Die Alpen bröckeln: Extremhitze führt zu Rekordzahl an Felsstürzen im Hochgebirge

Wie hier beim Mer de glace bei Chamonix warnen Hinweisschilder auf gefährliche Wander- und Kletterrouten. Durch den Klimawandel sind Wege teilweise unpassierbar geworden.
Imago/Pond5 Images- Extremhitze erhöht Steinschlag und Felsstürze in den Alpen – Mont-Blanc-Massiv mit ca. 450 Fällen.
- Hauptursachen sind tauender Permafrost und schwindende Gletscher, die Fels stabilisierten.
- Gefährdung betrifft auch Infrastruktur wie Hütten und Seilbahnen, teils wurden Hütten gesperrt.
- Bergsport wird riskanter ab 2000 bis 2500 Metern, gute Tourenplanung bleibt entscheidend.
- Fachleute erwarten weitere Ereignisse, da Hitze in den Boden eindringt und Prozesse verstärkt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Vielerorts in den Alpen lockert sich mit dem Klimawandel Gestein, weil die gefrorenen Felsschichten antauen oder weil eindringendes Wasser Druck in Spalten erzeugt, die früher ganzjährig von Schnee und Eis bedeckt und durch den Permafrost zusammengehalten wurden. Die Menschen sind alarmiert.
Extremwetter führt zu Rekord an Steinschlägen
In diesem Extremsommer ist es in den Alpen zu einer neuen Höchstzahl an Steinschlägen und Felsstürzen gekommen. „Die weitaus meisten von ihnen sind auf den Klimawandel zurückzuführen“, sagt der französische Geomorphologe Ludovic Ravanel vom französischen Forschungszentrum CNRS in Charmonix. Allein im Mont-Blanc-Massiv sei es zu etwa 450 größeren Felsstürzen gekommen, so Ravanel. „Das ist enorm.“ Vor zehn oder 20 Jahren seien es nur wenige Dutzend pro Sommer gewesen.
Auslöser der Felsstürze sei das Abtauen des Permafrosts. Das gefrorene Wasser im Gestein wirke „wie Zement“, erklärt Ravanel. Wenn es auftaue, lösten sich Gesteinsbrocken. Bergsteiger veröffentlichten in den vergangenen Wochen im Internet furchteinflößende Videos von Steinschlägen in den Alpen.

Gefährlich war die Kletterei schon immer, jetzt wird sie noch gefährlicher: Ein Bergsteiger steigt an einer Stahlleiter am Mer de glace runter.
Imago/Pond5 ImagesWegen der Felsstürze wurden im Sommer zwei Berghütten auf dem Mont Blanc, mit 4806 Metern der höchste Berg Europas, gesperrt. Zwei tschechische Bergsteiger waren Mitte Juli im sogenannten Grand couloir ums Leben gekommen, der wegen der häufigen Steinschläge auch „Todeskorridor“ genannt wird. Mitte August kam an einer anderen Stelle am Mont Blanc ein 31 Jahre alter Bergsteiger ums Leben.
Hitze dringt tief in den Boden ein
„Die Steinschläge bedeuten auch eine Gefahr für die Infrastruktur in den Bergen, für die Hütten und die Seilbahnen“, berichtet Ravanel. Auch das Abschmelzen der Gletscher erhöhe die Gefahr von Steinschlägen, erklärte der Forscher. Der Druck des Gletschers stabilisiere das Gestein. Wenn dieser kleiner und dünner werde, nehme der Druck auf das Gestein ab und es komme zu Steinschlägen.
„Die extreme Hitze des Sommers 2026 wird in den kommenden Monaten noch weiter in den Boden eindringen“, erläutert Ravanel. Daher sei auch im Herbst noch mit starken, wenn auch selteneren Steinschlägen zu rechnen.

Blatten im Lötschental (Schweiz) nach dem Felssturz am 29. Mai 2025.
Imago/MAXPPPWandern und Bergsteigen wird gefährlicher
Wandern und Bergsteigen in den Alpen wird nach Einschätzung auch anderer Experten durch den Klimawandel risikoreicher. „Die Gefahr im Gebirge wächst, das ist keine Frage“, unterstreicht Rolf Sägesser, Fachleiter Ausbildung und Sicherheit Sommer beim Schweizer Alpen-Club SAC. Angesichts dieser Lage wächst nach Angaben der Bergführer in Österreich der Bedarf an fachmännisch geführten Touren.
Der Klimawandel macht auch Bergstürze wie aktuell in der Schweiz und andere Gefahren wie Steinschlag und Felsstürze häufiger. „Die Zunahme dieser alpinen Gefahren ist eine eindeutige Auswirkung des menschengemachten Klimawandels“, erklärt Tobias Hipp, Experte für Klimafragen beim Deutschen Alpenverein. „Die Alpen sind durch die Erwärmung im Ungleichgewicht und werden instabil. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Ereignisse weiter zunehmen.“

