Studie aus Tübingen: Was alte DNA über die frühe Besiedlung pazifischer Inseln verrät

Polynesische Boote im Jahr 1791.
Imago/KHARBINE-TAPABOR- Neue DNA-Studie rekonstruiert Besiedlung des Südpazifiks – veröffentlicht in „Cell“.
- Untersucht wurden Vanuatu, Neukaledonien, Fidschi und Polynesien über 30 Mio. km².
- Genomdaten von 72 Individuen zeigen zwei Wanderungswellen mit unterschiedlichem Tempo.
- Erste Siedler stammten aus Südostasien, später kamen Gruppen mit Papua-Bezug hinzu.
- Polynesische Gründer gründeten vor rund tausend Jahren Gemeinschaften in Südvanuatu.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Neue genetische Untersuchungen an alten menschlichen Skeletten aus dem Südpazifik enthüllen, wie komplex die Besiedlungsgeschichte der weitläufigen Region in den vergangenen 3000 Jahren war. Mit Inselstaaten wie Vanuatu, Fidschi und Tonga ist die Region Heimat von Gesellschaften mit einer ungewöhnlich großen Diversität in Sprache und Kultur.
Unter der Leitung von Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen zeichnete ein internationales Team mit interdisziplinären Forschungsgruppen aus dem Südwestpazifik und Europa die großen Wanderun-gen der Menschen nach, die die Entstehung der kulturellen Diversität auf den Inseln im Südpazifik beeinflussten.
Das Team konnte die zeitlichen Abläufe der Wanderungsbewegungen genauer als bisher datieren. Die neue Studie wurde in der Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht.

Grafische Zusammenfassung: Datierung der vielfältigen Wanderungsbewegungen früher Menschen nach der ersten Besiedlung des westlichen Ozeaniens („Fernes Ozeanien“)
Michal Feldman et al./CellBesiedlung auf 30 Millionen Quadratkilometern
In der Studie wurde ein Bereich im Südpazifik untersucht, der die großen Inselgruppen Vanuatu, Neukaledonien, Fidschi und Polynesien umfasst. Polynesien ist die Inselregion, die auf der Landkarte im Pazifik ein Dreieck aufspannt zwischen Neuseeland im Süden, Hawaii im Norden und der Osterinsel im Osten.

Verwurzelt im fidschianischen und ozeanischen Design wurden in diesem Kunstwerk traditionelle Symbole kombiniert mit solchen aktueller Forschungsarbeiten zur Rekonstruktion der Geschichte der Insulanerinnen und Insulaner im Pazifik.
Kunstwerk von Josua Toganivalu, Suva, FidschiDas Untersuchungsgebiet umfasste insgesamt mehr als 30 Millionen Quadratkilometer. Mit mehr als 200 Sprachen ist der Südpazifik Heimat von Inselgesellschaften, die durch das frühere Zusammentreffen hochdiverser Gruppen entstanden und eines der kulturell und sprachlich vielfältigsten Meeresgebiete auf der Erde bilden.
„In diese Region gelangten Menschen erstmals durch eine der großen Ausbreitungs-wellen in Richtung des offenen Ozeans, die vor rund 5000 Jahren in Südostasien begannen. Die zuvor unbewohnten Archipele Vanuatu, Fidschi und Tonga erreichten die Menschen bereits vor 3000 Jahren“, berichtet die Erstautorin der Studie, Michal Feldman aus Posths Arbeitsgruppe.
Erste alte menschliche Genome aus Fidschi
„Während die ersten Siedler von südpazifischen Inseln ursprünglich aus einer süd-ostasiatischen Population stammten, haben die meisten heutigen Bewohner der Region verwandtschaftliche Beziehungen sowohl in Südostasien als auch zu Gruppen, die mit Papua verbunden sind und durch spätere Wanderungsbewegungen aus dem westlichen Ozeanien hinzukamen“, erklärt Michal Feldman.
„Die geografische Ausdehnung der Verbreitung der mit Papua verbundenen Menschengruppen und die zeitlichen Abläufe waren bisher nicht gut bekannt, vor allem weil Informationen aus Schlüsselregionen entlang der Ausbreitungsrouten fehlten, wie etwa aus Fidschi.“

