Wenig Bares macht älter und krank: Geldsorgen und geringe Einkommen beschleunigen Gehirnalterung

Geldsorgen Krankheiten längst nicht nur auslösen, sondern sie auch verstärken.
Imago/Bihlmayerfotografie- Dauerhafte Geldsorgen und geringe Einkommen gehen mit schlechterer Gehirngesundheit einher.
- UCL-Studie mit NSHD-Daten: Niedriges Einkommen in jungen Jahren mindert Tests mit 53.
- MRT zwischen 69 und 71 zeigte bei dauerhaft niedrigem Einkommen mehr Hirnatrophie.
- Männer sind stärker betroffen – auch wegen häufiger ungesunder Gewohnheiten laut Forschern.
- Experten raten: Budget planen, Notgroschen bilden und zwischen guten und schlechten Schulden unterscheiden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dauerhafte Geldsorgen? Betroffenen geht es in solchen Fällen oft nicht nur finanziell schlecht. Denn die Gesundheit und die Alterung des Menschen werden nicht nur von seinen Genen und bestimmten Verhaltensweisen wie Rauchen oder einem hohen Alkoholkonsum beeinflusst, sondern auch durch seinen sozioökonomischen Status.Dauerhafte Geldsorgen? Betroffenen geht es in solchen Fällen oft nicht nur finanziell schlecht. Auch das körperliche Wohlbefinden leidet darunter.
Laut einer älteren Studie der Universität Mainz, veröffentlicht im Jahr 2008, sind überschuldete Personen aus Deutschland, von denen ein Großteil (80 Prozent) an zumindest einer Krankheit leidet, vor allem an psychischen Problmene sowie Gelenk- Wirbelsäulenkrankheiten, ein Beispiel dafür.
Auch das körperliche Wohlbefinden leidet darunter. „Studien zeigen, dass Schulden etwa zu Schlafmangel, Bluthochdruck und Depressionen führen können“, sagt Verena von Hugo, Vorstandsvorsitzende des Bündnisses Ökonomische Bildung Deutschland. Zudem könne durch Schulden das Risiko für psychische Erkrankungen steigen.
Geldsorgen können Krankheiten verstärken
Dabei können Geldsorgen Krankheiten längst nicht nur auslösen, sondern sie auch verstärken. Darauf weist das Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (iff) hin. Demnach sind überschuldete Menschen in Deutschland zum Beispiel öfter von Schmerzen betroffen als die Durchschnittsbevölkerung.
Forscher in Finnland haben in einer Längsschnittstudie mit knapp 49.000 Teilnehmenden heraus, dass Überschuldete ein erhöhtes Risiko haben, an chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes, koronarer Herzkrankheit und Bronchialasthma zu erkranken.
Wie wirkt sich schlechte finanzielle Situation auf Gesundheit aus?
Forscher des University College London (UCL) um Jacques Wels haben nun in einer neuen, Fachmagazin „Innovation in Aging“ veröffentlichten Studie untersucht, ob sich eine anhaltend schlechte finanzielle Situation auf die Gehirnalterung auswirkt.
Sie haben dazu Daten der britischen 1946er-Kohortenstudie, offiziell bekannt als MRC National Survey of Health and Development (NSHD), die älteste kontinuierlich laufende Geburtskohorten-Studie der Welt, analysiert.
Die NSHD umfasst 5362 Menschen, die alle in derselben Woche im März 1946 in England, Schottland und Wales geboren wurden und seit ihrer Geburt regelmäßig Fragebögen zu ihrem Beruf, ihrer Bildung, ihrem Lebensstil und ihrem sozialen Umfeld beantworten und medizinisch untersucht werden. Es ist somit möglich, über einen langen Zeitraum nachzuverfolgen, wie die Lebensbedingungen seit der Geburt die Gesundheit und das Altern beeinflussen.
Geld und Gehirn
Die 2759 Probanden der aktuellen Studie wurden im Alter von 26, 43 und 53 Jahren zu ihrem Haushaltseinkommen befragt. Als dauerhaft einkommensschwach wurden Personen definiert, die mindestens zweimal zu den untersten 20 Prozent der Gruppe gehörten. Dies war etwa jede sechste Person.
Die Teilnehmer haben zudem Fragen zu ihrer finanziellen Situation beantwortet, etwa ob sie Probleme damit haben, Rechnungen zu bezahlen. Wenn sie zwischen dem 36. und 53. Lebensjahr einen Schwellenwert mindestens zweimal überschritten hatten, galten sie als dauerhaft finanziell belastet. Dies war etwa jeder achte Proband.
Die Teilnehmer der NSHD haben außerdem kognitive Tests zum verbalen Gedächtnis und zur Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns absolviert. Bei einem Teil wurden Magnetresonanz-Tomografiescans (MRT) durchgeführt, um objektiv ermitteln zu können, ob das Gehirn geschrumpft ist (Hirnatrophie) und ob sich die Hirnventrikel, also die mit Flüssigkeit gefüllten Hohlräume des Organs, vergrößert haben. Es handelt sich dabei um Indikatoren für eine schlechte Gehirngesundheit.
Schlechtere Ergebnisse in kognitiven Tests
Wie Jacques Wels erklärt, zeigen die Daten, dass Menschen, die im frühen und mittleren Erwachsenenalter entweder dauerhaft mit Geldproblemen oder dauerhaft mit einem niedrigen Einkommen lebten, mit 53 Jahren schlechter in kognitiven Tests abschneiden.
