75 Jahre Kriegsende: Otto Kraufmann Der vergessene Bürgermeister
Der Kommunist Otto Kraufmann war 1933 der erste Schutzhäftling Württembergs. Nach dem Krieg wurde er zum Mann des Aufbaus in Stuttgart.
Der Kommunist Otto Kraufmann war 1933 der erste Schutzhäftling Württembergs. Nach dem Krieg wurde er zum Mann des Aufbaus in Stuttgart.
Stuttgart - Er scheint kein Mann großer Worte in eigener Sache gewesen zu sein. Ist er deshalb in Vergessenheit geraten? Wer war Otto Kraufmann, der unmittelbar nach dem Krieg maßgeblich an der Rückkehr Stuttgarts in die Normalität beteiligt war?
Sein Leben nachzuzeichnen, kommt einer Spurensuche gleich. Denn geblieben ist von ihm nicht viel mehr als ein Familiengrab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof, unzählige Gemeinderatsprotokolle und ein paar sehr private Familienanekdoten. Etwa die Episode, die seine Enkelin Franziska Kraufmann vom Großvater erzählt, den sie selbst nie kennengelernt hat. Sie war aus der Schule heimgekommen und sang begeistert das neu gelernte Lied „Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!“ Ihre Großmutter Erna, zu diesem Zeitpunkt längst Witwe, saß wie immer in ihrem Sessel. Als sie das Lied hörte, sagte sie nichts. Aber sie weinte still.
Otto Kraufmann, der Mann, den sie in ihren Postkarten ins Lager zärtlich „Lieber Ott“ genannt und ihm voller Sorge „Ich bin froh, dass ich wieder ein Lebenszeichen von dir habe“ geschrieben hat, war einer der Moorsoldaten. Er war KZ-Häftling im Emslager Aschendorfer Moor, Lager II, Baracke 4, Nummer 150. Der einst stattliche Mann wog noch 38 Kilo, als er im Jahr 1940 von dort zurück zu seiner Frau nach Stuttgart kam. Aber er war eben auch viel mehr als nur der Mann, der sich gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime gewehrt hatte.
Der Gegner des Unrechtsstaates war nach dessen Zusammenbruch ein Mann der ersten Stunde in Stuttgart. Einer, auf den die Alliierten setzen, weil er ihnen offenbar als Garant für den Aufbau der Demokratie in der zukünftigen Landeshauptstadt galt. Otto Kraufmann war Mitglied des 36-köpfigen Stuttgarter Gemeindebeirats, der beratende Funktion hatte und von Oberbürgermeister Arnulf Klett unter Aufsicht des Stadtkommandanten einberufen worden war. Er war einer von zwei KPD-Vertretern im Gremium, wie Roland Müller, Leiter der Stuttgarter Stadtarchivs, in einem Aufsatz schreibt und wie auch eine Beiratsliste belegt.
Die Räte tagten zum ersten Mal am 12. Oktober 1945 im Speisesaal des TWS-Gebäudes in der Lautenschlagerstraße. Am 26. Mai 1946 fand dann die erste Gemeinderatswahl statt. Das neu gewählte Gremium hatte 48 Mitglieder: 17 von der SPD, 12 von der CDU, 10 von der DVP, 6 von der KPD und 3 von den Freien Wählern. Otto Kraufmann war wieder mit von der Partie für die Kommunisten.
„Im Stuttgarter Rat war die sogenannte Wiederaufbauallianz für die Nachkriegsjahre prägend“, schreibt Roland Müller. Der Beweis dafür: der KPD-Mann Otto Kraufmann wurde 1948 als Beigeordneter für das Wirtschaftswesen wiedergewählt, während im Land die Allparteien-Koalition zerbracht. Dreimal wurde Otto Kraufmann in das Amt des Wirtschaftsbürgermeisters vom Gemeinderat wiedergewählt.
Kraufmann war ein Mann mit einem inneren Kompass für das Soziale. Und er war ein Anpacker, der es nicht bei Worten beließ. Ein Planer, ein Kümmerer, einer, der offenbar immer nur nach vorne und nie zurück schaute. Falls er es tat, dann wohl nur in stillen Stunden und nur mit sich selbst. Die Jahre des erlittenen Unrecht hatten ihn offensichtlich nicht zum Menschenfeind werden lassen. Von den Zeiten, die er in sogenannter Schutzhaft in den Konzentrationslagern Heuberg und Oberer Kuhberg, im Lager in Welzheim und dann im Moor im Emsland bei Eiseskälte und widrigsten Bedingungen zubrachte, war in der Familie nie die Rede.
Die Schreiben und Antragsformulare aus seiner Wiedergutmachungsakte erzählen von dieser Zeit in sehr nüchterner Sprache. Sie sagen, dass der gelernte Kaufmann, der am 30. November 1906 in Hagen geboren wurde, insgesamt knapp sechs Jahre in Lager- oder Gefängnishaft war. Die übrige Zeit war er gezwungenermaßen arbeitslos, oder er fristete sein Dasein als Erd- oder Hilfsarbeiter auf dem Bau – weit unter seinen Möglichkeiten.
Zu Beginn der Nazidiktatur war er Buchhändler in einer linken Buchhandlung in Stuttgart. Gegen Ende des Kriegs, als immer mehr Männer an die Front eingezogen wurde, stieg er beim Nürnberger Bund, einem Großhandel für Haushaltswaren in Stuttgart-Obertürkheim, vom Hilfsarbeiter zum Geschäftsführer auf. Unterm Strich hat er jedoch, so attestierte es ihm die Wiedergutmachungsbehörde, insgesamt zwölf Jahre und zwei Monate seines Lebens an das Unrechtsregime verloren. „Dabei grenzt es an ein Wunder, dass er überlebt hat“, sagt seine Enkelin.
