Neue Ziele: Warum greift die Ukraine Wildberries-Lager in Russland an?

Schaulustige beobachten, wie Rauch von einem Brand in den Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries in der Stadt Elektrostal bei Moskau aufsteigt - 18. Juli 2026. Aber warum greift die Ukraine die russischen Wildberries-Lager an?
TATYANA MAKEYEVA/afpDie Ukraine hat innerhalb weniger Tage mehrere Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers Wildberries angegriffen. Hinter der Angriffswelle steckt nach Darstellung Kiews nicht der Versuch, einen gewöhnlichen Versandhändler zu treffen. Die ukrainische Führung betrachtet die Lager vielmehr als Teil einer Infrastruktur, über die auch das russische Militär versorgt werden soll.
Mehrere große Logistikzentren innerhalb weniger Tage getroffen
Bei den jüngsten Drohnenangriffen wurden Wildberries-Zentren in Krasnodar und Newinnomyssk im Süden Russlands getroffen. In beiden Anlagen brachen große Feuer aus. Zu den Opferzahlen lagen zunächst unterschiedliche Angaben vor. Russische Behörden und Unternehmensvertreter berichteten von mehreren Verletzten, teilweise auch von einem Todesopfer. Aufnahmen der Brände verbreiteten sich in sozialen Netzwerken.
Bereits zuvor waren Wildberries-Lager in Elektrostal im Moskauer Gebiet und in der Region Tambow angegriffen worden. Nach russischen Angaben kamen bei den bisherigen Attacken mehrere Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Laut einer vom „Kommersant“ zitierten Expertenschätzung könnten inzwischen etwa sieben Prozent der gesamten Lagerkapazität des Unternehmens nicht mehr nutzbar sein. Demnach wurden fünf der zehn größten Wildberries-Standorte getroffen.
Kiew spricht von militärisch relevanten Gütern
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verteidigt die Angriffe als Bestandteil des Abwehrkampfes gegen Russland. Die betroffenen Logistikzentren seien an der Versorgung der russischen Streitkräfte beteiligt, erklärte er. Dort würden unter anderem Komponenten für Drohnen, Navigationsgeräte und weitere Ausrüstung gelagert oder umgeschlagen.
Im Zentrum der ukrainischen Begründung stehen sogenannte Dual-Use-Güter. Damit sind Produkte gemeint, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke verwendet werden können. Dazu zählen etwa Funkgeräte, Wärmebildkameras, Schutzwesten, Navigationssysteme oder bestimmte elektronische Bauteile.
Wildberries ist offiziell ein Marktplatz, auf dem zahlreiche unabhängige Händler ihre Produkte anbieten. Nach ukrainischer Darstellung werden über die Plattform jedoch auch militärisch nutzbare Waren verkauft und verteilt. Auf einzelnen Produktseiten sollen Anbieter sogar mit Formulierungen wie „im Kriegseinsatz getestet“ oder „Wahl der Kämpfer“ geworben haben. Solche Anzeigen stammen nicht zwingend von Wildberries selbst, zeigen aber, wie eng ziviler Onlinehandel und militärische Nachfrage in Russland teilweise miteinander verbunden sind.
Selenskyj erklärte deshalb, die Ukraine verlagere den Krieg gezielt zurück auf russisches Gebiet. Angriffe auf Logistik, Energieversorgung und militärisch nutzbare Industrie sollen Russland dazu zwingen, mehr Ressourcen für den Schutz eigener Einrichtungen einzusetzen.
Wildberries weist Verantwortung zurück
Das Unternehmen bestreitet, Teil der russischen Militärlogistik zu sein. Wildberries argumentiert, lediglich eine Verkaufsplattform und Lagerflächen für unabhängige Händler bereitzustellen. Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow wies die ukrainischen Vorwürfe zurück. Er bezeichnete die Angriffe als Attacken auf zivile Ziele und warf Kiew Terrorismus vor.
Tatsächlich werden die Lager nicht ausschließlich für militärisch relevante Güter genutzt. Viele kleine und mittelständische Unternehmen lagern dort gewöhnliche Konsumwaren. Durch die Zerstörungen verlieren Händler Warenbestände und Absatzmöglichkeiten. Zudem sind in den Logistikzentren zahlreiche Zivilisten beschäftigt. Die Toten und Verletzten verschärfen daher die Frage, ob die Standorte trotz möglicher militärischer Nutzung legitime Ziele darstellen.
Die ukrainische Führung hält dagegen, dass zivile Infrastruktur ihren Schutz verlieren könne, wenn sie konkret zur Unterstützung militärischer Operationen eingesetzt werde. Unabhängig überprüfen lässt sich bislang jedoch nur eingeschränkt, welche Waren sich zum Zeitpunkt der Angriffe tatsächlich in den betroffenen Hallen befanden und in welchem Umfang sie für die russischen Streitkräfte bestimmt waren.
Schon vor der Invasion unter Sanktionen
Der Konflikt zwischen der Ukraine und Wildberries reicht bis in die Zeit vor der russischen Großinvasion zurück. Kiew belegte das Unternehmen bereits 2021 mit Sanktionen. Als Begründung nannte die ukrainische Regierung unter anderem den Verkauf russischer Militäruniformen, staatlicher und militärischer Symbole sowie propagandistischer Literatur.
Nach Beginn des russischen Angriffskrieges wurden Wildberries und Unternehmensgründerin Tatjana Kim auch in weiteren Staaten mit Sanktionen belegt. Das Unternehmen weist die Vorwürfe weiterhin zurück und betont, für die Angebote einzelner Verkäufer nicht verantwortlich zu sein.
Wirtschaftlicher und psychologischer Druck
Mit den Angriffen verfolgt die Ukraine vermutlich mehrere Ziele zugleich. Einerseits sollen Lieferketten gestört werden, über die militärisch verwendbare Technik schnell und dezentral beschafft werden kann. Große Versandlager eignen sich dafür besonders, weil dort enorme Mengen unterschiedlichster Produkte gesammelt, sortiert und weitertransportiert werden.
Andererseits treffen die Attacken einen Konzern, der für viele Russinnen und Russen zum Alltag gehört. Wildberries wird häufig als „russisches Amazon“ bezeichnet. Lieferausfälle, zerstörte Waren und gefährdete Arbeitsplätze machen die Folgen des Krieges damit auch weit entfernt von der Front sichtbar.
Russische Kommentatoren vermuten deshalb, dass Kiew nicht nur wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern auch den gesellschaftlichen Druck auf die Führung in Moskau erhöhen will. Je stärker der Krieg das tägliche Leben und private Unternehmen in Russland beeinträchtigt, desto schwieriger wird es für den Kreml, den Konflikt als weit entferntes Geschehen darzustellen.
Die Angriffe auf Wildberries sind damit Teil einer breiteren ukrainischen Strategie. Kiew versucht, militärische Versorgung, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und öffentliches Sicherheitsgefühl in Russland gleichzeitig zu treffen. Ob die Logistikzentren tatsächlich in dem von der Ukraine behaupteten Umfang für militärische Zwecke genutzt wurden, bleibt allerdings umstritten.
