Wie Telefonbetrüger vorgehen: Warum so viele auf Schockanrufe reinfallen

Schockanruf, Enkeltrick oder falsche Polizisten: Der Schaden aus solchen Delikten ist zuletzt deutlich gestiegen, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt.
Karl-Josef Hildenbrand/dpa- Schockanrufe, Enkeltrick, falsche Polizisten: Schäden laut PKS zuletzt deutlich gestiegen.
- „Falscher Polizist“: rund 49,5 Mio. Euro Schaden, zuvor 30,1 Mio.; Fälle 3.946 auf 4.646.
- Enkeltrick und Schockanrufe: rund 49 Mio. Euro Beute, zuvor rund 46,4 Mio.; weniger Fälle.
- Täter erzeugen Zeitdruck, berufen sich auf Autoritäten und fordern Geheimhaltung – psychische Belastung.
- BKA warnt vor KI-Stimmen bei Schockanrufen; Experten fordern einen mehrschichtigen Ansatz.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Eine Frau aus dem hessischen Gießen überweist dem Täter 115.000 Euro, er hatte sich als falscher Polizist ausgegeben und vor einem angeblich betrügerischen Bankangestellten gewarnt. Eine angeblich gefährdete Münzsammlung im Wert von mehr als 200.000 Euro erbeuten Betrüger in Bad Homburg in Hessen, im baden-württembergischen Ostelsheim beträgt der Schaden in einem ähnlichen Fall mehr als eine Million Euro.
Zahl der Delikte steigt deutlich
Schockanruf, Enkeltrick oder falsche Polizisten: Der Schaden aus solchen Delikten ist zuletzt deutlich gestiegen, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt. Dies gilt vor allem für die Kategorie „Falscher Polizist“, wie das Bundeskriminalamt mitteilt. Vergangenes Jahr betrug er rund 49,5 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 30,1 Millionen Euro. Die Zahl der erfassten Fälle stieg von 3.946 auf 4.646.
Mit Hilfe des Enkeltricks beziehungsweise von Schockanrufen wurden nach BKA-Angaben 2025 rund 49 Millionen Euro erbeutet, im Vorjahr waren es rund 46,4 Millionen Euro.

Der Schaden durch die Betrugsmaschen wächst. (Symbolbild)
© Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpaDie Zahl der erfassten Fälle sank in diesem Bereich zwar von 6658 auf 4.798. Der gestiegene Schaden ist jedoch ein Hinweis darauf, dass weniger Fälle mit höheren Schäden einhergehen können.
Warum fallen Menschen immer wieder darauf herein?
An Warnungen und Aufklärung mangelt es nicht. Warum fallen trotzdem immer wieder Menschen darauf herein? In einem Überblicksartikel in der Fachzeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ bündeln die Autoren internationale Forschung zu dem Phänomen. Sie sprechen von psychologischer Kriegsführung der Täter und Täterinnen.
Diese setzen demnach gezielt Mittel ein, um Betroffene zu schnellen Entscheidungen zu bewegen. Die Täter können dabei eine psychologisch hoch belastende Situation erzeugen. Typische Elemente sind:
- Die Täter berufen sich häufig auf Autoritäten und erzeugen Dringlichkeit, um Kooperationsbereitschaft zu erhöhen und Widerspruch oder Nachprüfung zu erschweren.
- Zeitdruck soll verhindern, dass Betroffene die Informationen in Ruhe prüfen, Rücksprache halten oder die Plausibilität der Geschichte hinterfragen.
- Die Täter verlangen häufig Geheimhaltung, das kann Betroffene isolieren und damit von Möglichkeiten zur Gegenprüfung und Hilfe abschneiden.
Täter gehen in zwei Schritten vor
Die Täter müssen dabei zunächst eine glaubhafte Geschichte etablieren und die Betroffenen anschließend zu einer konkreten Handlung bewegen – etwa zur Übergabe von Geld, zur Preisgabe persönlicher Daten oder zu einer Überweisung.

Vorsicht bei anonymen Nummern: Telefonisch erzeugen die Täter eine Ausnahmesituation. (Symbolbild)
© Bernd Weißbrod/dpaEinen einheitlichen Opfertyp gibt es den Forschern zufolge nicht. Sie blicken auf zahlreiche Betrugsmaschen, auch über soziale Plattformen, und sogenannte Romance-Scams über Dating-Apps. Grundsätzlich könnten alle Menschen Betrugsopfer werden, warnen die Autoren.
Auch Bildung oder Finanzwissen schützten nicht zuverlässig. Problematisch könne übermäßiges Vertrauen in die eigene Fähigkeit sein, Betrug zu erkennen und abzuwehren: Warnsignale könnten so weniger ernst genommen werden.
Viele Taten werden nicht angezeigt
Warum wendet sich nur ein Teil der Opfer an die Polizei? Die Delikte seien für Betroffene häufig äußerst schambehaftet, erklärt Florian Wedell von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. Die Gefahr des „Victim blaming“ - also der Schuldzuschreibung in Richtung der Betroffenen - sei in dem Bereich besonders hoch. „Dies hindert Betroffene dann regelrecht daran, sich sichtbar zu machen und Unterstützung einzufordern oder Anzeige zu erstatten.“
Viele Betroffene seien in einer emotionalen Ausnahmesituation, weil Täter mitunter gezielt über die emotionale Ebene versuchten, ihr Ziel zu erreichen. „Zurück bleiben emotional verwirrte Betroffene. Das kann massiv überfordern“, betont Wedell.
Das BKA geht für Deutschland aufgrund der Opferbefragung „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ beim Phänomen „Betrug durch falsche Identität“ - also beispielsweise als Familienmitglied oder falscher Behördenmitarbeiter - von einem Dunkelfeld von mehr als 50 Prozent aus.
Echt klingende Stimmen mit KI
Für eine neue Dimension könnte der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) sorgen, die den Betrug personalisierter und überzeugender machen könne, etwa indem bei Schockanrufen die echt klingende Stimme des Enkels simuliert werde, der dringend Geld brauche, heißt es in einem weiteren Artikel in derselben Zeitschrift.
Das BKA warnt, dies sei auch ohne tiefe technische Kenntnisse mit Hilfe allgemein zugänglicher KI-Systeme möglich.
Individuelle Vorsicht reicht nicht
Aufklärung ist laut den Forschern wichtig, reicht aber nicht aus. Die Wissenschaftler plädieren dafür, Betrug nicht allein als Problem individueller Vorsicht zu behandeln. Nötig sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz.
Banken, Zahlungsdienstleister, Telekommunikationsunternehmen, Plattformen, Behörden und Strafverfolger müssten zusammenarbeiten, um die Bedingungen zu erschweren, unter denen der Betrug funktioniert. Die Autoren plädieren etwa dafür, technische und institutionelle Mechanismen zu schaffen, die verdächtige Geldtransaktionen früh prüfen und gegebenenfalls stoppen oder verzögern können.
Auch der Weiße Ring plädiert für einen mehrschichtigen Präventionsansatz, der neben Aufklärung technologische Schutzmechanismen vorsieht. (Text: Isabell Scheuplein, dpa)
