Tübinger Ärztin hilft Familien
: Herzfehler mit Kuschelfaktor

Die Ärztin Mareen Kraft häkelt kleine Herzen - und zwar solche mit Fehlbildungen. So zeigt sie Familien mit herzkranken Kindern, woran es bei ihnen hakt.
Von
Regine Warth
Stuttgart
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Mareen Kraft, Assistenzärztin an der Uniklinik Tübingen, häkelt Herzmodelle aus Wolle.

Rebecca Fröhlich

Ein Herz in der Hand zu haben, kann ganz schön kuschelig sein: „Herzbert“ beispielsweise ist so groß wie eine Faust, in den Farben rot, blau, violett und rosa gehäkelt und mit Stopfwolle gefüllt. Zwei munter blickende Augen wurden ihm noch angehäkelt. Schließlich – so steht es in seinem Steckbrief – ist er „ein Workaholic“, der „rund um die Uhr im Einsatz“ ist.

Rund sechs Stunden hat die Ärztin Mareen Kraft an diesem fehlerfreien Herzmodell gehäkelt – und zwar auf einer Zugfahrt von der Uniklinik Tübingen zurück in die Heimat. „Ich häkele sehr gerne“, sagt die 27-Jährige. Und weil sie in ihrem praktischen Jahr des Medizinstudiums gerade in der Kinderkardiologie der Uniklinik Tübingen Station gemacht hat, tauchte irgendwann der Gedanke auf, sich der komplexen Anatomie des Herzens nicht nur über Bilder und Grafiken zu nähern – sondern über Schlingen, Kettmaschen und Stäbchen. „Ich war so fasziniert von den Herzen und den möglichen Herzfehlern, mit denen Kinder auf die Welt kommen können, dass ich zwei Leidenschaften miteinander kombiniert habe.“

Häkel-Herzen haben auch was Tröstendes

Jedes hundertste Kind kommt mit einem angeborenen Herzfehler auf die Welt. „Dabei reicht die Spanne von einem kleinen Loch in der Herzscheidewand bis hin zu komplexen Herzfehlern, deren Träger ohne medizinische Versorgung nicht überleben können“, sagt Kraft. Inzwischen sind zehn ihrer Modelle in der Uniklinik in Tübingen im Einsatz: Sie zeigen Familien mit herzkranken Kindern auf unkonventionelle, aber trotzdem medizinisch korrekte Art, was genau am Herzen nicht in Ordnung ist.

Natürlich gibt es dafür auch naturgetreue Abbildungen aus Hartplastik und Silikon. Doch sind sie nicht für jeden Herzfehler verfügbar. Schon daher greifen Familien und Ärzte in der Klinik gern auf Herzbert und Co. zurück – auch weil sie im Gegensatz zu den klinischen Modellen aus Plastik etwas Weiches und Trostspendendes verleihen. Auch für so manche medizinische Fortbildung werden die Herzen von Mareen Kraft genutzt.

Häkel-Herzen bekommen humorvolle Charakteristika

Bei einem Häkelherz etwa sind die gehäkelten Arterien – die Aorta und die Lungenschlagader – vertauscht. Ärzte bezeichnen diesen Herzfehler als „Transposition der großen Arterien“. Eine ernsthafte Fehlbildung, weil so zwei getrennte, parallel verlaufende Blutkreisläufe entstehen. Der Körper wird nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was unbehandelt lebensgefährlich ist.

Mareen Kraft hat diese Version „TGAnna“ genannt – und ihr folgende humorvolle Charakteristika verliehen: „Sie ist in sich verschlossen (kreislauftechnisch), aber zum Glück nicht ganz dicht.“ So gibt es die Möglichkeit einer Kurzschlussverbindung im Herzen, die das sauerstoffarme mit dem sauerstoffreichen Blut mischt und das Neugeborene überleben lässt – bis es kräftig genug für eine Operation ist, die den Herzfehler korrigiert. „Manche dieser kleinen Herzen hätten eigentlich keine Chance“, sagt Kraft. „Doch mit moderner Medizin kann sogar Kindern mit nur einer Herzhälfte oft geholfen werden.“

Heute erreichen nach Angaben der Kinderherzstiftung mehr als 95 Prozent der Kinder mit einem angeborenen Herzfehler das Erwachsenenalter, sodass derzeit rund 350.000 Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler in Deutschland leben. Diese Entwicklung mache unheimlich Mut, so Kraft.

Inzwischen gibt es Herzbert und seine Freunde zum Nachhäkeln. Mareen Kraft hat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Herzstiftung die Anleitungen veröffentlicht: „Herzberts Herzfehler – ein Häkelbuch mit Anleitungen zu anatomischen Herzen und angeborenen Herzfehlern“ heißt das Werk. Es ist kostenfrei als Download verfügbar: herzstiftung.de/haekelbuch