3. Stuttgarter Zukunftsrede Gefühle der Macht
Die israelische Soziologin Eva Illouz ist eine der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. Ihre Arbeiten führen zum affektiven Glutkern der Gegenwart. Nun hält sie die Stuttgarter Zukunftsrede.
Die israelische Soziologin Eva Illouz ist eine der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. Ihre Arbeiten führen zum affektiven Glutkern der Gegenwart. Nun hält sie die Stuttgarter Zukunftsrede.
Selten war die Frage, was in der nächsten Zeit auf uns zukommt, so akut, wie in dem gereizten Gesamtklima, in dem Friedens- und Weltordnungen zerbröseln, Demokratien erodieren und die Voraussetzungen für geteilte Überzeugungen in digitalen Filterblasen zerplatzen. In Stuttgart sind im Zweijahresrhythmus für den Blick ins Ungewisse Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zuständig. Nach den Schriftstellern Daniel Kehlmann und Liao Yiwu hält am 4. Februar die israelische Soziologin Eva Illouz die 3. Stuttgarter Zukunftsrede. Sie ist eine der gefragtesten Intellektuellen unserer Zeit und der Titel ihres jüngsten Buches bringt die Lage ganz gut auf den Punkt: „Explosive Moderne“.
Wenn man so will, sind Soziologen Orakel, die aus dem, was eine Gesellschaft außer Kaffeesatz von sich preisgibt, herauslesen, wie es um sie im Ganzen bestellt ist. Keine schlechte Voraussetzung für eine Zukunftsrede. Im Falle der 1961 in Marokko geborenen, heute in Jerusalem lehrenden Wissenschaftlerin ist der Stoff, aus dem sie ihre Erkenntnisse gewinnt, die Wechselbeziehung von Emotion und Politik.
Gefühle sind kein schlechter Indikator, sie mögen trügen oder nicht. Zu deuten, was sie verraten, ist in der Regel die Domäne der Psychologie. Doch statt zu fragen, wie viel Seelenleben in den Verhältnissen steckt, dreht Eva Illouz den Spieß um und untersucht, wie viel Gesellschaft, wie viel soziale Prozesse und Gruppenidentitäten im Spiel sind, wo man glaubt, ganz bei sich zu sein. „Gefühle verlängern gewissermaßen den Arm der Gesellschaft im Selbst“, schreibt sie in ihrem neuen Buch.
Zum Beispiel die Furcht, ein Gefühl, das gerade auch in Deutschland viele umtreibt. Eva Illouz zeigt, wie sich diese Emotion politisch bewirtschaften lässt. Wer sie kontrolliere, kontrolliere die gesamte politische Arena, weil sich eine erfolgreich manipulierte Furcht über alle anderen Emotionen hinwegsetzt – etwa die Hoffnung, sein Leben zu verbessern, das Mitleid mit der Not anderer oder die Empörung über Ungleichheit und Korruption. „Erderwärmung und Atomkraft sind zentrale angstbesetzte Motive linker Programmatik“, heißt es in „Explosive Moderne“: „Das politische Lager aber, das sich die politische Macht der Furcht am effektivsten zunutze gemacht hat, ist die Rechte, von ihren moderaten Ausformungen bis zu ihren extremen, faschistischen und populistischen Flügeln.“
Die Grenzgänge zwischen seelischem Erleben und den äußeren Rahmenbedingungen führen in den affektiven Glutkern aktueller Krisen. Dabei nimmt Eva Illouz den Umweg über die Literatur, den sie bereits in ihren zu Bestsellern gewordenen Büchern wie „Der Konsum der Romantik“ oder „Warum Liebe weh tut“ erprobt hat. Literatur hat einen privilegierten Zugang zu Emotionen. In ihrem neuen Werk liefern Texte von Homer bis in die Gegenwart einen Fundus, an dem sich zeigen lässt, wie gesellschaftliche, ökonomische, politische Entwicklungen darauf einwirken. So begegnet man etwa Flauberts „Madame Bovary“ als Repräsentantin einer für das Unbehagen in der Moderne charakteristischen Enttäuschung, mehr vom Leben zu erwarten als es gewöhnlich zu bieten vermag. Die Kluft zwischen gesellschaftlichen Versprechen und dem, was dabei uneingelöst bleibt, bedingt einen Gestaltenwandel der Emotionen. Aus der den amerikanischen Traum und die ihm zugrunde liegende Ökonomie speisenden Hoffnung, seine Potenziale realisieren zu können, wird im Falle des Scheiterns Verzweiflung oder Neid. Letzteren hat Aristoteles als „Kummer über das Wohlergehen der anderen“ gefasst, die ambivalenten Facetten, die Eva Illouz daran sichtbar macht, liefern eine Erklärung für das Ressentiment, das populistische Revolten treibt: der Hass auf Eliten, Experten, Wissenschaft, zu dessen Befriedigung im Zweifel Eigeninteresse und Selbsterhaltung geopfert werden.
Kurzum die Geschichte die Eva Illouz’ Gefühlsanalytik erzählt, ist die der Welt, in der wir leben. Folgerichtig greift die Soziologin auch immer wieder in aktuelle Debatten ein. Sie leuchtet die Sackgassen aus, in denen linke und rechte Identitätspolitiken ineinander rasseln. Als erbitterte Kritikerin des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bezieht sie Stellung gegen dessen Siedlungspolitik. Zugleich wendet sie sich entschieden gegen den Vorwurf, Israel habe sich nach dem mörderischen Angriff der Hamas eines Völkermords im Gazastreifen schuldig gemacht. Eva Illouz lebte in Frankreich und den USA. In Israel ist sie die Vertreterin eines säkularen Kosmopolitismus, den sie gegen die wachsende Bedeutung ethnisch-religiöser Identitätsbildung verteidigt. Ihre Arbeiten geben Aufschluss über die dunklen Kräfte, die weltoffene, rationale Gesellschaften zunehmend bedrohen. Umso gespannter darf man auf ihren Blick in die Zukunft sein.
Stuttgarter Zukunftsrede
Am 4. Februar, 18 Uhr, hält Eva Illouz im Rathaus die 3. Stuttgarter Zukunftsrede. Im Anschluss an die etwa einstündige Rede findet ein Gespräch mit der Moderatorin Catherine Newmark statt. Der Eintritt ist frei, die Veranstaltung wird auf www.literaturhaus-stuttgart.de live gestreamt.
Rahmenprogramm
Am 5. Februar um 11.45 Uhr unterhält sich Eva Illouz im Hospitalhof mit Schülerinnen des Mädchengymnasiums St. Agnes. Danach findet von 13 bis 17 Uhr an der Universität Stuttgart ein Workshop statt. Am 6. Februar, 19.30 Uhr, stellt sich die Soziologin moderiert von dem Politikwissenschaftler Felix Heidenreich im Literaturhaus Stuttgart Fragen aus dem Publikum. Diese können bereits am Abend der Zukunftsrede eingereicht werden.