Das Wort von der Zeitenwende hat Konjunktur. Es ist kein Modewort, kein Hype, keine mediale Phantasmagorie. Der Krieg ist zurück in Europa. Wir sehen Bilder von Städten und Dörfern in der Ukraine, die sich nicht von jenen unterscheiden, die Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs darbot. Im Osten Europas herrscht Kriegsangst; in der Mitte, in Deutschland, weicht das Wohlleben der Bangigkeit. Die Welt rüstet auf. Russland besinnt sich auf alte, imperiale Träume. Die Vereinigten Staaten verwandeln sich vom wohlwollenden Hegemon zu einer dunklen, unberechenbaren Macht. Am 8. Mai jährt sich zum achtzigsten Mal jener Tag, von dem eine für uns glückliche Weltordnung ihren Ausgangspunkt nahm, die nun vergeht. Es ist der Tag der Kapitulation Deutschlands, das Ende des verheerendsten Krieges, den die Welt bis dahin durchlitten hatte, der Schlusspunkt des Zweiten Weltkrieges – zumindest in Europa; Japan streckte erst am 2. September 1945 nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki die Waffen.
Es mag Zufall sein, dass sich die Nachkriegswelt gerade jetzt vollends auflöst, nachdem bereits 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Blockbildung in einen kapitalistischen Westen und einen sozialistischen Osten ein Ende gefunden hatte. Dennoch gibt der Zeitpunkt zu denken. Die Nachkriegsordnung hatte ein machtpolitisches Fundament, aber auch ein psychologisches. Die Menschen dieser Epoche vereinte die Naherfahrung der Apokalypse durch den alles zermalmenden Krieg, die Anschauung ungeheuerlicher Menschheitsverbrechen. Doch diese Erinnerung schwindet. Sie verliert sich in der Geschichte.
Nicht nur die Nazis blieben stumm
80 bis 100 Jahre, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in ihrem Buch „Der lange Schatten der Vergangenheit“, währt die Periode, in der persönliche Erinnerungen überdauern. In der Regel wandern die Berichte des Erlebten über die Kinder bis zu den Enkeln, welche die Großeltern noch kennengelernt haben. Dieses „Drei-Generationen-Gedächtnis“, formuliert Assmann, sei ein „existenzieller Horizont für persönliche Erinnerungen und entscheidend für die eigene Orientierung in der Zeit“. Danach löst sich die personal gebundene Erinnerung auf.
Dieser Punkt ist jetzt, 80 Jahre nach Kriegsende, erreicht. Die Erwachsenen der Kriegszeit sind tot. Die Kriegskinder, so sie leben, sind sehr alt; nur die Enkelgeneration, selbst an der Schwelle zum Alter, trägt noch die gefilterten Erinnerungsfetzen in sich, derer sie habhaft werden konnte. Das war nicht immer einfach und schon gar nicht selbstverständlich. Die Großeltern, die Akteure jener Zeit, beschwiegen die Vergangenheit. Nicht nur die großen und kleinen Nazis blieben stumm. Auch die Unbescholtenen redeten nicht – und noch weniger die Opfer, die in der Nachkriegsgesellschaft zu befürchten hatten, dass man ihnen ihr Opfersein übelnehme.
Im Grunde erkannten sich die Deutschen in der Nachkriegszeit alle als Opfer, selbst jene, die sich darin selbst täuschten, weil sie Täter waren, die wähnten, sie seien „verführt“ worden. Zugleich gab es echte Opfererfahrungen, die Nazis, Nazimitläufer, Nichtnazis und Naziopfer gleichermaßen trafen. Drei existenzielle Verlusterfahrungen spielen in der Erinnerung eine wichtige Rolle: der Soldatentod des Vaters, Ehemanns oder Bruders; die Bombennächte mit der Zerstörung des Zuhauses; die Vertreibung aus der Heimat, begleitet von Totschlag und Vergewaltigung. 14 Millionen Deutsche mussten in Reaktion auf den Vernichtungskrieg in Polen und der Sowjetunion ihre Heimat in Ostmitteleuropa und in den deutschen Ostgebieten verlassen, zwei Millionen von ihnen erfroren, ertranken in der Ostsee oder wurden ermordet. Gegen Ende des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit trat dann noch der Hunger dazu.
Die Bombennächte traumatisierten viele Menschen, nicht nur in den Flammenhöllen der großen Städte, in denen Familien verschüttet und Löschmänner vom Feuersturm in den Tod gezogen wurden. Bei der „Operation Gomorrha“, dem Luftangriff auf Hamburg Ende Juli 1943, starben etwa 34 000 Menschen, fast eine Million Menschen verließen danach die Stadt. Einen Feuersturm erlebte am 12. September 1944 auch Stuttgart, nahezu tausend Menschen kamen um. Aus vielen Städten waren Kinder aufs Land verschickt worden, um sie in Sicherheit zu bringen. Insgesamt verloren etwa 600 000 Zivilisten – überwiegend Alte, Frauen und Kinder – bei den Luftangriffen ihr Leben, mehr als fünf Millionen Wohnungen wurden zerstört oder beschädigt.
