Gefahr im Sommer
: Menschen mit Diabetes: „Bloß nicht Barfuß laufen!“

Kleinste Verletzungen haben bei Diabetikern gefährliche Folgen. Warum diese Gefahr im Sommer besonders groß ist, erklärt der Diabetes-Experte Farzin Adili.
Von
Regine Warth
Berlin
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Barfuß am Strand zu sein ist ein echtes Sommervergnügen. Doch gerade bei Diabetikern können kleine Wunden gravierende Folgen haben: etwa ein schlecht heilendes Fußgeschwür.

IMAGO/Zoonar
  • Experten warnen: Menschen mit Diabetes sollen nicht barfuß laufen – auch nicht im Haus.
  • Grund sind Neuropathie und Durchblutungsstörungen, die Schmerzen dämpfen und Heilung bremsen.
  • Sommer erhöht das Risiko: heiße Flächen, Risse, Muscheln oder Splitter bleiben oft unbemerkt.
  • Der „diabetische Fuß“ kann lebensbedrohlich werden, Amputationen und hohe Sterblichkeit drohen.
  • Empfehlung der IWGDF: geeignetes Schuhwerk und konsequente Fußpflege, bei Wunden rasch zum Arzt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Schuhe aus und raus. So sollte es sein im Sommer, wenn der sonnenbeschienene Boden warm und das Gras sich unter den Fußsohlen ganz weich anfühlt. Und doch genau vor diesem sommerlichen Vergnügen warnt die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG) ganz aktuell: „Wer an Diabetes erkrankt ist, sollte bitte nicht barfußlaufen. Weder im Haus oder in der Wohnung und erst recht nicht im Freien.“

Zu groß ist die Gefahr, dass schon kleinste Verletzungen zu einer schweren gesundheitlichen Gefahr werden, erklärt der Präsident der Gesellschaft Farzin Adili. Denn das Problem ist: Vielen Betroffenen fehlt das Gefühl von Schmerz.

Der stetig hohe Blutzuckerspiegel führt dazu, dass die Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark geschädigt werden. „Etwa die Hälfte aller Menschen mit Diabetes entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine sogenannte diabetische Neuropathie“, heißt es seitens der DGG. Aufgrund der Nervenschädigung werden Schmerz-, Druck- oder Temperaturempfindungen an den Füßen vermindert wahrgenommen oder gehen ganz verloren. „So können Blasen, Druckstellen, kleine Verletzungen oder Verbrennungen entstehen, ohne dass Betroffene dies sofort registrieren“, sagt Farzin Adili.

Ein weiteres Problem ist, dass die Stoffwechselerkrankung auf Dauer zu Durchblutungsstörungen führt, die eine Wundheilung verlangsamen - medizinisch „periphere arterielle Verschlusskrankheit“ genannt. „Treffen Nervenschädigung und Durchblutungsstörung aufeinander, kann sich am Fuß aus einer kleinen Verletzung schnell eine chronische Wunde entwickeln, ein Ulkus“, sagt Adili.

Wenn das Warnsignal Schmerz fehlt

Diese Gefahr besteht verstärkt im Sommer, wenn die Menschen gerne barfuß laufen.  Die Hornhaut an den Füßen wird trocken, es können feine Risse oder Schrunden entstehen. Speziell an Hitzetagen heizen sich Asphalt, Steinplatten, Terrassenböden, Sand oder Metallflächen so stark auf, dass sie das Gewebe an den Füßen zusätzlich schädigen können. „Doch während gesunde Personen reflexartig reagieren und den Fuß zurückziehen, fehlt bei vielen Menschen mit diabetischer Nervenschädigung dieses Warnsignal“, sagt Adili. „Auch Muscheln, Dornen, Glassplitter oder Steinchen können unbemerkt kleine Verletzungen herbeiführen.“

„Der diabetische Fuß ist keine Bagatelle, sondern eine schwere, potenziell lebensbedrohliche Komplikation“
Farzin Adili
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin

Doch gerade bei Diabetikern können schon kleine Wunden gravierende Folgen haben: etwa ein schlecht heilendes Fußgeschwür. Der sogenannte „diabetische Fuß“ ist eine gefürchtete Folgeerkrankung bei Patienten mit der Stoffwechselkrankheit, die mitunter lebensbedrohlich werden kann, warnt die DGG.

