Nako-Gesundheitsstudie
: Warum viele Nierenerkrankungen unentdeckt bleiben

Es ist eine der häufigsten Todesursachen, die Zahl der Betroffenen steigt. Doch Patienten sind ahnungslos, und viele Hausärzte erkennen eine Nierenkrankheit erst spät. Dabei ist die Früherkennung leicht.
Von
Markus Brauer
Freiburg
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Die Niere ist ein lebenswichtiges Organ, das eine zentrale Rolle im menschlichen Körper spielt. Jede Niere filtert das Blut und sorgt dafür, dass Abfallstoffe als Urin ausgeschieden werden. Die Anatomie zeigt, dass die Niere aus Nierenrinde, Nierenmark und Nierenbecken besteht. In den Nierenkörperchen und Tubuli findet die eigentliche Filtration statt.

Die Niere ist ein lebenswichtiges Organ, das eine zentrale Rolle im menschlichen Körper spielt. Jede Niere filtert das Blut und sorgt dafür, dass Abfallstoffe als Urin ausgeschieden werden. Die Anatomie zeigt, dass die Niere aus Nierenrinde, Nierenmark und Nierenbecken besteht. In den Nierenkörperchen und Tubuli findet die eigentliche Filtration statt.

Imago/ingimage
  • NAKO-Studie: Viele Nierenerkrankungen bleiben unentdeckt – trotz auffälliger Werte.
  • Urin: Bei 35.000 Personen hatte jeder Sechste auffällige Werte, nur vier Prozent Diagnose.
  • Blut: Bei 195.000 Teilnehmenden zeigten 5000 Auffälligkeiten, 875 meldeten eine Diagnose.
  • Ursache der Lücke: Einmalmessung reicht nicht, Nachverfolgung und Kommunikation oft schwach.
  • Risiko für Betroffene steigt, doch Früherkennung und Therapien können Verläufe bremsen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Chronische Nierenerkrankungen beginnen meist ohne erkennbare Symptome. Eine aktuelle Analyse der NAKO-Gesundheitsstudie deutet auf eine mögliche Dunkelziffer in der Bevölkerung in Deutschland hin.

Was will die NAKO-Gesundheitsstudie?

Forscher des Universitätsklinikums Freiburg werteten Urinproben von rund 35.000 Personen aus. Jeder Sechste hatte auffällige Nierenwerte, aber nur rund vier Prozent der Teilnehmer mit auffälligen Befunden berichteten eine passende Diagnose.

Außerdem wurden Blutproben von rund 195.000 Erwachsenen ausgewertet. Auch hier zeigte sich, dass bei vielen Menschen eine eingeschränkte Nierenfunktion vorliegen könnte.

  • Zur Info: Die NAKO Gesundheitsstudie ist die größte Langzeit-Bevölkerungsstudie in Deutschland und in dieser Dimension auch europaweit einmalig. In 18 Studienzentren werden seit 2014 über 200.000 zufällig ausgewählte Personen wiederholt medizinisch untersucht und nach ihren Lebensgewohnheiten befragt. Ziel der Studie ist es Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser zu verstehen, um sie wirkungsvoller bekämpfen zu können.
    Die Studie ist ein gemeinsames interdisziplinäres Vorhaben von Universitäten und Universitätsmedizinen, Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft und weiteren Forschungsinstituten.

„Wir mussten feststellen, dass bei einem erheblichen Teil der Probanden Hinweise auf Nierenerkrankungen vorhanden waren. Oft ohne, dass die Betroffenen sich dem bewusst waren“, sagt Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg. „Das könnte auf Defizite bei der Früherkennung oder in der Kommunikation zwischen Patienten und Ärztnen hinweisen.“

Bei den meisten keine Diagnose trotz auffälliger Nierenwerte

Bei Blutuntersuchungen innerhalb der NAKO-Studie, deren Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht worden sind,  zeigten sich bei rund 5000 der 195.000 Teilnehmenden Auffälligkeiten der Nierenfunktion. Nur 875 dieser Personen berichteten, dass ihnen eine entsprechende ärztliche Diagnose bekannt sei.