Medial ist der Zweite Weltkrieg bis heute präsent in Filmen, Dokumentationen und Büchern. Für die persönliche Standortbestimmung prägender ist womöglich aber doch, was als Erinnerungssplitter durch die Generationen gereicht wird – jene drei Generationen, von denen Aleida Assmann spricht. Eher selten wurden, wie es scheint, geschlossene Erzählungen weitergegeben. Vieles musste von den Nachgeborenen erfragt werden. Oft erhielten sie dürftige Antworten nicht aus Gründen der Schuld, sondern des Schmerzes. Da ist die Großmutter, die scheinbar unbewegt erzählt, dass alle ihre fünf Brüder „im Krieg geblieben“ seien, in Russland und Frankreich; einer starb krank nach der Heimkehr. Und ja, Tiefflieger machten Jagd auf einen Zug von Erstkommunikanten, die auf dem Weg zurück vom Gottesdienst waren. Da ist die Schwiegermutter, die als Kind vom württembergischen Allgäu aus beobachtete, wie das brennende Ulm den Nachthimmel rot färbte. Und da ist der Schwiegervater, dessen Vater zum Volkssturm eingezogen wurde und in der Schlacht um Berlin zu Tode kam. Kurz darauf starb die Mutter an Krebs, der Bub blieb allein.
Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz
Mit der NS-Diktatur erlosch der deutsche Militärnationalismus, er verlagerte sich in domestizierter Form aufs Wirtschaftliche und Sportliche. Nach der totalen militärischen Niederlage und dem vollständigen moralischen Bankrott fand die Losung „Nie wieder Krieg“ weithin Zustimmung. Militärischer Eskapismus war verfemt. Der CDU-Politiker Horst Köhler trat 2010 als Bundespräsident zurück, nachdem er eine Diskussion über die militärische Sicherung freier Handelswege gefordert hatte, was innenpolitisch auf heftige Kritik gestoßen war. Heute schimpft der US-Verteidigungsminister Hegseth über die „europäischen Schmarotzer“, für die man die Seewege offenhalten solle, und Vizepräsident Vance stimmt ihm zu. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist groß in Deutschland, gerne wäre man eine „große Schweiz“. Das ist das Leitbild, so wäre es ideal: sich aus allem heraushalten, aber mit allen Geschäfte machen.
Allerdings mündete die „Nie wieder Krieg“-Überlieferung nicht automatisch in den Pazifismus. Mochten die Deutschen den 8. Mai 1945 auch als Niederlage empfunden haben, so war er eigentlich doch ein Tag der Befreiung. Um diese Freiheit zu verteidigen, wurde 1955 im Zeichen des Kalten Krieges gegen einigen Widerstand die Bundeswehr aufgestellt. An der Spitze standen frühere Wehrmachtsoffiziere, die Hitler treu gedient hatten. Zu einem eigenständigen innenpolitischen Machtfaktor brachte es das Militär in Deutschland nicht mehr.
Der „Historikerstreit“ des Jahres 1986 klärte dann endgültig die Fragen zur Urheberschaft des Zweiten Weltkriegs (der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas setzte sich gegen die provozierende These des Historikers Ernst Nolte vom „Präventivkrieg“ gegen Russland durch). Die Anerkenntnis der Einzigartigkeit des Holocausts blieb Kern deutscher Erinnerungskultur. Mit dem Abstand zum Kriegsende wuchs die Bereitschaft zur Aufarbeitung der entsetzlichen Verbrechen, die von Deutschen in der NS-Zeit begangen wurden – tatsächlich von Deutschen, und nicht nur „im deutschen Namen“, wie bis hin zu Kanzler Helmut Kohl der seltsam verdruckte und beschönigende öffentliche Sprachgebrauch war.
Diese Verbrechergeschichte war und ist im persönlichen Gedächtnis, im Familiengedächtnis sehr viel weniger präsent, sei es aus Scham, Trotz oder aus fehlender Schuld. Spuren traten trotzdem auf. Die in Erzählungen beiläufig genannten „Fremdarbeiter“ zum Beispiel entpuppten sich als KZ-Häftlinge aus einem Außenlager. Abseits gelegene Gräber oder Erinnerungstafeln an russische Kriegsgefangene warfen die Frage auf, was diesen Männern widerfahren war. Joschka Fischer, der Außenminister der rot-grünen Bundesregierung (1998-2005), schwang sich in den innerparteilichen Konflikten der Grünen im Zusammenhang mit den Kriegen, die aus dem Zerfall Jugoslawiens resultierten, zum Verfechter einer moralisch gefärbten, menschenrechtsgeprägten Politik auf. Der Grundsatz „Nie wieder Krieg“ wurde in die Formel „Nie wieder Auschwitz“ transformiert. Erinnert sei an das Massaker von Srebrenica, bei dem bosnische Serben 1995 mehr als 8000 Bosniaken hinrichteten.
Das Bekenntnis „Nie wieder Auschwitz“ gehört zur Staatsräson der Bundesrepublik. Für die AfD handelt es sich um einen „Vogelschiss in der Geschichte“, so ihr Ehrenvorsitzender Alexander Gauland. Die Erinnerung an Auschwitz aber wird nicht vergehen, weil dieser Ort der Maßstab dafür geworden ist, was der Mensch dem Menschen antun kann. Ohne den Weltkrieg wäre Auschwitz niemals möglich gewesen. Niemand wusste dies besser, als die Gefangenen und Gefolterten, die im Angesicht des Todes in den Konzentrationslagern und Kerkern der Nazis auf das Näherrücken der Front hofften.
Für die Nachgeborenen gilt, was der in Wien geborene Schriftsteller Stefan Zweig an den Anfang seiner Erinnerungen stellt. Er schreibt über die Jahre um 1900, die Zeit vor den Weltkriegen: „Es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit.“ Der Titel von Zweigs Lebensbericht lautet: „Die Welt von gestern.“
Was uns Nachgeborenen das Morgen bringen wird, wissen wir nicht. Aber es sieht nicht so aus, als ob die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch bestimmenden Einfluss auf das politische Handeln hätten. Wie damals kriechen die Verrückten wieder aus ihren Löchern. Politische Scharlatane sind unterwegs. Lügner triumphieren, Ideologen schwadronieren, das Derbe schlägt das Feine, die Dummheit schreit, die Vernunft schweigt.