Fleischfressende Bakterien in der Ostsee
: Drei Berliner mit Vibrionen-Infektionen, ein Todesfall: Was wir bisher wissen

In Berlin wurden drei Vibrionen-Infektionen gemeldet, eine davon endete tödlich. In zwei Fällen wurde die Herkunft in Mecklenburg-Vorpommern verortet.
Von
Markus Brauer
Berlin
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In der Ostsee werden im Sommer regelmäßig Vibrionen nachgewiesen.

In der Ostsee werden im Sommer regelmäßig Vibrionen nachgewiesen.

Stefan Sauer/dpa/dpa
  • In Berlin wurden drei Vibrionen-Infektionen gemeldet, eine endete tödlich.
  • Zwei Erkrankte hielten sich zuvor in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee auf.
  • Alle Betroffenen waren über 75 Jahre alt, Wundkontakte mit Meer- oder Brackwasser gelten als Ursache.
  • Vibrionen vermehren sich bei Wassertemperaturen über 20 Grad – Ostsee wegen wenig Salz besonders betroffen.
  • Symptome sind starke lokale Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost, Behandlung erfolgt mit Antibiotika.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Berliner Gesundheitsämter haben einen Todesfall nach einer Vibrionen-Infektion registriert. Der Mensch hielt sich den Angaben zufolge vor Einsetzen der Symptome in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee auf. Es handelt sich nach Angaben des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) um den ersten von der Behörde registrierten entsprechenden Todesfall seit 2023. Für die Zeit davor liegen demnach keine Daten vor.

Erkrankungen nach Wund- oder Hautkontakt mit Meerwasser

Insgesamt verzeichnet das Lageso in seinem jüngsten Wochenbericht zu Infektionskrankheiten in diesem Jahr bereits drei Fälle von Vibrionen-Infektionen. Auch in einem anderen dieser Fälle hielt sich die Person demnach vor Beginn der Erkrankung in Mecklenburg-Vorpommern im Landkreis Vorpommern-Greifswald auf. Die Behörde geht davon aus, dass sich die Erkrankungen vermutlich nach Wund- oder Hautkontakt mit Meer- beziehungsweise Brackwasser entwickelt haben.

Bei allen drei Betroffenen lag den Angaben zufolge eine Wundinfektion vor, die sich in zwei Fällen zu einem septischen Krankheitsbild entwickelt habe, in einem Fall mit tödlichem Verlauf. In diesem Fall wird als Datum für den Erkrankungsbeginn der 22. Juni und als Todesdatum der 13. Juli 2026 angegeben.

Angaben zum Geschlecht der Menschen machte die Behörde aus Datenschutzgründen nicht. Alle Betroffenen seien über 75 Jahre alt und zählten somit zur Risikogruppe. Dazu zählten insbesondere ältere und immungeschwächte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, etwa Diabetes, Leber- oder schweren Herzerkrankungen. Gefährdet sind vor allem Menschen mit offenen Wunden.

 Vibrionen sind Bakterien, die weltweit in Meeren, Flussmündungen, Brackwasser, aber auch in Binnenseen vorkommen.

Vibrionen sind Bakterien, die weltweit in Meeren, Flussmündungen, Brackwasser, aber auch in Binnenseen vorkommen.

Bernd Wüstneck/dpa

Vibrionen-Saison früh gestartet

Vibrionen sind natürlicherweise in Süß-, Brack- und Salzwasser vorkommende Bakterien. Mit sommerlicher Hitze steigt das Risiko für Vibrionen-Infektionen an Nord- und Ostsee. Bei Wassertemperaturen über 20 Grad können sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) Vibrionen in Oberflächengewässern stark vermehren.

Gerade in flachen, sich schnell erwärmenden Küstenbereichen steigt das Risiko für ein vermehrtes Auftreten der Bakterien bei höheren Temperaturen deutlich. Die Ostsee ist aufgrund ihres niedrigen Salzgehalts besonders betroffen.

Eine Infektion mit Vibrionen kann vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem gefährlich sein.

Eine Infektion mit Vibrionen kann vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem gefährlich sein.

Stefan Sauer/dpa

Dem Lageso-Bericht zufolge verzeichneten die Berliner Gesundheitsämter im gesamten Jahr 2025 zwei Vibrionen-Infektionen und 2023 und 2024 jeweils fünf. In diesem Jahr sei eine vergleichsweise frühe Saison hierzulande erworbener Vibrionen-Infektionen zu beobachten, die wahrscheinlich auf die durch hohe Temperaturen verursachte frühe Erwärmung der Küstengewässer zurückzuführen sei.