In einer Teilgruppe, bei der Urinuntersuchungen gemacht worden war, zeigte sich die Lücke noch deutlicher: 6213 von 35.461 Teilnehmern hatten einen oder mehrere auffällige Werte für Nierenfunktion oder Nierenschädigung. Das entspricht 17,5 Prozent aller Teilnehmer, etwa jedem Sechsten. Nur etwa vier Prozent dieser Personen berichteten eine entsprechende Diagnose.

„Die Blut- und Urinwerte erfassen unterschiedliche Seiten der Nierengesundheit. Deshalb ergänzen sie sich gut, um die Nierengesundheit zu bewerten“, erklärt Peggy Sekula, Statistikerin am Institut für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg.

Gesundheitsrisiken für Patienten

Unentdeckte Nierenerkrankungen können fortschreiten und schwere, zum Teil lebensgefährliche Verläufe verursachen. Eine frühzeitige Diagnose und moderne Therapien könnten solche Verläufe verhindern oder hinauszögern. Langfristig könnte eine bessere Früherkennung auch den Bedarf an Nierenersatztherapien wie Dialyse oder Transplantation beeinflussen.

„Die Studie wirft ein wichtiges Licht auf eine mangelhafte Situation im Bereich der Nierengesundheit“, konstatiert Jan Halbritter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin IV mit Schwerpunkt Nephrologie am Universitätsklinikum Freiburg. „Wir sehen jeden Tag in der Klinik, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben. Dabei kommt es darauf an, die jeweilige Ursache möglichst frühzeitig aufzudecken, um spezifisch behandeln und Nierenfunktionsverlust aufhalten zu können.“

Warum die Lücke entsteht

Die Analyse bietet verschiedene Erklärungen für die Lücke zwischen auffälligen Nierenwerten und diagnostizierter Nierenerkrankungen. Klar ist: Eine einmalige Messung reicht nicht für eine Diagnose. Auffällige Werte müssen mit weiteren Tests bestätigt werden.

Manchmal werden Erstbefunde aber nicht konsequent genug nachverfolgt oder verständlich kommuniziert. „Die Ergebnisse sprechen nicht gegen die Diagnostik an sich, sondern dafür, dass es in der Diagnose-Sicherung, Nachverfolgung und Kommunikation bei Nierenerkrankungen noch Verbesserungspotenzial gibt“, erläutert Anna Köttgen.

Die Untersuchungen basieren auf der NAKO Gesundheitsstudie, der größten bevölkerungsbasierten Untersuchung in Deutschland. Bewertet wurden Blutwerte zur Nierenfunktion (Glomeruläre Filtrationsrate) sowie Urinwerte zur Nierenschädigung (Albuminurie). Methodisch handelt es sich um eine Querschnittsanalyse ohne Wiederholungsmessungen. Eine endgültige Diagnose lässt sich daraus nicht ableiten. Frühere Studien zeigen jedoch, dass sich auffällige Befunde häufig bestätigen.

Welche Funktion haben die Nieren?

Nieren sind das Klärwerk des Körpers.

Nieren sind das Klärwerk des Körpers.

Imago/UIG

Die Nieren filtern durch feinste Verästelungen in ihrem Gewebe das Blut und sind unter anderem für die Ausscheidung von wasserlöslichen Stoffen zuständig, die im menschlichen Stoffwechsel anfallen.

Das ist zum Beispiel das Kreatinin, ein Abbauprodukt aus dem Muskelstoffwechsel. Ist die Nierenfunktion gestört, lässt sich das daher auch anhand des Kreatininwerts im Blut ermitteln: Denn dann steigt dort die Kreatinin-Konzentration an, während die Ausscheidung über den Urin fällt.

