Klimawandel in der Arktis: Nordpolarmeer könnte 2027 eisfrei sein

Der Arktische Ozean rund um den Nordpol könnte Analysen zufolge 2027 tageweise nahezu eisfrei sein.
Céline Heuzé/University of Gothenburg/dpaDer September ist üblicherweise der Höhepunkt des arktischen Sommers und der Monat mit der geringsten Eisbedeckung in der Arktis. Doch unabhängig von der Jahreszeit könnte der Arktische Ozean rund um den Nordpol neuen Analysen zufolge schon 2027 tageweise nahezu eisfrei sein, wenn bestimmte Wetterlagen dies begünstigen.
Das haben im Fachjournal „Nature Communications“ vorgestellte Computersimulationen auf Basis von Tageswerten der Eisbedeckung ergeben. Bisher war demnach immer mit Monatsdurchschnittswerten gerechnet worden.
Umwelt des Arktischen Ozeans verändert sich grundlegend
„Der erste eisfreie Tag in der Arktis wird nichts dramatisch verändern“, erklärt Alexandra Jahn von der University of Colorado in Boulder. „Aber er wird zeigen, dass wir durch Treibhausgasemissionen eines der bestimmenden Merkmale der natürlichen Umwelt des Arktischen Ozeans, nämlich, dass er das ganze Jahr über von Meereis und Schnee bedeckt ist, grundlegend verändert haben.“
Alexandra Jahn und ihre Mitautorin Céline Heuzé von der Universität Göteborg gingen von der gängigen wissenschaftlichen Definition aus, nach welcher der Arktische Ozean als eisfrei gilt, wenn weniger als eine Million Quadratkilometer von Eis bedeckt sind.
Für ihre Berechnung verwendeten sie Daten aus dem Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) und Prognosen zur Entwicklung der Energiebilanz der Erde bei unterschiedlich hohen Treibhausgasemissionen.

Ein Eissturmvogel schwimmt vor einem Eisberg im Nordpolarmeer. Foto:
Foto: Imago/ImagebrokerEisfläche schrumpft jährlich um fast 80.000 Quadratkilometer
Die Autorinnen legten Daten aus dem Jahr 2023, die als niedrigste Meereisbedeckung 3,39 Millionen Quadratkilometer auswiesen, zugrunde. Im Jahr 2024 führten sie insgesamt 366 Simulationen durch. Neun der Simulationen ergaben ein eisfreies Nordpolarmeer in den kommenden drei bis sechs Jahren (2027 bis 2030). „Bemerkenswerterweise spielt das Emissionsszenario hier keine wichtige Rolle“, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

Gebrochenes Meereis ist in der Meerenge Victoria Strait im Arktischen Ozean zu sehen.
Foto: AP/David Goldman/dpaSeit Beginn von Satellitenmessungen des Packeises im Jahr 1978 ist die Fläche im Durchschnitt des Norrdpolarmeeres um 78.000 Quadratkilometer jährlich geschrumpft, allerdings nicht linear von Jahr zu Jahr. Verschiedene Rückkopplungssysteme sorgen dafür, dass die Eisfläche trotz des fortschreitenden Klimawandels in manchen der vergangenen Jahre wieder leicht angewachsen ist, wie Forscher herausgefunden haben.
Extreme Wetterlagen können Eis schmelzen
Jahn und Heuzé wollten genauer wissen, welche Bedingungen zu frühen eisfreien Tagen führen:

Ein Eisbär steht im Nordpolarmeer auf einer Eisscholle.
Foto: dpa/Ulf Mauder
Eisfreies Nordpolarmeer: Das erste Mal seit 47 Millionen Jahren
„Wenn es in den nächsten Jahrzehnten wieder zu eisfreien Bedingungen in der gesamten Arktis kommt, wird es wahrscheinlich das erste Mal seit mindestens 80 000 Jahren sein, wenn nicht sogar seit über 115 000 Jahren“, schreibt Alexandra Jahn mit Bezug auf frühere Studien.
Dass die Arktis auch im Winter eisfrei bleibt, wird den Forschern zufolge voraussichtlich erst im 23. Jahrhundert und nur bei extremer Erwärmung eintreten. Es wäre nach derzeitigem Kenntnisstand das erste Mal seit etwa 47 Millionen Jahren, dass die Arktis das ganze Jahr über eisfrei bleibt.