Die jüngsten Daten erfassen den Zeitraum einschließlich der 29. Kalenderwoche. Bis dahin sei in den Vorjahren im Mittel ab Jahresbeginn lediglich eine Infektion gemeldet worden.

Was sind Vibrionen?

Bei Vibrionen handelt es sich um das Stäbchenbakterium Vibrio vulnificus, das natürlicherweise in Meer- und Brackwasser vorkommt und mit dem Choleraerreger verwandt ist. Seit 1993 ist bekannt, dass Vibrionen in der Ostsee vorkommen und schwere Wundinfektionen bis hin zu einer tödlich verlaufenden Sepsis verursachen können.

3D-Illustration des Stäbchenbakteriums Vibrio vulnificus.

3D-Illustration des Stäbchenbakteriums Vibrio vulnificus.

Imago/BSIP

Was sind die Folgen eines Kontakts?

Vibrionen können über Hautverletzungen in den Körper eindringen und bei Menschen mit chronischen Grunderkrankungen sowie Älteren zu schweren Wundinfektionen und Sepsis (Blutvergiftung) führen.

Vibrionen können schwere bakterielle Wundinfektionen mit tief greifenden Nekrosen – also dem Absterben von Körperzellen und einzelnen Gliedern – auslösen. Symptome sind etwa starker lokaler Schmerz, Fieber und Schüttelfrost.

Wer mit Vibrionen kontaminierte Meeresfrüchte isst, die roh oder nur wenig gegart sind, oder kontaminiertes Meereswasser schluckt, kann sich eine Magen-Darm-Erkrankung zuziehen. Behandelt werden die Infektionen in der Regel mit Antibiotika.

Bei schönstem Sommerwetter genießen zahlreiche Urlauber die Strände der Ostsee – wie hier am Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Doch im Meerwasser droht Gefahr.

Bei schönstem Sommerwetter genießen zahlreiche Urlauber die Strände der Ostsee – wie hier am Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Doch im Meerwasser droht Gefahr.

dpa/Thomas Müller

Wie ist der Krankheitsverlauf?

„Die Infektion ist durch einen rasanten Verlauf mit hoher Sterblichkeitsrate gekennzeichnet“, warnt das LAGuS. Entscheidend für die Prognose sei „die frühzeitige Einleitung einer adäquaten Antibiotika-Therapie“.

Vibrionen-Infektionen werden von Brechdurchfall, starken Leibschmerzen und Hautentzündungen begleitet. Die bekannteste Vibrionen-Art, Vibrio cholerae, ist Erreger der Cholera – einer schweren bakteriellen Infektionskrankheit vorwiegend des Dünndarms.

Warum sind Vibrionen in der Ostsee verbreitet?

Nach Angaben von Experten kann sich der Erreger aufgrund des geringen Salzgehalts und Klimawandels an der Ostseeküste ausbreiten. Die Bakterien kommen aber auch in anderen Regionen der Welt vor. In Meerestieren wie Garnelen und Austern wurden die Erreger bereits nachgewiesen.

Die Zahl sommerlicher Vibrionen-Infektionen könnte in den kommenden Jahren in Folge der globalen Erwärmung insbesondere an der Ostseeküste weiter zunehmen. Grund dafür sind steigende Wassertemperaturen etwa der Meere und in Flussmündungen. Sie erleichtern den salztoleranten Bakterien die Ausbreitung.

Wer ist besonders gefährdet?

In den vergangenen Jahren lag die Zahl bekannter Erkrankungen in Deutschland laut Eckhard Strauch, Leiter des Konsiliarbüros für Vibrionen des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), im ein- oder niedrigen zweistelligen Bereich. Wie viele Menschen sich in diesem Jahr infizieren werden, hänge vom Wetter ab. Vereinzelt sei es in den vergangenen Jahren zu Todesfällen gekommen.

Junge und gesunde Erwachsene erkranken laut Robert Koch-Institut (RKI) nur selten an einer Vibrionen-Infektion. Gefährdet sind vor allem Personen mit bestimmten Grundrisiken wie chronischen Grundleiden (Lebererkrankungen, Alkoholabhängigkeit oder Diabetes mellitus), bestehender Immunschwäche (nach Transplantationen oder bei einer bestehenden HIV-Infektion) sowie Personen höheren Alters.

Wenn Badegäste zu diesen Risikogruppen gehören und Hautverletzungen vorhanden sind, sollte ein Kontakt mit Meer- oder Brackwasser unterbleiben.