Medizin: Schmerzen am ganzen Körper

Die Punkte deuten die ungefähre Lage der sogenannten Tenderpoints an, die zur Diagnose der Fibromyalgie genutzt werden. Als Akte dienen Vorlagen von Albrecht Dürer (Badefrau) und Leonardo da Vinci.
Richard HuberStuttgart - Das Fibromyalgie-Syndrom, kurz FMS genannt, hat etwas Rätselhaftes an sich. Laut einer unlängst im Fachjournal „Arthritis Care & Research“ veröffentlichten Studie leiden in Deutschland rund 2,1 Millionen Menschen daran – zu 90 Prozent Frauen. In seinem Kern besteht das Syndrom aus Schmerzen an der Wirbelsäule. Daneben gibt es eine Fülle weiterer körperlicher Beschwerden. Die Betroffenen leiden sehr, doch eine organische Ursache war bisher nicht bekannt. Eine Studie an der Universität Würzburg ist nun fündig geworden und leitet damit einen Paradigmenwechsel beim Verständnis des Fibromyalgie-Syndroms ein.
FMS entwickelt sich häufig schleichend und unauffällig. Der Körper schmerzt am Rücken, am Bauch, den Armen und den Beinen, genaugenommen überall. Wer an FMS leidet, hat quasi einen Symptomenkomplex, der einem Dauermuskelkater ähnelt. Übersetzt bedeutet Fibromyalgie auch Faser-Muskel-Schmerz. Schmerzen treten nur an den Weichteilen des Körpers auf, vor allem am Übergang vom Muskel zur Sehne, die den Muskel am Knochen befestigt. Deshalb wird FMS auch als Weichteilrheuma bezeichnet. Es handelt sich aber nicht um ein entzündliches Rheuma, auch wenn die Glieder morgens steif sind. Knochen und Gelenke sind nicht betroffen.
Eine organische Ursache liegt in kleinen Nervenfasern
Bisher sahen Mediziner FMS als sogenannte somatoforme Schmerzstörung an und meinten damit körperliche Beschwerden, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen. Nun ist es Würzburger Forschern erstmals gelungen zu zeigen, dass es – auch – organische Ursachen für FMS gibt. „Wir haben bei Patienten mit einem Fibromyalgie-Syndrom deutliche Zeichen für eine Schädigung der kleinen Nervenfasern nachgewiesen“, sagt die Neurologin Nurcan Üçeyler von der Würzburger Uniklinik. Und genau diese Nervenfasern mit Enden in der Haut sind für die Wahrnehmung von Schmerzen verantwortlich. Warum es zur Schädigung der Nervenfasern kommt, ist allerdings noch ungeklärt. „Mit dem Nachweis einer Beeinträchtigung der kleinen Nervenfasern bei Patienten mit FMS erfüllt Schmerz bei dieser Krankheit nun die Kriterien von neuropathischen Schmerzen, also Schmerzen, die durch eine Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems bedingt sind“, sagt Üçeyler. Möglicherweise helfen die Erkenntnisse, die nun in der Fachzeitschrift „Brain“ erschienen sind, irgendwann auch bei der Diagnose.
Mit bildgebenden Verfahren haben Wissenschaftler bereits Veränderungen im Gehirn von Fibromyalgie-Patienten nachweisen können: Die Schmerzareale sind stärker aktiviert als bei Menschen ohne chronische Schmerzen. Auch die Stresshormonregulation ist verändert. Ursache der ständigen Beschwerden ist demnach eine herabgesetzte Schmerzschwelle, was durch chronischen Stress noch verstärkt wird. Stress am Arbeitsplatz, sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel, frühere Schmerzen und Operationen begünstigen offenbar diese Schmerzempfindungsstörung.