Fidschi Islands
Imago/Avalon.redKnochen von 72 Individuen untersucht
Um die Abläufe genauer nachzuvollziehen, erhob das Forschungsteam neue genomische Daten aus menschlichen Knochen von 72 Individuen aus den vergangenen 3000 Jahren. Die Überreste wurden aus archäologischen Fundstätten auf den Salomonen, Vanuatu, Tonga und Fidschi ausgegraben.
Aus Fidschi seien es die ersten Genomdaten früher Menschen überhaupt, erläutert Feldman. Bei der Untersuchung wählte das Forschungsteam einen interdisziplinären Ansatz, in den archäologische Belege, Radiokarbondatierungen, Analysen der Skelettmorphologie sowie Isotopenanalysen eingingen.
Wanderungswellen mit unterschiedlichem Tempo
Die Forscher stellten Unterschiede in den zeitlichen Abläufen der beiden Wanderungswellen fest: „Anhand der Datierung der genetischen Durchmischung konnten wir ermitteln, dass die Menschen der frühen Ausbreitungswelle aus Südostasien sich schneller ausbreiteten als die Welle mit Bezug zu Papua“, konstatiert Cosimo Posth.
„Die Menschen mit Bezug zu Papua waren in Vanuatu bereits vor 2.700 Jahren zu finden. Es vergingen jedoch mindestens 500 weitere Jahre, bis Verwandte dieser Gruppe weiter östlich in Fidschi ankamen.“
Hingegen zeigten archäologische Belege, dass die frühe Wanderungswelle aus Südostasien sehr viel schneller entlang dieser Route reiste. „Später kam wahrscheinlich eine zweite Welle von den benachbarten Archipelen dazu, etwa von Vanuatu, die zuvor unbekannte genetische Verbindungen zwischen den Inseln im Südpazifik entstehen ließ.“

Inseln der Nördlichen Vava Gruppe, Tonga.
Imago/Bluegreen PicturesAussiedlergemeinschaften in Vanuatu
In der Studie wurde außerdem die genetische Geschichte von polynesischen Aussiedlergemeinschaften in Vanuatu untersucht. Sie gelten als rätselhaft, weil diese heute noch bestehenden Gemeinschaften Besonderheiten der polynesischen Kultur und Sprache pflegen, obwohl sie geografisch außerhalb des polynesischen Dreiecks leben.
„Es waren Polynesier, die über das Meer reisten, die diese polynesischen Aussiedlergemeinschaften in Südvanuatu gründeten. Wie haben direkte Belege für diese Wanderung gefunden, die vor rund tausend Jahren stattfand“, erklärt Posth.

Fidschi-Inseln
Imago/Avalon.redEinblick in frühe Sozialstrukturen
Auf Fidschi führte das Forschungsteam eine detaillierte Studie an einer Gemeinschaft durch, die vor rund 1500 Jahren lebte. Dazu zog es Bestattungsfunde und genomische Verwandtschaftsanalysen heran, was eine Rekonstruktion eines Familienstammbaums über fünf Generationen beinhaltete.

Republik von Vanuatu, aus dem Weltall fotografiert.
Imago/ZUMA Press„Diese Gemeinschaft wies eine genetische Durchmischung mit Menschen der Papua-Gruppe in Generationen kurz vor ihrer eigenen Lebenszeit auf, doch war dieses genetische Erbe in der Gemeinschaft ungleich verteilt“, berichtet Michal Feldman. „Wir konnten innerhalb der Gemeinschaft eine biologisch verwandte Gruppe identifizieren, die sich mit ihrem Profil deutlich von den anderen abhob und soziale Praktiken verfolgte, die möglicherweise auf die Aufrechterhaltung von Wohlstand und sozialem Status in der Familie abzielten.“
Insgesamt ergebe sich durch die neue Studie nun ein Überblick über die großen Wanderungsbewegungen bei der Besiedlung des Südpazifiks, sagt Posth. „Wir haben neue Einblicke in die komplexen Wechselwirkungen zwischen den Wanderungen der Menschen und den sozialen Strukturen in den frühen Inselgesellschaften erhalten.“