Nieren haben wenig Schmerzfasern, rufen für sich genommen keine Symptome hervor – ganz anders als etwa das Herz bei einem Infarkt. Genau hier liegt die Gefahr. Nach einer Studie des Hallenser Nierenspezialisten Matthias Girndt weiß nicht einmal jeder dritte Betroffene in Deutschland, dass seine Nieren nur noch eingeschränkt funktionieren.

Gefäßsystem der Nieren: Nieren haben wenig Schmerzfasern und rufen für sich genommen keine Symptome hervor.

Gefäßsystem der Nieren: Nieren haben wenig Schmerzfasern und rufen für sich genommen keine Symptome hervor.

Imago/Imagebroker

Je mehr Schaden das Organ nimmt, desto schlechter arbeitet es und kann den Körper nicht mehr entgiften. Ist die Niere chronisch geschwächt, hilft dem Betroffenen auf Dauer nur noch eine regelmäßige Blutwäsche (Dialyse) oder eine Nierentransplantation.

Was ist ein akutes Nierenversagen?

Ein akutes Nierenversagen (ANV) – auch Harnvergiftung, akute Niereninsuffizienz oder akute Nierenschädigung genannt – ist immer ein Notfall und tritt meist in Zusammenhang mit gleichzeitigen Störungen anderer Organe auf.

Beim akuten Nierenversagen stellen die Nieren innerhalb kurzer Zeit ihre Arbeit ein. Plötzlich, innerhalb von Stunden bis Tagen setzt eine prinzipiell rückbildungsfähige Verschlechterung der filtrativen Nierenfunktion ein.

Ein ANV kann nach normaler Nierenfunktion oder bei bereits chronisch eingeschränkter Nierenfunktion sowie bei einer akuten Nierenerkrankung auftreten.

Was sind die häufigsten Ursachen für ein ANV?

  • große Flüssigkeits- oder Blutverluste
  • Infektionen
  • Vergiftungen
  • Entzündungen

Die Therapie besteht vor allem in der Ursachenbeseitigung sowie Kontrolle des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts. Verbessern die Maßnahmen die Nierentätigkeit nicht oder nicht ausreichend, wird eine vorübergehende Blutwäsche (Hämodialyse) erforderlich.

Was ist eine Chronische Niereninsuffizienz?

Funktioniert bei einer chronischen Niereninsuffizienz die Ausscheidung dieser Substanzen nicht mehr richtig, steigt die Konzentration dieser Stoffe im Blut an. Unbehandelt führt das auf Dauer zu einer Vergiftung des Körpers.

Was sind Risikofaktoren für Niereninsuffizienz?

Die sehr feinen Gefäße der Nieren werden geschädigt durch:

  • Bluthochdruck
  • Diabetes
  • Arteriosklerose
  • Übergewicht: Bei Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) kommen oft mehrere Risikofaktoren für ein Nierenversagen zusammen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Rauchen/Alkohol
  • Medikamente
  • Auch Zigaretten, eine ungesunde Ernährung mit viel Schweinefleisch und über längere Zeit eingenommene Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac können die Nieren massiv schädigen.

Welche Auswirkung haben Diabetes und Übergewicht?

Glomerulosklerose: Nierenveränderungen sind vor allem bei Diabetes sehr häufig – etwa wenn die Blutzuckerwerte beim Patienten nicht gut eingestellt sind. Das kann zur sogenannten Glomerulosklerose führen. Dabei verdicken (verkalken) die kleinen Filtereinheiten im Organ. Die Niere lässt dann Stoffe durch, die der Körper behalten sollte.

Adipositas: Mediziner warnen vor einem gefährlichen Wechselspiel von Nierenerkrankungen und Übergewicht. Denn bei dicken und sehr dicken Menschen kommen oft mehrere Risikofaktoren für Nierenversagen zusammen. Einer davon ist Bluthochdruck. Weil die Nieren als Filter für Giftstoffe im Körper über zahlreiche, sehr feine Blutgefäße verfügen, nehmen sie bei zu hohem Druck Schaden.