Nach Angaben der Fachgesellschaft  sterben rund 30 Prozent der Betroffenen mit einem diabetischen Fußgeschwür innerhalb von fünf Jahren. Auch führt ein solches Syndrom bei rund 40.000 Diabetikern pro Jahr zu Amputationen – bei manchen ist es nur ein Zehenglied, anderen wieder muss der ganze Unterschenkel amputiert werden. Und selbst dann ist die Lebenserwartung stark verkürzt: Nach einer Amputation oberhalb des Sprunggelenks versterben nach Angaben der DGG wiederum 70 Prozent der Patientinnen und Patienten innerhalb von fünf Jahren.

Internationale Leitlinie rät vom Barfußlaufen ab

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die aktuelle internationale Leitlinie der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) Menschen mit Diabetes und erhöhtem Risiko für Fußgeschwüre ausdrücklich, weder im Haus noch im Freien barfuß zu laufen. „Nur geeignetes Schuhwerk mit fester Sohle und genügend Platz, aus weichem Material und ohne Innennähte schützt ausreichend vor mechanischen Verletzungen, Fremdkörpern und Hitzeschäden und gehört zu den wichtigsten Maßnahmen der Vorbeugung – auch im Sommer“, sagt Adili.

Leben mit Diabetes

Immer mehr Menschen in Deutschland leben mit der Diagnose Diabetes. Doch welche Formen gibt es? Alle Zahlen und Fakten im Überblick (Stand Februar 2025):

  • Inzidenz: In Deutschland erkranken jährlich etwa 450 000 Erwachsene neu an Diabetes. Aktuell sind mindestens 9,1 Millionen Menschen betroffen. Die Dunkelziffer liegt aber weitaus höher.
  • Perspektive: Bei gleichbleibender Entwicklung ist davon auszugehen, dass hierzulande bis zum Jahr 2040 etwa 12,3 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sein werden.
  • Diabetes Typ 1: Es gibt etwa 340 000 Betroffene im Erwachsenenalter und etwa 37 000 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 20 Jahren. Jährlich erkranken etwa 4000 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre neu an Typ 1-Diabetes. Auch diese Zahl steigt im Jahr um drei bis fünf Prozent an.
  • Diabetes Typ 2: Etwa 95 Prozent der Diabetes-Patienten und -Patientinnen haben einen Typ-2-Diabetes.
  • Gestationsdiabetes: Jährlich erkranken über 60 000 Frauen an Schwangerschaftsdiabetes, das entspricht 8,2 Prozent aller Schwangeren. Sie haben ein mehr als siebenfach erhöhtes Risiko, später an einem manifesten Diabetes zu erkranken.

Eine wichtige Maßnahme, um einen diabetischen Fuß zu verhindern, ist eine gründliche Fußpflege. „Rötungen, Blasen, Druckstellen, Einrisse oder Schwellungen, Geruch und Sekrete sollten immer ernst genommen und rasch ärztlich abgeklärt werden“, sagt Adili. Ärztinnen und Ärzte können bei Bedarf Betroffenen auch eine medizinische Fußpflege verordnen. Dafür muss noch kein diabetisches Fußsyndrom vorhanden sein: Leichte Symptome wie trockene Haut oder vermehrte Hornhautproduktion reichen als Begründung aus.

Die DGG empfiehlt zudem, bei schlecht heilenden Wunden stets auch die Durchblutung überprüfen zu lassen. „Wundheilung beginnt nicht erst beim Verband – sie beginnt mit der Frage, ob ausreichend Blut im Gewebe ankommt“, betont Adili. Eine frühzeitige gefäßmedizinische Diagnostik könne helfen, Komplikationen zu vermeiden und die Heilungschancen deutlich zu verbessern.

Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG)

Professor Adili ist seit 2017 Mitglied im Vorstand der DGG. Von 2018 bis 2022 war er Sekretär unserer Fachgesellschaft. In den Jahren 2023 bis 2024 hatte er das Amt des Vize-Präsidenten inne. Adili ist Mitglied der Kommission Weiterbildung, die er bis 2022 geleitet hat, sowie der Kommission Wissenschaft und Forschung und der Sektion Gefäßassistenz/EVAs.