Ist das realistisch?: UN fordert: Anstieg der Erderwärmung über 1,5 Grad so kurz wie möglich halten

Kippt das Klimasystem der Erde?
Imago/Dreamstime- UN-Bericht: 1,5 Grad werden überschritten, Rückkehr darunter soll schnell erfolgen.
- Empfohlen wird ein Pfad aus Überschreiten, Höhepunkt und anschließendem Rückgang.
- Welt ist aktuell auf etwa 2,6 Grad, optimistisch wären 1,8 Grad möglich.
- Maßnahmen: Ausstieg aus Fossilen, mehr Erneuerbare, weniger Methan, Schutz von Ökosystemen.
- Folgen laut Unep: mehr Extremwetter, bedrohte Küsten, Gesundheits- und Ernährungsschäden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Auf ein inzwischen unvermeidliches Übersteigen der 1,5-Grad-Marke in der Klimakrise muss dem UN-Umweltprogramm (Unep) zufolge eine möglichst rasche Rückkehr unter diesen Wert folgen. Risiken und Auswirkungen verstärkten sich mit jedem Bruchteil eines Grades und mit jedem Jahr, warnen die Experten im Bericht „Limiting Overshoot“ (Überschreiten begrenzen).
„Die sengende Hitze, die verheerenden Waldbrände und die tödlichen Überschwemmungen dieses Sommers sind eine Warnung vor dem, was uns bevorsteht“, betont UN-Generalsekretär António Guterres.
Überschreiten, Höhepunkt, Rückgang
Der Bericht nennt einen Pfad aus „Überschreiten, Höhepunkt und Rückgang“ als die beste verbleibende Option. „Wir müssen die Überschreitung so gering und so kurz wie möglich halten – indem wir begrenzen, wie stark die Temperaturen ansteigen und wie lange sie über 1,5 Grad bleiben.“, erklärt Guterres.
„Jetzt ist es an der Zeit, unsere Klimaschutzbemühungen zu verstärken - und nicht, sie aufzugeben“, so Unep-Exekutivdirektorin Inger Andersen bei der Vorstellung des Berichts in Nairobi.
Aktuell auf dem Weg zu 2,6 Grad mehr
Aktuell befindet sich die Welt dem Bericht zufolge auf einem Weg, der zu etwa 2,6 Grad Temperaturanstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit führen würde. Vieles deute darauf hin, dass die 1,5-Grad-Grenze bereits in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten werde.
Im optimistischsten Szenario, wenn sehr schnell und umfassend reagiert würde, könne der Höchstwert auf 1,8 Grad über dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden, erläutert Debra Roberts, eine der Autorinnen des Berichts.

Gletscherschmelze durch globale Erwärmung findet schon jetzt statt.
Angelika Warmuth/dpaZu den dafür nötigen Maßnahmen zählen Guterres zufolge ein beschleunigter Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und der Ausbau erneuerbarer Energien, eine drastische Reduzierung der Methanemissionen und der Schutz von Land, Wäldern und Ozeanen. Einen wesentlichen Bestandteil des Maßnahmenmixes sehen die Autoren zudem in sorgfältig gesteuerter Kohlendioxid-Entfernung aus der Luft und dessen Speicherung durch Aufforstung oder andere Mittel.
Natur stärken statt auf Technologie vertrauen
Greenpeace-Klimaexperte Jannes Stoppel erklärt in einer Stellungnahme: „Klimapolitische Versäumnisse haben die 1,5-Grad-Grenze gerissen.“ Umso wichtiger sei nun, natürliche CO2-Senken wie Wälder und Moore zu stärken, statt auf riskante technische Lösungen zu hoffen.
„Die Ozeane können schon jetzt durch die Erwärmung deutlich weniger Kohlenstoffdioxid aufnehmen, deshalb sind Wälder und Böden die eigentlichen Hoffnungsträger, um dem CO2-Überschuss etwas entgegenzusetzen“, so Stoppel weiter.
Der beste Weg, um CO2 aus der Atmosphäre zu bekommen, sei eine massive, ökologisch durchdachte Wiederbegrünung des Planeten und der Schutz natürlicher Ökosysteme. „Die Emissionen müssen zudem in allen Bereichen schnell runter: Die Menschheit kann sich nicht an ein Klima anpassen, das fortlaufend unberechenbarer wird.“
Nicht jede Auswirkung wird umkehrbar sein
„Es wird keine guten Ergebnisse geben, wenn wir über 1,5 Grad bleiben“, warnt Andersen. Einige Auswirkungen könnten abrupt auftreten, während andere sich im Laufe der Zeit verstärkten. Nicht jede sei reversibel, heißt es im Bericht.
Regierungen hätten daher tiefgreifende Anpassungsmaßnahmen umzusetzen. „Die Anpassung darf nicht hinter der Eindämmung zurückstehen: Beides muss jetzt umgesetzt werden, insbesondere dort, wo die Gefährdung am größten ist“, unterstreicht Mitautorin Shobha Maharaj von der Universität von Fidschi.

