „mehr nicht-medikamentöse Wege zu finden, um Menschen in Krisen zu unterstützen“.

Immer mehr Menschen nehmen Antidepressiva

Wissenschaftliche Haarspalterei? Nein. Moncrieff berichtet von Anfeindungen nach ihren ersten Publikationen, auch aus der Pharmaindustrie, die am Verkauf entsprechender Medikamente viel Geld verdient. Der Anstieg von Antidepressiva-Einnahme in den vergangenen Jahren sei „schockierend“, sagt die Forscherin. In Großbritannien und den USA geht man von jeweils 17 Prozent der Bevölkerung aus, die sie regelmäßig einnehmen.

Freilich wächst auch das Bewusstsein für mentale Gesundheit. Möglichkeiten zur Diagnostik haben sich verbessert. „Trotzdem verschärft sich die Mental-Health-Krise“, erklärt Moncrieff. So seien auch immer mehr junge Menschen wegen psychischer Beschwerden dauerhaft arbeitsunfähig. Neuere Experimente, Depressionen oder Angstzustände etwa mit dem starken Narkose- und Schmerzmittel Ketamin zu behandeln, kritisiert sie als „neue Wege, am Gehirn herumzubasteln“.

Depression – Ursachen, Therapien, Medikamente

  • Ursachen: Biochemisch resultiert die Depression aus einem Wirrwarr jener Botenstoffe – sogenannte Neurotransmitter –, die im Gehirn für die Übertragung zwischen den Nervenzellen sorgen. Solange ihre Speicher gefüllt sind, läuft der „Motor“ des Gefühlslebens normal. Bei einer Störung des empfindlichen Nervenstoffwechsels aber kann wie aus heiterem Himmel eine Depression auftreten. Warum gerade bei Depressiven Produktion und Verteilung der Botenstoffe aus dem Ruder läuft, ist bis heute nicht genau geklärt. Neben erblicher Veranlagung sind es etwa schwere Schicksalsschläge wie der Tod eines geliebten Menschen oder die Trennung von einem Partner, welche zu einer Depression führen können.
  • Bei einer Störung des empfindlichen Nervenstoffwechsels aber kann wie aus heiterem Himmel eine Depression auftreten.

    Bei einer Störung des empfindlichen Nervenstoffwechsels aber kann wie aus heiterem Himmel eine Depression auftreten.

    Imago/Ikon Images
  • Therapien: Psychische Erkrankungen sind oft schwer zu diagnostizieren - und noch schwerer zu therapieren. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen sind weder Antidepressiva noch Psychotherapie hilfreich. Es gebe viele Arzneien, die „wirksam sind, aber nicht allen helfen“, erklärt der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. So spreche beispielsweise nur ein Teil der Patienten auf Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) an. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Antidepressiva, die bei diesem Krankheitsbild zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten gehören.
  • Try-and-Error: „Zurzeit läuft vieles nach dem Try-and-Error (Versuch und Irrtum)-Prinzip“, erläutert der Molekularbiologe Sven Cichon, Leiter der Medizinischen Genetik des Universitätsspitals Basel. Der Patient nehme so lange Medikamente, bis irgendwann eines hilft. Das kann jedoch Monate oder Jahre dauern oder auch gar nichts bringen. Während dieser Zeit des Wartens verschlimmert sich oftmals die Depression. Die Medikamente wirkten sehr unspezifisch und hätten daher oft starke Nebenwirkungen hätten, so Cichon.
  • Psychische Erkrankungen sind oft schwer zu diagnostizieren - und noch schwerer zu therapieren. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen sind weder Antidepressiva noch Psychotherapie hilfreich.

    Psychische Erkrankungen sind oft schwer zu diagnostizieren - und noch schwerer zu therapieren. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen sind weder Antidepressiva noch Psychotherapie hilfreich.

    Imago/UIG
  • Pharmakologie der Depression

  • Trizyklische Antidepressiva: TZA – Trizyklika - werden so genannt, weil ihre chemische Grundstruktur aus einem Dreiringsystem besteht. Bis heute ist das Trizyklikum Imipramin im klinischen Einsatz. Es hat außerdem Bedeutung als Standard- bzw. Referenzsubstanz für Nachfolgesubstanzen.
  • Imipramin: Imipramin zählt chemisch zur Klasse der Dibenzazepine und ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Trizyklischen Antidepressiva – auch nichtselektive Monoamin-Rückaufnahme-Inhibitoren (NSMRI: englisch: Non selective monoamino reuptake inhibitor) genannt. Imipramin war der erste moderne Arzneistoff zur Behandlung von Depressionen überhaupt und wurde zum Prototyp einer ganzen Klasse von Psychopharmaka. Er wurde unter der Marke Tofranil auf den deutschen Markt gebracht. Entwickler und Hersteller war der Schweizer Konzern Geigy (heute Novartis); die Markteinführung erfolgte 1958.
  • Weitere Trizyklika: Viele weitere trizyklische Antidepressiva folgten auf die Erstsubstanz Imipramin. Zu den bekannten Vertretern zählen unter anderem Amitriptylin (Saroten®), Clomipramin (Anafranil®), Doxepin (Aponal®) und Trimipramin (Stangyl®).
  • SSRI: Trizyklika hemmen überwiegend nicht-selektiv die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin. Daher haben sie auch zahlreiche Nebenwirkungen. Bemühungen um besser verträgliche Antidepressiva führten mit der Zeit zu neuen Substanzgruppen, zum Beispiel den Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI).
  • Warum gerade bei Depressiven Produktion und Verteilung der Botenstoffe aus dem Ruder läuft, ist bis heute nicht genau geklärt.

    Warum gerade bei Depressiven Produktion und Verteilung der Botenstoffe aus dem Ruder läuft, ist bis heute nicht genau geklärt.

    Imago/Chromorange

Immer mehr Menschen nehmen Antidepressiva

Wissenschaftliche Haarspalterei? Nein. Moncrieff berichtet von Anfeindungen nach ihren ersten Publikationen, auch aus der Pharma-Industrie, die am Verkauf entsprechender Medikamente viel Geld verdient. Der Anstieg von Antidepressiva-Einnahme in den vergangenen Jahren sei „schockierend“, sagt die Forscherin. In Großbritannien und den USA geht man von jeweils 17 Prozent der Bevölkerung aus, die sie regelmäßig einnehmen.

Freilich wächst auch das Bewusstsein für mentale Gesundheit. Möglichkeiten zur Diagnostik haben sich verbessert. „Trotzdem verschärft sich die Mental-Health-Krise“, erklärt Moncrieff. So seien auch immer mehr junge Menschen wegen psychischer Beschwerden dauerhaft arbeitsunfähig. Neuere Experimente, Depressionen oder Angstzustände etwa mit dem starken Narkose- und Schmerzmittel Ketamin zu behandeln, kritisiert sie als „neue Wege, am Gehirn herumzubasteln“.

Medikation niemals eigenmächtig verändern

Hierzulande gilt eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva als effektivste Methode, um Depressionen zu bekämpfen. Auch wenn Moncrieff dies hinterfragt, ist ihr Rat an Patienten deutlich: Keinesfalls sollten sie Medikamente einfach absetzen. Davor wird bei Psychopharmaka grundsätzlich gewarnt. Sinnvoll sei jedoch, sich zu informieren und das Pro und Kontra unter ärztlicher Beratung abzuwägen. (KNA-Material/Paula Konersmann)