Bergsteiger passieren einen Grat vom Vallee Blanche zum Aiguille Du Midi bei Chamonix, France.
Imago/Pond5 ImagesWas Berg- und Felssturz unterscheidet
Grundsätzlich müsse man zwischen Bergsturz und Felssturz unterscheiden, erläutert Hipp. „Beim Bergsturz sind riesige Mengen Gestein unterwegs. Hier sieht man oft im Vorfeld schon Anzeichen wie kleinere Abbrüche, so dass die Region großflächig überwacht werden kann für eine rechtzeitige Frühwarnung. Das ist aber nicht immer der Fall, wie beispielsweise beim Bergsturz am Piz Cengalo im Jahr 2017 mit mehreren Toten.“
Für Bergsportler seien allerdings in der Regel Felsstürze und Steinschlag relevanter. „Dies sind klassische alpine Gefahren, die viel häufiger und flächendeckender vorkommen.“ Auch der Rückgang der Gletscher spiele eine Rolle, weil die Gletscher nicht mehr als Stützen der benachbarten Felswände dienen.
Eis und Gletscher fehlen
Beides werde aber von ähnlichen Prozessen ausgelöst, die durch den Klimawandel begünstigt werden, betont Hipp. „Einerseits erwärmen sich die Berge, wodurch der Permafrost im Inneren sie nicht mehr so gut zusammenhält. Auch der Rückgang der Gletscher spielt eine Rolle, weil die Gletscher einerseits nicht mehr als Stützen der benachbarten Felswände dienen, andererseits weil unter den Gletschern instabile Flächen frei werden, von denen Steinschlag oder Abrutschungen ausgehen können.“
Und oft kämen dann noch die zunehmenden Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Hitzewellen als Auslöser hinzu. Am Ende spielten dann meist mehrere Faktoren oder Prozesse zusammen.

Blick auf den Gletscher des Mont Blanc bei Chamonix: Grundsätzlich sei eine gute Tourenplanung mit Blick auf die Wettervorhersage immer nötig, mahnen Experten. Durch die rasanten Veränderungen werde sie aber noch wichtiger.
Imago/Pond5 ImagesAuch in niedrigen Lagen nimmt die Gefahr zu
Wie groß die Gefahr ist, kommt stark darauf an, wo man sich bewegt. „Der normale Berggeher, der nicht im Hochgebirge unterwegs ist, muss sich weniger Sorgen machen“, beruhigt Hipp. „Aber schon in Lagen zwischen 2000 und 2500 Metern nimmt die Gefahr zu, und im Hochgebirge sehen wir einen klar belegten Zusammenhang zwischen der Zunahme der Gefahren und dem menschgemachten Klimawandel.“
Grundsätzlich sei eine gute Tourenplanung mit Blick auf die Wettervorhersage immer nötig, mahnt der Experte. Durch die rasanten Veränderungen werde sie aber noch wichtiger. „Die Alpen werden weiterhin attraktive Heimat für den Bergsport bleiben, wenn auch in Teilen nicht mehr so, wie wir es überliefert bekommen haben. Im Gebirge wird es immer gewisse Gefahren geben, ihre Wahrscheinlichkeit nimmt durch den Klimawandel aber zu.“
Führt der Klimawandel zu Katastrophen?
Ein einzelnes Ereignis direkt auf den Klimawandel zurückzuführen, sei schwierig, betont Jan Beutel, Professor an der Universität Innsbruck. Er untersucht seit Jahren den Zustand von Felsen und Permafrost sowie Klimaeinflüsse.
Dennoch: „Die starken Veränderungen, die wir heute im Hochgebirge erleben, sind zum großen Teil die Folge des Klimawandels der vergangenen Jahrzehnte“, konstatiert er. „Zu einem gewissen Teil ist die Reise für die nächsten Jahre gebucht. Eingeheizt ist schon, und das Tauen und Schmelzen wird unweigerlich weitergehen.“
Durch Gletscherschmelze und schnelles Tauen von Schnee könnten Wasser und Wind das Gestein erodieren. Der Permafrost – die gefrorene Gesteinsschicht – werde immer wärmer, die Schicht, die bei Sommertemperaturen auftaue, immer tiefer. „Auftauen bedeutet aber auch, dass mehr flüssiges Wasser zur Verfügung steht – auch im Inneren des Berges – und das schmiert und fördert die Beweglichkeit, getrieben von der Gravitation“, erläutert Beutel.
Was sind die Ursachen für die Häufung von Felsstürzen?
Vielerorts in den Alpen lockert sich mit dem Klimawandel Gestein, weil die gefrorenen Felsschichten antauen oder weil eindringendes Wasser Druck in Spalten erzeugt, die früher ganzjährig von Schnee und Eis bedeckt und durch den Permafrost zusammengehalten wurden. Die Menschen sind alarmiert.
Der Klimawandel macht Felsstürze sehr viel wahrscheinlicher. Wenn Permafrost auftaut, können Berge ihre Stabilität und damit Schutt und Geröll ihren Halt verlieren. Hochgebirge werden vom Permafrost zusammengehalten, der dafür sorgt, dass das Gestein ganzjährig gefroren ist. Der Permafrost taut, und das Gebirge wird instabiler.
Beim Schweizer Alpen-Club SAC heißt es, dass früher oft gegangene Touren heute im Sommer „Todesfallen“ seien. Loses Geröll und abgerutschte Blöcke „so groß wie Einfamilienhäuser“ machten das Gelände zu gefährlich. (mit AFP-/dpa-Agenturmaterial)