Der Hitzesommer 2026 zeigte bereits die Auswirkungen starker Erwärmung.
Boris Roessler/dpaZu den zu erwartenden Folgen zählen Unep zufolge verstärkte Extremwetterereignisse, der Verlust von Ökosystemen und die Überflutung kleiner Insel-Entwicklungsländer und tiefliegender Küstenstädte. Schwere Schäden für die menschliche Gesundheit, die Ernährungssicherheit, die Wasserversorgung, die Natur, Städte, Infrastruktur und Wirtschaft seien zu erwarten.
Verlust von Leben, Existenzen und vielem mehr
„Die Folgen unzureichender Maßnahmen werden bereits deutlich: die zunehmende Zahl von Katastrophen, von denen wir in den Nachrichten hören, der Verlust von Menschenleben, Existenzgrundlagen, Häusern und so vielem mehr“, warnt Maharaj. Es bestehe die Gefahr, dass die Menschheit nicht direkt und umfassend, sondern von Krise zu Krise reagiere.
Der Aufbau von Anpassungsmaßnahmen dauere aber Jahrzehnte. Pläne müssten darum jetzt sofort, noch vor weiteren Auswirkungen, entworfen und umgesetzt werden. „Reaktive Ausgaben entziehen den Bereichen Klimaschutz und Anpassung Ressourcen, vertiefen den Overshoot und schüren die nächste Krise.“ Die Frage sei: „Werden wir handeln? Oder werden wir die sich abzeichnende Gefahr noch verschärfen, indem wir das Problem weiter vor uns herschieben?“
Mitautor Carl Schleußner von der Humboldt-Universität Berlin erklärt: „Die Extreme dieses Sommers, bei noch nicht einmal 1,5 Grad, zeigen, was auf dem Spiel steht.“ Andersen betont: „Wir können - und müssen - den richtigen Weg einschlagen.“ Mitautor Andy Reisinger von der Australian National University sagt, es sei eindeutig klar, was nötig ist. „Lassen wir uns diese Chance nicht auch noch entgehen.“
Warme Worte gegen die Erderwärmung
Bei der Weltklimakonferenz in Paris hatten die Teilnehmerstaaten im Jahr 2015 beschlossen, dass der Anstieg der durchschnittlichen Temperatur auf der Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter möglichst auf 1,5 Grad, zumindest aber auf deutlich unter 2 Grad begrenzt werden soll. Wie naiv zu denken, gegen die menschengemachte Erderwärmung würden warme Worte und kosmetische Korrekturen helfen. Doch die Realität hat die hehren Kämpfer gegen die drohende Heißzeit eines Besseren belehrt.
Einer Analyse der beiden Denkfabriken Climate Analytics und World Resources Institute (WRI) zufolge tun die Staaten weltweit viel zu wenig, um die Klimakrise auf ein erträgliches Maß einzudämmen. Kein einziger (!) der Indikatoren in 45 Schlüsselsektoren ist mit Blick aufs Jahr 2030 auf Kurs, um das Klimaabkommen von Paris einzuhalten, wie die Recherchen zeigen.

Die Klima-Apokalypse hat längst begonnen: Man muss nur die Augen öffnen: Diese Wüstenei in Syrien war früher einmal eine landwirtschaftliche Fläche.
Imago/Anadolu Agency„Alle Systeme blinken rot“, warnt Clea Schumer vom WRI, eine der Leitautorinnen des neuen Berichts „State of Climate Action 2025“. „Es bleibt einfach keine Zeit mehr für Zögern oder halbe Sachen.“
Kohleausstieg möglichst zehnmal schneller
Den Berechnungen der Forscher zufolge müsste die Welt bis 2030 Folgendes unternehmen, um die Pariser Klimaschutzziele noch einigermaßen einzuhalten:
- Mindestens zehnmal schneller aus der Kohle aussteigen: Das entspricht der Stilllegung von fast 360 Kohlekraftwerken mittlerer Größe pro Jahr und dem Stopp aller geplanten Kohle-Projekte.
- Die Abholzung von Wäldern neunmal schneller reduzieren: Das derzeitige Niveau entspricht dem Bericht zufolge in etwa dem dauerhaften Verlust von fast 22 Fußballfeldern pro Minute.
- Den Rind- und Lammfleischkonsum in Ländern mit hohem Konsum fünfmal schneller reduzieren: Das bedeutet umgerechnet, den Konsum um etwa zwei Portionen pro Woche in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland zu senken.