Sie hat nun begonnen, die Vergangenheit zu erforschen, zu der eine weitere Geschichte gehört. Die Episode zeigt die praktisch-pragmatische Seite des Großvaters. Im oder vor dem ersten Nachkriegswinter, so die Familienlegende, sei der Großvater am Steuer eines gemieteten Lastwagens ins Remstal gefahren, um dort bei den Bauern Kartoffeln für die hungernden Stuttgarter zu kaufen. Über Radio Stuttgart empfahl Kraufmann, mit der Kartoffel sehr sparsam umzugehen.
Auch um dringend notwendige Kohlen zum Heizen soll er sich gekümmert haben, indem er kurzerhand seine Kontakte ins Ruhrgebiet, seiner alten Heimat, reaktivierte. Dazu passt, was ein Freund der Familie nach Kraufmanns Tod sagte: Er habe „ein Leben für den Mitmenschen, ein Leben der erfüllten Praxis“ geführt. Schwieriger als je einer seiner Vorgänger habe Kraufmann es im Amt des Bürgermeisters gehabt, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Wiederaufbau Stuttgart angekurbelt werden musste. Bei all seiner Initiative sei Otto Kraufmann stets bescheiden gewesen.
Am Vormittag des 26. Oktobers 1972, zehn Monate nach seiner offiziellen Verabschiedung und einen Monat vor seinem 66. Geburtstag, brach der Pensionär auf einem seiner Spaziergänge auf einer Wiese keine hundert Meter von seinem Haus plötzlich zusammen und starb in Gegenwart seiner Frau.
Der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett sagte über seinen Wirtschaftsbürgermeister, seine unbedingte Zuverlässigkeit habe ihn ausgezeichnet. Die Stuttgarter Zeitung berichtete am 2. November 1972 von der Trauerfeier: Er habe „Außerordentliches für Stuttgart“ geleistet. Er sei letztlich an den „Folgen des Leidens“ gestorben, das er sich „im aktiven Kampf gegen den Nationalsozialismus“ zugezogen habe.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Kraufmanns und Kletts Wege im Konzentrationslager Heuberg 1933 gekreuzt haben. Ihre Aufenthalte dort überschnitten sich. Und die Stuttgarter Häftlinge seien offenbar gemeinsam in einer Baracke untergebracht gewesen, sagt Josef Naßl vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Klett war dort, weil er als Rechtsanwalt Regimegegner vertreten hatte. Beide haben aus dieser Erfahrung offenbar die gleiche Lehre abgeleitet. Das Leben habe ihn zu einem „aufrechten Demokraten geformt“, sagte Klett über Kraufmann. Und er habe alles daran gesetzt, dass es den Stuttgartern in ihrer zerstörten Stadt wieder gut ginge nach dem Krieg – obwohl ihm das Land übel mitgespielt habe.
Otto Kraufmann war der erste Schutzhäftling Württembergs. Bereits am 1. März 1933 wurde der Mann, der Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands war, in Freudenstadt während einer Dienstreise verhaftet. In dem Gestapo-Protokoll von damals steht, er habe bei seinem Abstieg im Hotel „Zur Glocke“ einen falschen Namen angegeben. Außerdem habe er bei seiner Verhaftung eine Selbstladepistole, Kaliber 7,65 bei sich getragen. „Der Beschuldigte ist dringend verdächtig, sich durch kommunistische Umtriebe staatsfeindlich betätigt zu haben. Seine Tätigkeit bedeutet eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Der Beschuldigte ist daher in Schutzhaft zu nehmen“, ist in dem Protokoll nachzulesen. Die Anklage und auch die Verurteilung lauteten auf Vorbereitung zum Hochverrat.
Im Jahr 1947 tilgte der Generalbundesanwalt Anklage und Strafe aus den Akten. Otto Kraufmann war damit offiziell rehabilitiert. Seiner Partei blieb er auch nach dem Krieg lange treu. Nach dem Verbot der KPD trat er der SPD bei. Politik, das war für ihn in dieser Zeit mehr Pragmatismus als alles andere. Eine der wesentlichen Arbeitsmaximen Kraufmanns sei die praktische Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit gewesen, sagte Arnulf Klett über ihn.
So machte Kraufmann die Schaffung neuen Wohnraums zu einer seiner Lebensaufgaben. Gab es vor dem Krieg in Stuttgart 150 000, waren es nach dem Krieg nur noch 98 000 Wohnungen – ein Drittel weniger. Es sei Kraufmanns Verdienst, sagte Arnulf Klett bei dessen Verabschiedung 1972, „dass in Stuttgart heute keine Barackenlager mehr vorhanden sind und keine Familie mehr in Bunkern und Lagern leben muss“. Und weiter, an Kraufmann gerichtet: „Sie waren immer ein Rufer und Mahner, die Wohnungsversorgung unserer Bürger nicht dem freien Markt zu überlassen.“
Otto Kraufmann war noch an zahlreichen weiteren großen Aufbauprojekten in der Stadt beteiligt. Unter seiner Ägide wurde zum Beispiel der Schlachthof ausgebaut, er entwickelte die Betriebsstruktur des Neckarhafen und des Großmarktes, er baute den Killesberg und die Ausstellungs GmbH sowie die Stuttgarter Messe aus.
Trotz dieser Lebensleistung scheint es, als sei der Mann mit seiner Verabschiedung aus dem Amt aus dem Bewusstsein der Landhauptstadt verschwunden und als habe seine Person nie Eingang ins offizielle Gedächtnis der Stadt gefunden. Kein noch so schmales Gässchen, keine Staffel ist nach ihm benannt.