Diabetes: Vergleichbare Schäden entstehen bei dauerhaft erhöhtem Blutzucker bei Diabetes, was ebenfalls bei Übergewichtigen verbreiteter ist. „Diabetes und Bluthochdruck sind je für 20 bis 30 Prozent aller chronischen Nierenerkrankungen verantwortlich“, erläutert der Geschäftsführer der Bosch Health Campus GmbH in Stuttgart, Mark Dominik Alscher.

Blutwäsche: In der Regel wird die aufwendige Blutwäsche bei Nierenversagen fällig, wenn die Organfunktion auf unter zehn Prozent sinkt. Rückgängig machen lassen sich Nierenschäden nicht. Und an Spenderorganen mangelt es.

Was sind die fünf Stadien der chronischen Niereninsuffizienz?

Ärzte teilen die chronische Niereninsuffizienz in fünf Stadien ein. Die Einteilung erfolgt nach einem bestimmten Laborwert - dem GFR-Wert (Glomeruläre Filtrationsrate): Dieser zeigt an, wie wirkungsvoll die Nieren das Blut von harnpflichtigen Substanzen reinigen und mit dem Urin ausscheiden. Der normale GFR-Wert für Kreatinin liegt bei 95 bis 110 ml/min: Die Nieren reinigen in diesem Fall mindestens 95 ml Blut pro Minute von Kreatinin.

  • Stadium 1: Urinuntersuchungen ergeben zwar Anzeichen für eine Schädigung der Nieren. Gesunde Bereiche der Nieren sorgen aber dafür, dass sie insgesamt noch normal arbeiten.
  • Stadium 2: Die Nierenfunktion ist leicht eingeschränkt. Es machen sich aber keine Symptome bemerkbar.
  • Stadium 3: Die Nierenfunktion ist mäßig eingeschränkt. Auch in diesem Stadium sind Betroffene in der Regel beschwerdefrei.
  • Stadium 4: Die Nierenfunktion ist stark eingeschränkt, das heißt, die Nieren erfüllen ihre Aufgaben kaum noch. Es können Beschwerden wie Juckreiz, Blutarmut, Knochenschmerzen, Wassereinlagerungen und Schwäche auftreten.
  • Stadium 5: Nierenversagen: Die Nieren können das Blut nicht mehr ausreichend reinigen. Nur eine Nierentransplantation oder eine Dialyse können verhindern, dass sich die Beschwerden verstärken und lebensbedrohliche Folgen auftreten.
Ist die Organfunktion bereits auf weniger als zehn Prozent gesunken ist, hilft meist nur noch die künstliche Blutwäsche (Dialyse)

Ist die Organfunktion bereits auf weniger als zehn Prozent gesunken ist, hilft meist nur noch die künstliche Blutwäsche (Dialyse)

Imago/Panthermedia

Was sind die Symptome einer Niereninsuffizienz?

Mit zunehmendem Alter werden Nieren von Natur aus schwächer. Symptome, die auf Nierenprobleme hindeuten können, sind:

  • hoher Blutdruck
  • stechende Kopfschmerzen
  • Wasser in den Beinen
  • sich spannende Haut
  • Schaum auf dem Urin

Lassen sich Nierenschäden rückgängig machen?

Nein, meist nicht. Wird ein Nierenschaden rechtzeitig erkannt, lässt sich ein Fortschreiten der Erkrankung oft mit Medikamenten und der richtigen Ernährung bremsen.

Ein akutes Nierenversagen (ANV) – auch Harnvergiftung, akute Niereninsuffizienz oder akute Nierenschädigung genannt – ist immer ein Notfall und tritt meist in Zusammenhang mit gleichzeitigen Störungen anderer Organe auf.

Ist die Organfunktion bereits auf weniger als zehn Prozent gesunken ist, hilft meist nur noch die künstliche Blutwäsche (Dialyse). Eine Alternative dazu bietet nur eine Nierentransplantation, doch Spenderorgane sind knapp.

Ein ANV kann nach normaler Nierenfunktion oder bei bereits chronisch eingeschränkter Nierenfunktion sowie bei einer akuten Nierenerkrankung auftreten.