Verkehrswege rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof zu vergraben, ist fast schon so etwas wie eine Tradition in der Landeshauptstadt. Lange bevor die Idee zu Stuttgart 21 geboren wurde, ging man rund um den Bonatzbau gerne in den Untergrund. Vor 50 Jahren, am 9. April 1976, hatte das Buddeln ein vorläufiges Ende gefunden: die ersten Straßenbahnen fuhren in den neuen Halt im Untergrund ein. Die Zeiten der Bahnen vor dem Bonatzbau waren damit endgültig zu Ende. Die Haltestelle Hauptbahnhof (Arnulf-Klett-Platz) ist nun ein halbes Jahrhundert alt.
Der Jubilar ist deutlich in die Jahre gekommen. Die dringend notwendige Verjüngungskur lässt aber auf sich warten. Nicht weil der Hausherr, die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), säumig wäre, sondern weil es für den Umbau schlicht am notwendigen Platz zum Abstellen von Containern, Baugerät und Material oberirdisch so lange fehlt, wie die Deutsche Bahn die raren Flächen rund um den Bahnhof für die Baustelle von Stuttgart 21 und für die Sanierung des Bonatzbaus in Beschlag nimmt.
Und was dann im Untergrund folgt, ist ein Großprojekt für sich genommen. Denn der Umbau ist genau genommen ein dreifacher, übereinander gestapelter Eingriff in den Bestand. Die Haltestelle muss brandschutztechnisch auf Vordermann gebracht werden. Dazu sollen unter anderem Durchbrüche bis an die Oberfläche entstehen, die im Brandfall der Entrauchung dienen. Die über der Haltestelle liegende Klett-Passage bedarf ebenfalls einer Überarbeitung. Immer wieder machen Überlegungen die Runde, dort auch ein im Bahnhofsumfeld schon lange auf der Wunschliste stehendes Fahrradparkhaus unterzubringen. Und an der Oberfläche, dem Arnulf-Klett-Platz will die Stadt den Autoverkehr reduzieren und mehr Aufenthaltsqualität schaffen.
Das alles ist nach Ansicht der Planer im Rathaus und bei den SSB abhängig von Stuttgart21. Allerdings sind auch noch nicht alle angekündigten Wettbewerbe, mit denen nach der besten Lösung für das Areal gesucht werden soll, begonnen geschweige denn entschieden.
Vor mehr als einem halben Jahrhundert hielt man die Verlegung der Straßenbahnen in den Untergrund für das Mittel der Wahl. Das sollte auch nur ein erster Schritt zu einer echten U-Bahn werden, wie sie in Metropolen wie Berlin, Hamburg und München unterwegs sind – nicht aber in Stuttgart. Dort rückte man nach einem Kassensturz von den hochtrabenden Plänen wieder ab. Zwei Monate nach der Eröffnung der unterirdischen Straßenbahnhaltestelle Hauptbahnhof fasste der Gemeinderat im Juni 1976 einen entsprechenden Beschluss, der zum heute bekannten Stadtbahnsystem führte, das Merkmale von U- und von Straßenbahnen in sich vereinigt.
Ideen in Stuttgart für eine echte U-Bahn aufgegeben
Die damals bereits gebauten U-Haltestellen aber sind für 120 Meter lange U-Bahnzüge ausgelegt – so auch der Halt am Hauptbahnhof. Dort stoppen heute lediglich 80 Meter lange Doppelzüge der Stadtbahnlinien U6, U7 und U12 – im Dezember gesellt sich dann noch die Linie U1 dazu, die bis dahin für den Einsatz der langen Stadtbahngarnituren hergerichtet wird.
Mit der Tieferlegung der Gleisanlagen brach im Stuttgarter Nahverkehr ein neues Zeitalter an – das allerdings auch Opfer forderte. Mit der Inbetriebnahme der neuen Haltestelle am Hauptbahnhof wurde auch die Richtung Pragsattel führende Strecke in einen Tunnel verbannt. Der oberirdische Abzweig bei der damaligen Haltestelle Türlenstraße – heute Stadtbibliothek – wurde dabei nicht mit in den Untergrund verlegt. Die Folge: die Straßenbahnlinie 10, die den Abzweig auf ihrem Weg vom Hauptbahnhof zum Killesberg nahm, wurde eingestellt. Stadtbahnen erreichten das damalige Messegelände und den Höhenpark erst wieder von 1993 an – dann aber auf einer neu gebauten Trasse im Stuttgarter Norden.