„Unser Planet sendet immer mehr Stresssignale aus“, warnt UN-Generalsekretär António Guterres.
Imago/DepositphotosErderwärmung entwickelt sich nicht linear
Dass 2025 nicht noch heißer gewesen sei als 2024, es also Schwankungen gebe, widerspreche nicht der Tatsache, dass sich die Erde langfristig weiter erwärme, betonen die Copernicus-Experten. Das gelte sogar dann, wenn ab morgen keine klimaschädlichen Treibhausgase mehr ausgestoßen würden, da sich diese lange in der Atmosphäre hielten. „Bei CO2 reden wir über Jahrhunderte“, erläutert Laurence Rouil vom Copernicus-Atmosphärendienst.
In den Bestandsaufnahmen der Klimaforscher geht es um die Lücke zwischen den real zu erwartenden Emissionen von Treibhausgasen in den kommenden Jahren und den Werten, die für ein Erreichen der Pariser Klimaziele notwendig wären. Treibhausgase in der Atmosphäre, insbesondere Kohlendioxid, spielen eine zentrale Rolle beim weltweiten Temperaturanstieg.
Wegen der Erderwärmung gibt es in vielen Regionen häufiger und öfter Extremwetter - also Hitzewellen und Dürren, Stürme und Überflutungen. Dies kann ganze Regionen unbewohnbar machen, Ernten zerstören und damit regionale Hungerkrisen verschärfen. Außerdem steigt der Meeresspiegel, was Küstenregionen und kleine Inselstaaten in ihrer Existenzgrundlage bedroht.

Wer überleben will, muss in armen Ländern oft stundenlang laufen, um an Nahrung und Wasser zu gelangen.
Imago/Jam PressZwei Grad mehr: Was würde das bedeuten?
Diese Frage haben sich der Klimaforscher Taejin Park vom Ames Research Center der US-Raumfahrtbehörde Nasa und sein Team auch gestellt. „Die bei zwei Grad eintretenden Klimaveränderungen und ihre räumliche Heterogenität zu verstehen, ist wichtig, damit Entscheider entsprechende Anpassungen und Maßnahmenpläne vorbereiten können“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Report „Earth’s Future. What does global land climate look like at 2°C warming?” Die Studie ist im Fachmagazin „Advancing Earth and Space Scienes” erschienen.
Für ihre Prognosen verwendeten die Klimaexperten insgesamt 35 Klimamodelle des „Coupled Model Intercomparison Project“ (CMIP), um die Erderwärmung alternativ bei mäßigem und bei ungebremstem Klimawandel vorherzusagen. Zur Info: Das CMIP ist ein 1995 ins Leben gerufenes Netzwerk, das darauf abzielt, das Wissen über den Klimawandel zu verbessern.

2, 3 oder 4 Grad mehr? Was soll’s! Hauptsache die Menschheit kann weiter fossile Energien verfeuern.
Imago/Panthermedia/KI-generiertWie wird sich die globale Erwärmung auswirken?
Das globale Klima wird der Studie zufolge die Schwelle zu zwei Grad Erderwärmung (die meximale Obergrenze des Pariser Klimaabkommens) bereits in den 2040er Jahren überschreiten, prognostizieren die Experten. Ob der Klimaschutz optimiert wird oder nicht, spielt dabei eigentlich keine große Rolle mehr.
Dass 2025 nicht noch heißer gewesen sei als 2024, es also Schwankungen gebe, widerspreche nicht der Tatsache, dass sich die Erde langfristig weiter erwärme, betonen die Copernicus-Experten. Das gelte sogar dann, wenn ab morgen keine klimaschädlichen Treibhausgase mehr ausgestoßen würden, da sich diese lange in der Atmosphäre hielten. „Bei CO2 reden wir über Jahrhunderte“, erläutert Laurence Rouil vom Copernicus-Atmosphärendienst.
Dass es an manchen Orten auch unterdurchschnittliche Temperaturen gegeben habe oder es auch derzeit in vielen Regionen sehr kalt sei, gehöre zur normalen Variabilität des Wetters. „Eine kalte Region heißt nicht, dass der Klimawandel nicht real ist. Der globale Kontext zählt“, erklärt Burgess. Copernicus-Direktor Carlo Buontempo ergänzte: „Wenn man herauszoomt und sich das große Ganze anschaut, ist das Bild sehr eindeutig.“