Die Patienten sind bei Krankheitsbeginn zwischen 35 und 55 Jahre alt. Phasen schwerer Schmerzattacken wechseln sich mit schmerzfreien Intervallen ab. Eine Verschlechterung wird oft durch Schlafmangel oder emotionalen Stress ausgelöst. Das volle, aber sehr individuelle Krankheitsbild entwickelt sich erst nach sieben bis acht Jahren. Die Patienten haben nicht nur Muskelschmerzen, sie schlafen auch schlecht, sind erschöpft und müde, ängstlich, mitunter sogar depressiv, haben morgens angeschwollene Fingergelenke und können sich nur mit Mühe konzentrieren. Auch Reizdarm-ähnliche Verdauungsprobleme, eine Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen, Lärm und Licht sowie Schlafstörungen können auftreten.
Man kann lernen, mit den Schmerzen umzugehen
„Das A und O der FMS-Diagnose ist eine gründliche Anamnese“, sagt der Schmerz- und Psychosomatikexperte Wolfgang Eich vom Universitätsklinikum Heidelberg, der Fibromyalgie-Patienten auch an den Acura-Kliniken in Baden-Baden stationär betreut. Tritt Muskelschmerz in mehreren Körperregionen auf und dauert er mehr als drei Monate an, ist dies ein Hinweis auf FMS. Die Blutwerte sind unauffällig; sie eignen sich nur dazu, andere FMS-ähnliche Erkrankungen auszuschließen. Bestimmte Druckschmerzpunkte können die FMS-Diagnose absichern.
„Die meisten Betroffenen fühlen sich dem Schmerz ausgeliefert. Das sind sie aber nicht“, sagt Eich. FMS sei zwar bisher nicht heilbar, „aber es ist möglich, die Schmerzwahrnehmung der Betroffenen zu verändern und so die Beschwerden zu lindern.“ Die Patienten lernen durch eine Therapie, mit ihrer Krankheit besser und aktiver umzugehen. „Zunächst ist der Hausarzt der Ansprechpartner. Sind die Beschwerden zu stark, ist der Rheumatologe dann die nächste Stufe und für noch schwerere Fälle die Klinik“, sagt Eich.
Bei leichten Beschwerden reicht laut der Ende 2012 aktualisierten FMS-Leitlinie Bewegung. Bei schwereren Formen habe sich ein individuell angepasstes Ausdauer- und Krafttraining als effektiv erwiesen, sagt Eich. „Die meisten Patienten profitieren von der Kombination mehrerer Maßnahmen am stärksten. Die Belastung sollte aber nur langsam gesteigert werden.“ Zur Therapie gehören auch Entspannungsverfahren und eine kognitive Verhaltenstherapie sowie Thermalbäder, Akupunktur, Krankengymnastik und Medikamente (siehe dazu die folgende Seite). „Tai Chi und Yoga sind sehr zu empfehlen“, so Eich. Welche Verfahren eingesetzt werden und ob Medikamente nötig sind, hängt davon ab, welche weiteren, damit assoziierten Erkrankungen auftreten. Dazu gehören etwa Depressionen und Angsterkrankungen. Mitunter werden auch Operationen angeboten. Eich schüttelt hierzu nur den Kopf: „Alle rein lokalen Maßnahmen in den Armen, Beinen oder am Rücken oder Operationen machen keinen Sinn, denn es handelt sich um eine Erkrankung, die auch das zentrale Nervensystem betrifft.“ Ob die Würzburger Erkenntnisse etwas an der Therapie ändern, bleibt abzuwarten.
Antidepressiva
Bestimmte Antidepressiva wie Duloxetin und Amitryptilin sind in niedriger Dosierung zeitlich befristet ratsam: Sie lindern Schmerzen und eeinflussen die Stimmung. „Leidet jemand zusätzlich an Depressionen, eignen sich sogenannte Serotoninwiederaufnahmehemmer sehr gut für die Behandlung“, sagt Wolfgang Eich von der Uniklinik Heidelberg.
Antirheumatika
Die Fibromyalgie-Leitlinie stuft nichtsteroidale Antirheumatika – wegen der Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System – sowie Opioide, Cannabinoide, Kortison und muskelentspannende Präparate als ungeeignet ein. Medikamente spielen im Vergleich zu den anderen aktivierenden und psychosomatischen Therapiemaßnahmen eher eine untergeordnete Rolle.