Die Gehirnscans zeigen zudem, dass die Gehirngesundheit im höheren Lebensalter zwischen 69 und 71 Jahren bei Menschen mit einem anhaltend niedrigen Einkommen schlechter ist. Der Zusammenhang besteht auch dann, wenn man weitere Einflussfaktoren wie das Bildungsniveau und die Kindheitskognition berücksichtigt.
Der Zusammenhang zwischen geringen Einkommen oder einer anhaltend angespannten finanziellen Situation und der schlechteren Gehirngesundheit im höheren Alter ist bei Männern besonders stark ausgeprägt. Außerdem sind Menschen mit Benachteiligungen in der Kindheit stark betroffen. Also eine Gruppe, die sich laut einer Studie durch ihre sozioökonomische Situation schlechter entwickelt als Kinder aus Familien mit höheren Einkommen.
Männer sind stärker betroffen als Frauen
Die umfassenden Daten zeigen, dass Männer, deren finanzielle Situation dauerhaft schlecht ist, mit 53 Jahren in kognitiven Tests schlechter abschneiden als Frauen mit einer ähnlichen Lebenssituation.
Laut den Forschern ist es denkbar, dass die deutlichen Unterschiede darauf zurückgehen, dass betroffene Männer öfter schlechte Gewohnheiten wie Rauchen oder einen starken Alkoholkonsum entwickeln als Frauen. Es ist zudem denkbar, dass die finanzielle Situation Männer aus der Stichprobe öfter stark belastet, weil sie in ihrem Geburtsjahrgang oft die Hauptverdiener der Familie waren.
Laut den Forschern um Jacques Wels ist es denkbar, dass eine schlechte finanzielle Situation die Alterung des Gehirns beschleunigt, weil betroffene Personen aufgrund der Geldsorgen permanent kognitiv belastet sind und kaum Kapazitäten für andere Denkaufgaben haben.
Der permanente Stress könnte zudem dazu führen, dass Entzündungen, die die Alterung des Gehirns beschleunigen, zunehmen. Außerdem ist es denkbar, dass der mit einem geringen Einkommen und finanziellen Problemen verbundene Lebensstil, etwa eine schlechte Ernährung, die Gehirnalterung fördern.
Schulden können einen krank, schlaflos und einsam machen
Aber nicht nur das. Wer sich über eine längere Zeit in einer Finanzmisere befindet, entwickelt laut Verena von Hugo oft ein Ohnmachtsgefühl. Man fühle sich häufig der Situation ausgeliefert und wisse keinen Ausweg.
Das führe nicht zuletzt dazu, dass man sich gegenüber anderen - etwa Freunden - schäme, offenzulegen, dass man kein Geld hat, um beispielsweise mit in ein Restaurant zu gehen. In der Folge mieden viele soziale Kontakte - und das mache einen irgendwann einsam.
Krank, schlaflos, einsam: Schulden können sich enorm negativ auf Körper, Geist und Seele auswirken. „Letztendlich zeigt das, dass finanzielle Gesundheit genauso wichtig fürs Wohlbefinden ist wie eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung“, erläutert Verena von Hugo.
Gute von schlechten Verbindlichkeiten unterscheiden
Aber: Nur weil jemand Schulden hat, heißt das nicht gleich, dass er seiner Gesundheit übel mitspielt. „Schulden sind nicht gleich Schulden“, sagt Wirtschafts-Professor Michael Heuser.
Zu unterscheiden seien sogenannte gute Schulden von schlechten Schulden. „Sogenannte schlechte Schulden sind Konsum-Schulden, also, wenn man sich etwa mit einem Kredit eine Urlaubsreise finanziert“, so Heuser, der Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) ist.
Gute Schulden sind laut Heuser indes Investitions-Schulden. Das kann neben einem Kredit für eine eigene Immobilie etwa ein Darlehen für Bildung sein, mit dem man sich oder Angehörigen zum Beispiel ein Studium oder eine Weiterbildung finanziert. „Zur Kategorie „gute Schulden“ kann auch die Investition in ein Auto gehören.“ Nämlich dann, wenn man es für den Weg zur Arbeit benötigt.
Budget vernünftig planen und Notgroschen ansparen
Wer aus dem schulfähigen Alter heraus ist, muss aber nicht verzagen. Mit ein wenig Recherche lassen sich im Netz verschiedene Angebote für zum Beispiel Einzel- und Gruppen-Workshops von Coaches, Verbänden und Stiftungen finden.
„Um seine Finanzen im Griff zu halten, ist es wichtig zu wissen, wie man eine Budgetplanung macht“, sagt Michael Heuser. Die Übersicht über Einnahmen und Ausgaben hilft dabei, zu erkennen, ob es eine finanzielle Schieflage gibt und woher diese rührt. So lässt sich gegebenenfalls gegensteuern.
Außerdem kommt es darauf an, einen Notgroschen in Höhe von etwa drei Nettomonatsgehältern für unvorhersehbare Ausgaben anzusparen. Ebenfalls relevant: so früh wie möglich damit anzufangen, fürs Alter vorzusorgen. „So ist finanzielle Gesundheit auch im Ruhestand gewährleistet“, sagt Heuser.
