Metaanalyse zu Fibromyalgie: Neue Hinweise auf die Entstehung der Krankheit

Die Metanalyse hat die genetischen Daten von mehr als 50.000 Betroffenen untersucht.
Christin Klose/dpa-tmn/dpaEine neue große Metaanalyse zu Fibromyalgie liefert Hinweise darauf, dass die Erkrankung vor allem mit dem Nervensystem zusammenhängt. Forscher werteten die genetischen Daten von mehr als 2,5 Millionen Menschen aus. Darunter waren rund 54.600 Personen mit Fibromyalgie. Dabei fanden sie 26 Stellen im Erbgut, die mit einem erhöhten Fibromyalgie-Risiko verbunden sind. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Medicine veröffentlicht.
Was zeigt die Fibromyalgie-Studie?
Die genetischen Auffälligkeiten lagen vor allem in Bereichen, die für das Gehirn und die Verarbeitung von Schmerz wichtig sind. Das unterstützt die Annahme, dass bei Fibromyalgie die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem verändert ist.
Betroffene nehmen Schmerzen häufig stärker wahr. Auch Reize, die normalerweise nicht schmerzhaft sind, können Beschwerden auslösen. Fachleute sprechen dabei von zentraler Sensibilisierung.
Die Studie liefert damit weitere biologische Hinweise darauf, dass Fibromyalgie eine körperliche Erkrankung ist. Sie entsteht nicht einfach durch Einbildung oder mangelnde Belastbarkeit.
Zusammenhang mit Konzentrationsproblemen und Reizdarm
Besonders starke genetische Signale fanden die Forschenden in Nervenzellen des Hippocampus. Dieser Bereich des Gehirns ist unter anderem für Gedächtnis und die Verarbeitung von Sinneseindrücken wichtig.
Das könnte erklären, warum viele Betroffene über Konzentrations- und Gedächtnisprobleme berichten. Diese Beschwerden werden oft als „Fibro Fog“ bezeichnet. Einen direkten Beweis liefert die Studie dafür jedoch nicht.
Auch Nervenzellen im Verdauungssystem zeigten Auffälligkeiten. Das passt dazu, dass Fibromyalgie häufig gemeinsam mit einem Reizdarmsyndrom auftritt.
Überschneidungen mit anderen Erkrankungen
Die Forschenden fanden genetische Gemeinsamkeiten mit mehreren Erkrankungen und Beschwerden. Dazu gehörten:
- chronische Rücken- und Gelenkschmerzen
- Reizdarmsyndrom
- Migräne
- Depressionen
- posttraumatische Belastungsstörung
- Schlafstörungen
Das bedeutet nicht, dass eine dieser Erkrankungen Fibromyalgie verursacht. Es zeigt lediglich, dass teilweise ähnliche genetische Faktoren beteiligt sein könnten.
Grenzen der Untersuchung
Bei der Einordnung der Ergebnisse sind mehrere Einschränkungen wichtig.
Der größte Teil der untersuchten Personen hatte europäische Vorfahren. Die Ergebnisse und insbesondere die Risikoscores lassen sich deshalb nur eingeschränkt auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.
Zudem beruhte die Einteilung der Fälle auf dokumentierten ICD-Diagnosen. Dadurch könnten Menschen mit nicht erkannter Fibromyalgie der Kontrollgruppe zugeordnet worden sein. Umgekehrt ist nicht sicher, ob jede erfasste Person alle heute verwendeten Diagnosekriterien erfüllte.
Genetische Assoziationen zeigen außerdem zunächst statistische Zusammenhänge. Ob und wie eine einzelne Variante tatsächlich zur Entstehung der Beschwerden beiträgt, muss in weiteren Untersuchungen geklärt werden.
Neue Therapie durch die Metaanalyse?
Die Studie nennt einige Gene, die künftig für die Entwicklung neuer Behandlungen interessant sein könnten. Dazu gehören unter anderem GPR52 und CELF4.
Eine neue Therapie gibt es dadurch aber noch nicht. Die Ergebnisse sind zunächst ein Ausgangspunkt für weitere Forschung. Auch einen zuverlässigen Gentest für Fibromyalgie ermöglicht die Metaanalyse derzeit nicht.
Die große Metaanalyse stärkt die Annahme, dass Fibromyalgie eng mit der Schmerzverarbeitung im Nervensystem verbunden ist. Die gefundenen Genvarianten könnten langfristig helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und neue Behandlungen zu entwickeln.
Für Betroffene ändert sich die Therapie vorerst nicht. Die Studie liefert aber wichtige biologische Hinweise auf die Ursachen der Fibromyalgie.
