AfD-Wähler in Stuttgart Giebel, Hausen, Freiberg: Einmal rechts, immer rechts?
Einst wählten in diesen Vierteln viele die „Republikaner“. Heute sind sie AfD-Hochburgen. Zwei Generationen rechtsextrem? Eine Spurensuche in Stuttgarts Norden.
Einst wählten in diesen Vierteln viele die „Republikaner“. Heute sind sie AfD-Hochburgen. Zwei Generationen rechtsextrem? Eine Spurensuche in Stuttgarts Norden.
In Stuttgart-Giebel, unterhalb der Solitude, stehen graue Wohnblocks unweit von schmucken Reihenhäusern, futuristische Discountergebäude nahe denkmalgeschützter Kirchen. Giebel sowie das benachbarte Hausen im Bezirk Weilimdorf fallen aber noch durch etwas anderes auf: In den Stadtteilen wählen seit Jahrzehnten besonders viele Menschen rechts.
1992 waren es die „Republikaner“. In gut 20 Stuttgarter Wahlbezirken kamen sie bei der damaligen Landtagswahl auf mehr als 20 Prozent der Stimmen: im Wahlbezirk Engelbergschule (heute Gemeinschaftsschule Weilimdorf) waren es 24,2 Prozent, im benachbarten Hausen gar 30,7 Prozent. Mehr als 30 Jahre später, bei der Bundestagswahl 2025, holte die in Teilen rechtsextreme AfD dort 27,1 beziehungsweise 24,9 Prozent. Noch mehr wählten die AfD vergangenes Jahr nur in Freiberg (Bezirk Mühlhausen).
Einmal rechts, immer rechts? Politikwissenschaftler wie Julius Kölzer und Ansgar Hudde zeigen regelmäßig, dass frühere rechte Wahlerfolge die heutigen hohen AfD-Stimmenanteile erklären helfen. Es gebe ein „räumlich verwurzeltes rechtsautoritäres und nativistisches Wählerreservoir“, so Kölzer.
Auf Stuttgart übertragen hieße das, dass in Giebel, Hausen oder Freiberg besonders viele Menschen mit rechtsradikalem Weltbild leben – das sie seit den 1990er Jahren auch an die nachfolgende Generation weitergegeben haben. Ist das so? Und wenn ja: warum?
Bei einem Spaziergang durch Giebel betont Christiana Rothaug, dass das Viertel mehr ausmache als die hohe Zustimmung für die AfD. Die Vorsitzende des Bürgervereins sowie ihre Mitstreiter kämpften seit Jahren dafür, dass es genügend Angebote für unterschiedliche Zielgruppen gibt. Sie zählt das Giebelhaus auf, das Haus der Begegnung, die Kirchen. 2025 habe es auf dem zentralen Ernst-Reuter-Platz fünf Veranstaltungen gegeben: „Wir feiern hier, tauschen uns aus.“
Was aber auch stimmt: Im Winter und Frühjahr fielen im Stadtbezirk Weilimdorf mehrmals Schüsse, Anfang der Woche auch in Giebel. Stets waren Jugendliche oder junge Erwachsene beteiligt. Dass sich junge Männergruppen abends und nachts auf Spielplätzen im Bezirk treffen, sei hier üblich, sagt Hans-Martin Goede. Er ist Kirchengemeinderat in Giebel. Bei Dunkelheit trete er seit den Ereignissen in Weilimdorf nicht mehr an männliche Jugendgruppen heran, um diese aufzufordern, etwa private Spielplätze zu verlassen, sagt er.
Auch sonst wandelt sich vieles, und nicht immer zum Besseren. Früher gab es drei Apotheken, heute noch eine. Im einstigen Edeka ist heute ein Mix-Markt beheimatet, samt kyrillisch beschrifteter Preisschilder. Die Hausmeisterstelle für das Alte Rathaus wurde gestrichen, das Familienzentrum bekommt weniger Zuschuss.
Bald kommt eine Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete in die Nähe, mit bis zu 1800 Plätzen. Trotz Sicherheitsdienst und Zaun gebe es viele Ängste und Vorurteile, sagt Christiana Rothaug. Bei einem Informationsabend habe „eine derart ätzende Stimmung geherrscht“, dass sie früher gegangen sei.
