Historische Sprachenvielfalt: Goldenes Zeitalter: Vor 3000 Jahren könnten Zehntausende Sprachen existiert haben

Der Kodex Zouche-Nuttall stammt aus der mixtekischen Kultur Mittelamerikas (im Gebiet des heutigen mexikanischen Bundesstaats Oaxaca) aus dem 11./12. Jahrhundert n. Chr.: Die dort in Illustrationen gegossene Sprache ist seit langem ausgestorben.
Imago/United Archives International- Studie in „Science“: Die weltweite Sprachenvielfalt stieg im Holozän und erreichte vor 1000 bis 3000 Jahren ihren Höhepunkt.
- Modelle schätzen im frühen Holozän rund 4500 bis 6200 Sprachen – später möglicherweise Zehntausende.
- Danach setzte ein schneller Rückgang ein, der lange vor der europäischen Kolonialisierung begann.
- Treiber des Verlusts waren expandierende Staaten und Imperien, die dominante Sprachen verbreiteten.
- Heute existieren mehr als 7000 Sprachen, doch viele sterben aus und ein historischer Flaschenhals wirkt nach.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Philosoph Martin Heidegger (1899-1976) schreibt über sie: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“ Bevor er darin wohnen kann, muss er dieses Haus allerdings erst bauen.
Verlust an Sprachen war noch nie so groß wie heute
Weltweit sprechen oder gebärden Menschen heute geschätzt mehr als 7000 Sprachen. Dies ist jedoch nur eine Momentaufnahme in einer Geschichte ständigen Wandels. Wie viele Sprachen gab es vor den ersten schriftlichen Zeugnissen? Verringerte die Einführung der Landwirtschaft die sprachliche Vielfalt, weil expandierende Bauernpopulationen kleinere Jäger- und Sammlergruppen verdrängten? Oder führte das Bevölkerungswachstum zunächst zu mehr Möglichkeiten für die Entstehung neuer Sprachen?
Jeden Monat stirbt eine Sprache aus. Der Verlust an Sprachen war noch nie so groß wie heute, am schnellsten schreitet er in Nordamerika und Australien fort.In Deutschland stehen Nordfriesisch, Plattdeutsch und Niedersorbisch sozusagen auf der Roten Liste, in der Schweiz das Rätoromanische.

Medizinmann auf den Marshallinseln, historischer Stich, 1883.
Imago/H. Tschanz-HofmannMit jedem Verlust einer Sprache geht auch eine spezifische Weltsicht und ein Schatz an Ideen verloren. Dafür bietet der Atlas viel Anschauungsmaterial. Es gibt Sprachen, die besonders reich sind in der Beschreibung von Gerüchen, andere charakterisieren Gegenstände danach, ob sie flach, dick oder rund sind. Das im Amazonasgebiet gesprochene Bora wiederum gibt es auch in einer Trommelvariante.