Wird die Erde zum Wüstenplaneten?
Imago/DreamstimeDie Zeit drängt
In den Bestandsaufnahmen der Klimaforscher geht es um die Lücke zwischen den real zu erwartenden Emissionen von Treibhausgasen in den kommenden Jahren und den Werten, die für ein Erreichen der Pariser Klimaziele notwendig wären. Treibhausgase in der Atmosphäre, insbesondere Kohlendioxid, spielen eine zentrale Rolle beim weltweiten Temperaturanstieg.
Wegen der Erderwärmung gibt es in vielen Regionen häufiger und öfter Extremwetter - also Hitzewellen und Dürren, Stürme und Überflutungen. Dies kann ganze Regionen unbewohnbar machen, Ernten zerstören und damit regionale Hungerkrisen verschärfen. Außerdem steigt der Meeresspiegel, was Küstenregionen und kleine Inselstaaten in ihrer Existenzgrundlage bedroht.
In Mitteleuropa werden die Sommer heißer, feuchter und schwüler. Die Sonneneinstrahlung wird intensiver und länger – vor allem im Mittelmeerraum, in Nordeuropa, im Osten Nordamerikas, in weiten Teilen Afrikas sowie in der Arktis.
Regional deutlich mehr oder weniger Regen
Für ihre Prognosen verwendeten die Klimaexperten insgesamt 35 Klimamodelle des „Coupled Model Intercomparison Project“ (CMIP), um die Erderwärmung alternativ bei mäßigem und bei ungebremstem Klimawandel vorherzusagen. Zur Info: Das CMIP ist ein 1995 ins Leben gerufenes Netzwerk, das darauf abzielt, das Wissen über den Klimawandel zu verbessern.
Weniger Regen wird es hingegen im Südwesten Nordamerikas und im Mittelmeerraum, in Australien und im Amazonas geben. Dort wird sich die jährliche Niederschlagsmenge signifikant um 98 Millimeter pro Quadratmeter und Jahr verringern.
„Das Amazonasgebiet wird schwerere Dürren, ein höheres Feuerrisiko und gefährlichen Hitzestress erleben, wenn sich die Erde weiter erwärmt“, stellen die Klimaexperten fest. Der größte Regenwald der Erde könnte sich in eine Savanne verwandeln.

Während die internationale Politik und Wissenschaft noch über die Folgen der Klimakrise debattiert und forscht, ist der Wandel für Milliarden Menschen schon längst zu einer Frage des täglichen Überlebens geworden.
Imago/Jam PressWetterextreme verstärken sich
Einige Regionen werden sich schneller erwärmen als der Rest der Welt – nämlich auf eine Jahresmitteltemperatur von über drei Grad. Dazu zählen die Arktis und Antarktis, Grönland, Alaska und Nordasien. Im südlichen Asien, in Afrika und im südlichen Südamerika fällt die Erwärmung dagegen etwas moderater aus.
Bei zwei Grad globaler Erderwärmung – regional können noch weit höhere Werte erreicht werden – werden der Mix aus Luftfeuchtigkeit und Hitze häufiger auftreten und die für Menschen noch erträgliche Grenze deutlich überschreiten.
„Dies gilt besonders stark für das westliche Nordamerika mit 27 zusätzlichen Hitzestress-Tagen, Ostafrika mit 32 Tagen mehr und die Sahelzone mit 44 zusätzlichen Hitzestress-Tagen“, berichten die Wissenschaftler. In Australien und Südamerika könnte sich der Hitzestress dagegen leicht verringern.
In Mitteleuropa werden die Sommer heißer, feuchter und schwüler. Die Sonneneinstrahlung wird intensiver und länger – vor allem im Mittelmeerraum, in Nordeuropa, im Osten Nordamerikas, in weiten Teilen Afrikas sowie in der Arktis. (mit dpa-Agenturmaterial)
