Von seinen deutschen Rentenbeiträgen will Sieka Sielca in Togo einen Lkw kaufen. In der Transportbranche sieht er die einzige Perspektive für sich. Foto: privat
Die Unterensinger Gemeinderätin Birgit Seefeldt hat sich zwei Jahre lang für die Rückkehr des abgeschobenen Hausmeisters Sieka Sielca engagiert. Warum sie jetzt aufgibt.
Martin Mezger
06.12.2025 - 18:00 Uhr
Die Hoffnung, heißt es, stirbt zuletzt. Ganz tot ist sie noch nicht für Birgit Seefeldt. Aber in den Labyrinthen der Bürokratie hat sie das größte Stück Hoffnung fahren lassen.
Birgit Seefeldt ist Vorsitzende der Fraktion von Freien Bürgern und CDU (FB.CDU) im Unterensinger Gemeinderat und des Arbeitskreises Asyl. Mit großem Einsatz und einigen Unterstützern hat sie sich für Menschlichkeit engagiert, als Menschlichkeit in den Mühlen des Asyl- und Aufenthaltsrechts geschrotet – oder eher geschrottet – wurde: im Fall des ehemaligen Unterensinger Hausmeisters Sieka Sielca.
An seinem Arbeitsplatz klicken die Handschellen
Bis vor zwei Jahren war der aus Togo stammende damals 40-Jährige bei der Gemeinde Unterensingen angestellt. Dann klickten am 6. Dezember 2023 an seinem Arbeitsplatz die Handschellen. Die Abschiebung wurde umgehend vollzogen.
Verbrochen hatte Sielca nichts, außer, dass er in Togo geboren wurde. Sein Asylantrag war abgelehnt worden, rein rechtlich war er ausreisepflichtig. Obwohl er seinen Lebensunterhalt selbst finanzierte, Steuern zahlte und nützliche Arbeit leistete, die er niemandem wegnahm: Der Unterensinger Bürgermeister Sieghart Friz betonte nach der Abschiebung, wie schwierig es sei, die vakante Stelle wieder zu besetzen.
Ein regelmäßiges Einkommen in Togo hat Sielca nicht. Arbeitsplätze sind rar in seinem Heimatland. Irgendwie muss er sich und seine Familie durchbringen. Als er in Deutschland lebte, versorgte sein Vater die beiden Kinder, und er überwies Geld.
Birgit Seefeldt und ihre Mitstreiter haben sich mit großem Engagement für die Rückkehr des abgeschobenen Hausmeisters eingesetzt. Foto: privat
Sielca hätte sogar einen Ausbildungsplatz im Kreis Esslingen bekommen
„Ich bin froh, dass ich alles versucht habe, was mir möglich war“, sagt Birgit Seefeldt heute. Zum Beispiel einen Ausbildungsplatz für Sielca zu finden. Denn das absurde Drama nahm noch eine Wendung.
Der Petitionsausschuss des Landtags hatte sich einstimmig für eine Rückkehroption ausgesprochen. Die Einreisesperre wurde auf sechs Monate verkürzt. Doch ein Visum bekam Sielca nicht. Das von der Grünen-Politikerin Susanne Bay geführte Regierungspräsidium verweigerte aus formalrechtlichen Gründen die Zustimmung. Der Petitionsausschuss war empört, der Amtsschimmel trabte ungerührt weiter.
Einzige Rückkehrchance: ein Ausbildungsplatz. Birgit Seefeldt suchte – und hatte Erfolg. Eine Bauernfamilie bot einen Ausbildungsvertrag an. Ein Gärtner ebenso. Selbst eine Perspektive als Berufskraftfahrer schien realistisch.
Nicht zulässig, nicht anerkannt, nicht hoch genug
Geklappt hat nichts. Die bürokratische Groteske ging weiter. Erster Versuch: Landwirtschaft. Sielca wäre im ersten Lehrjahr nur zur Schule gegangen und hätte keine Einkünfte gehabt. Eine IT-Firma aus Ostfildern, die das Problem der Personalgewinnung kennt, hätte ihn mit 10 000 Euro unterstützt. Der Bauernhof brauchte aber einen Azubi, der zusätzlich als bezahlte Arbeitskraft mithilft – in Sielcas Fall laut Seefeldt unzulässig.
Fehlende 148 Euro monatlich verhinderten die Einreise
Zweiter Versuch: Gärtnerei. Der Ausbildungsvertrag war fix, wurde eingereicht bei der Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften, erhielt deren Zustimmung. Aber: Der Verdienst von monatlich 900 Euro im ersten Lehrjahr wäre zu gering für die Sicherung des Lebensunterhalts. Die Grenze wurde zum 1. September 2025 auf 1048 Euro angehoben – just der Tag, an dem die Ausbildung hätte beginnen sollen. An ihrem Ende wäre Sielca 45 Jahre alt gewesen. Für eine Aufenthaltsgenehmigung hätte er dann brutto 4500 Euro verdienen müssen – zur Vermeidung von Altersarmut, so die Begründung. In der Branche ein utopisches Anfangsgehalt.
Sieka Sielca, als er noch für die Gemeinde Unterensingen arbeitete. Foto: privat
Sielcas B 1-Sprachzertifikat wird in Deutschland nicht anerkannt, so wenig wie sein togolesischer Lastwagenführerschein. Den hätte er neu machen müssen. Ein Unternehmen, das ihn unter dieser Bedingung einstellt, fand sich nicht. Zumal unklar war, wann und ob er kommen kann. Seine Deutschkenntnisse hätte er in einer mündlichen Prüfung verifizieren können, aber nicht online, nur in Präsenz. Für die er – ganz tricky – ein Visum bräuchte.
Mit eigenem Lkw Geld verdienen
Mit Unterensinger Empfehlung hat er sich bei der deutschen Botschaft in Togo für eine Hausmeisterstelle beworben. Antwort bekam er keine. Seine Hoffnung, sagt Seefeldt, setzt er jetzt auf die Transportbranche – die einzige in Togo, in der er für sich eine halbwegs zuverlässige Verdienstmöglichkeit sieht. Einen Lkw will er kaufen. Dafür lässt er sich seine in Deutschland geleisteten Rentenbeiträge auszahlen: ein Point of no Return.
Auch Birgit Seefeldt hat den Kampf gegen das Bürokratiemonster aufgegeben. „Ich möchte das für mich abgeschlossen haben und den Menschen danken, die mich unterstützt haben, ebenso den Betrieben, die gesagt haben: Wir probieren es mit Sieka Sielca.“ In Kontakt bleiben wird sie mit ihm. Ihr Rest an Hoffnung gründet darauf, „dass Sieka nicht verzweifelt ist an seiner Situation“.