Bewohner Patagoniens, Chile, 1838 .
Imago/United Archives InternationalWann Sprache entstand
Ob es eine Ursprache gegeben hat, die Quelle menschlicher Kommunikation war, ist umstritten. Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie haben herausgefunden, dass der Urmensch noch nicht über die genetischen Voraussetzungen zu eigenen Sprache verfügt hat.
Der Schritt vom unverständlichen Grunzen und Raunen zum akustisch-zeichenhaft-symbolischem System der Kommunikation, das im Laufe der Zeit immer komplexer wurde, hat sich irgendwann vor 100.000 bis 200.000 vollzogen, erklären Paläogenetiker. Der Neandertaler hat demnach noch nicht über die Redseligkeit und Eloquenz des modernen Menschen verfügt.
Wichtigster Träger von Sinnhaften und Überlieferten
Die Sprache ist neben der Schrift der wichtigste Träger von Sinnhaften und Überlieferten, der entscheidende Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis, zentrales Medium zwischenmenschlicher Verständigung. Ohne sie verstummt der Mensch buchstäblich, weil er seine Gedanken und Emotionen, sein Agieren und Reagieren nicht mitteilen kann.
,,Die Grenzen meiner Sprachen bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagt der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Sprache ist die Brücke zwischen geistigem Bewusstsein und äußerer Welt. Nur durch sie kann der Mensch sein Inneres nach Außen kehren und die äußere Welt nach innen holen. Das meint der Satz: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“
Ein internationales Forscherteam aus Spanien, den USA und Deutschland hat jetzt plausible Entwicklungsverläufe der globalen Sprachenvielfalt über die vergangenen 12.000 Jahre rekonstruiert. Die nun im Fachjournal „Science“ veröffentlichte Studie legt nahe, dass die sprachliche Vielfalt während eines Großteils des Holozäns zunahm, vor etwa 1.000 bis 3.000 Jahren einen bemerkenswerten Höhepunkt erreichte und anschließend rasch zurückging.
Geschichte ohne schriftliche Zeugnisse rekonstruieren
Der Studie zufolge war die Geschichte der Sprachenvielfalt also kein einfacher, kontinuierlicher Rückgang ausgehend von einer hohen Diversität in der Altsteinzeit. Vielmehr nahm die Sprachenvielfalt mit dem Anstieg der Weltbevölkerung zunächst zu, erreichte einen außergewöhnlichen, jedoch nur kurzlebigen Höhepunkt und ging anschließend weltweit stark zurück.
„In dieser Arbeit wird ein innovativer Ansatz vorgestellt, um die Dynamiken menschlicher kultureller Vielfalt in der Vergangenheit besser zu verstehen. Damit widmet sie sich einer der zentralen und zugleich schwierigsten Fragen der Humanwissenschaften“, erläutert Marcus Hamilton von der University of Texas at San Antonio.
Für die Zeit vor dem Schriftgebrauch vor rund 6000 Jahren fehlen direkte Hinweise auf die Zahl der Sprachen nahezu vollständig und bleiben bis in die jüngere Vergangenheit lückenhaft. Die Forscher kombinierten daher ethnografische Informationen, Schätzungen zur prähistorischen Bevölkerungsgröße sowie statistische und soziokomputationale Modelle. Dabei handelt es sich um computergestützte Simulationen, die menschliches Verhalten und soziale Interaktionen durch die Interaktion autonomer Einheiten nachbilden.

Babylonisch - eine ausgestorbene Sprache: Ein Ziegelfragment von der Zikkurat in Babylon mit der Inschrift des Königs Nebukadnezar II. aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr..
Olaf M. Teßmer/Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum/dpaJäger und Sammler als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt waren ethnografische Daten von 171 Jäger-, Sammler- und Fischergesellschaften, deren traditionelle Subsistenzwirtschaft und Mobilität durch den Kontakt mit Nahrungsmittel produzierenden Populationen noch nicht nachhaltig verändert worden waren. Mithilfe dieser Daten schätzten die Forschenden die wahrscheinliche Größenverteilung ethnolinguistischer Gruppen zu Beginn des Holozäns.
Diese Schätzungen kombinierten sie mit Rekonstruktionen, denen zufolge die Weltbevölkerung vor 12.000 Jahren zwischen 4,4 und sieben Millionen Menschen umfasste. Wenn man davon ausgeht, dass ethnolinguistische Gruppen damals in der Regel jeweils eine eigene Sprache hatten, ergaben die Modelle für das frühe Holozän einen Schätzwert von rund 4500 bis 6200 Sprachen. Weiter gefasste, ebenfalls plausible Schätzungen reichten von etwa 3300 bis 7800 Sprachen.

Mitglieder des Volks der Ainu in Japan (19. Jahrhundert).
Imago/United Archives International„Eine erste Überraschung war, dass es unmittelbar vor der Einführung der Landwirtschaft weltweit vermutlich keinen außergewöhnlich großen Sprachreichtum gab. Höchstwahrscheinlich gab es sogar weniger Sprachen als heute. Die sprachliche Vielfalt nahm dann über Jahrtausende hinweg zusammen mit der wachsenden menschlichen Bevölkerung zu“, erklärt Russell Gray, Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Indianische Ureinwohner Kaliforniens, gezeichnet von Otto Kotzebue (1787-1846), um 1822.
Imago/KHARBINE-TAPABOREine Menschheit, Zehntausende Sprachen
Landwirtschaft, technologische Innovationen und eine stabilere Nahrungsmittelproduktion ermöglichten ein starkes Wachstum der Weltbevölkerung. Gleichzeitig wurden Gesellschaften größer. Und immer mehr Menschen konnten sich dieselbe Sprache teilen.
Um diese gegenläufigen Prozesse abzubilden, modellierten die Forscher Tausende möglicher Entwicklungsverläufe, die Schätzungen für den Beginn des Holozäns mit der Gegenwart verbinden. Die Modelle erlaubten eine Zunahme der Anzahl von Menschen pro Sprache im Laufe der Zeit und berücksichtigten zugleich unabhängige Rekonstruktionen des globalen Bevölkerungswachstums.
Auch wenn der genaue Verlauf unsicher bleibt, ergaben die Modelle durchweg ein auffälliges Grundmuster: Die sprachliche Vielfalt nahm während des größten Teils des Holozäns (das Holozän ist die gegenwärtige und seit etwa 11.700 Jahren andauernde Erdepoche, die als Nacheiszeit oder Warmzeit das Ende der letzten Kaltzeit markiert) zu und erreichte vor 1000 bis 3000 Jahren ihren Höhepunkt.
Viele Modellverläufe deuten auf eine Zunahme um den Faktor zehn im Vergleich zum frühen Holozän hin – die Anzahl der Sprachen dürfte auf ihrem Höhepunkt also bei mehreren Zehntausend gelegen haben.

Ureinwohner am St. Lorenzstrom in Kanada, gezeichnet von Otto Kotzebue, um 1822.
Imago/KHARBINE-TAPABORSprachlicher Höhepunkt historisch erst spät erreicht
„Das überraschendste Ergebnis ist, dass dieser Höhepunkt offenbar erst sehr spät erreicht wurde. Die größte sprachliche Vielfalt könnte demnach nicht in der Altsteinzeit, sondern erst in Zeiten expandierender Staaten und früher Imperien bestanden haben“, konstatiert Claire Bowern von der Yale University in den USA.
Die Autoren bezeichnen diese Phase als sprachliches „Goldenes Zeitalter“. In bisherigen Debatten wurde diese Epoche weitgehend ignoriert. Unter anderem, weil die meisten historischen Quellen von jenen expandierenden Gesellschaften stammen, deren Sprachen sich schließlich durchsetzten.
Sprachenverlust vor Beginn des modernen Kolonialismus
Auf das goldene Zeitalter der Sprachen folgte ein rascher Rückgang, insbesondere in den letzten zwei Jahrtausenden. Die Ergebnisse dieser Studie stellen somit die gängige Vorstellung infrage, nach der die Bedrohung von Sprachen vom Aussterben erst mit der europäischen Kolonialexpansion vor rund 500 Jahren begonnen habe.
Zweifellos hat der europäische Kolonialismus die Verdrängung von Sprachen enorm verstärkt. Die neuen Modelle legen jedoch nahe, dass dieser Prozess tiefere Wurzeln hat: in der Expansion früherer Vielvölkerstaaten und Imperien. Diese brachten einst getrenntlebende Bevölkerungsgruppen in dauerhaften Kontakt miteinander und verbreiteten gemeinsam mit politischen Institutionen, Technologien, kulturellen Praktiken und Krankheitserregern auch dominante Sprachen.
Das Modell identifiziert nicht, welche konkreten Imperien, Regionen oder historischen Ereignisse den globalen Rückgang der sprachlichen Vielfalt verursacht haben. Es zeigt jedoch, dass bereits vor der heutigen Zeit eine sehr starke Verringerung der sprachlichen Vielfalt stattgefunden haben muss.
Heutige Sprachen haben einen Flaschenhals durchlaufen
Dieser Verlust bedeutet, dass die heute gesprochenen Sprachen keine repräsentative Stichprobe all der Sprachen sind, die einst existierten. Während die Sprachen jener Populationen, die expandierten, eine überproportional hohe Überlebenschance hatten, verschwanden die Sprachen jener Populationen, die aufgenommen wurden, verdrängt wurden oder schrumpften.
Dieser historische Flaschenhals könnte auch die weltweite Verbreitung grammatischer Strukturen, Laute und anderer sprachlicher Merkmale beeinflusst haben. Forscher erklären weit verbreitete Merkmale oft damit, dass sie besonders leicht zu erlernen sind, die Kommunikation effizienter machen oder gut an die menschliche Kognition angepasst sind. Die neue Studie legt jedoch nahe, dass auch demografische Expansion und Aussterben berücksichtigt werden müssen.
„Die Sprachen, die wir heute sehen, sind die Überlebenden eines massiven und hochgradig selektiven historischen Flaschenhalses. Ein sprachliches Merkmal ist nicht deshalb häufig, weil es von Natur aus überlegen ist, sondern weil es zufällig von Bevölkerungen getragen wurde, die expandierten. Aussterbeprozesse könnten die sprachliche Vielfalt viel stärker geprägt haben, als uns bisher bewusst war“, resümiert Damian Blasi von der Catalan Institution for Research and Advanced Studies (ICREA).