Solche Entwicklungen rufen die „Bewahrungsorientierten“ auf den Plan. So bezeichnet der von der Bundesregierung beauftragte „Deutschland-Monitor“ jene besonders skeptische Gruppe Menschen, die „den gesellschaftlichen Wandel am entschiedensten ablehnen“. Sie verfügten „über die wenigsten sozioökonomischen Ressourcen und schätzen auch die wirtschaftliche Lage Deutschlands am schlechtesten ein“. Vier von zehn Menschen in dieser Gruppe wählen die AfD.
Das ist ein Erkläransatz für die aktuelle Lage. Warum aber wählten schon vor 30 Jahren so viele rechtsextrem? 1997 zeigten die Wahlforscher Kai Arzheimer und Markus Klein, dass „Republikaner“-Wähler oftmals gering gebildet und „mit der politischen und ökonomischen Situation unzufrieden“ waren. Damals wie heute verschob sich die Weltordnung, manch einer erkannte das eigene Viertel nicht wieder oder spürte eine existenzielle Not. Die Vertriebenen, für die nach dem Zweiten Weltkrieg die Hochhäuser in Giebel errichtet wurden, „wollten viele Weilimdorfer nicht hier haben“, sagt Christiana Rothaug. Seit den 1970er Jahren ging es Gastarbeitern, Asylbewerbern und Spätaussiedlern nicht anders.
Hausen bestand noch in den 1990er Jahren ausschließlich aus sozialem Wohnungsbau – mit entsprechender Einwohnerschaft. „Viele hier haben nicht mal das Nötigste“, wurde ein Hausener Rentner kurz nach der Landtagswahl 1992 in unserer Zeitung zitiert. Dazu etliche, die sich über Ausländer und den Umgang mit ihnen beschwerten.
Auch Stuttgart-Freiberg besuchte unsere Zeitung damals, „Stuttgarts Hochhaussiedlung am Stadtrand, wo Häuser mehr als 20 Stockwerke haben und zur besseren Unterscheidung mit A, B oder C gekennzeichnet sind“. Dort, so die Reportage, „scheinen alle Klischees zu stimmen“. Gemeint war: In tristen Vierteln wählen die Menschen eben rechtsextrem. Der Reporter sprach mit enttäuschten Jugendlichen aus dem Jugendclub und mit dem Streetworker Volker Häberlein, der im Fernsehen über eine Probeabstimmung unter Jugendlichen mit mehr als 50 Prozent „Republikaner“-Anteil berichtet hatte.
„Als ich hier in den 1980ern anfing, hatte ich vielleicht einen Spanier in der Gruppe“, erinnert sich Volker Häberlein heute. Die Wohnungen in Freiberg wurden bald mit ausländischen Familien belegt, dann kamen die Spätaussiedler. Das Stadtteilkino, die Kneipen und die Freiflächen verschwanden. Die Preisschilder im örtlichen Mix-Markt sind wie in Giebel mittlerweile auch kyrillisch beschriftet. Freiberg habe da „eine wahnsinnige integrative Leistung vollbracht“, findet Häberlein. Aber manches sei eben auch schlechter geworden.
Häberleins Nachfolgerin Natascha Zöller betont, dass es in Freiberg keine rechtsextremen Vorfälle gebe, keine Überfälle oder Schmierereien. Die Menschen hier seien von der Wirtschaftskrise stark betroffen, von der Unsicherheit in der Welt verängstigt. „Die Politik muss darauf Antworten liefern“, so Zöller. Die übers Smartphone hereingespülten einfachen Antworten der Populisten verfingen eben oft besser bei Menschen, die vor allem auf sich schauen müssen. „Und dann hören die Jugendlichen von dem Vorschlag, dass Zahnärzte keine Kassenleistung mehr sein sollen oder das der SPD-Spitzenkandidat sich vom Fahrer Entenpastete holen lässt.“
Haben auch Stuttgarts Politik und Verwaltung etwas versäumt? Schließlich sprechen sie in Freiberg wie in Giebel übers Wohnen, die Infrastruktur, den öffentlichen Raum. Grundsätzliche Vorwürfe will aber keiner formulieren. Nicht einmal Johannes Jäger, der seit Jahrzehnten für die SPD im Bezirksbeirat Mühlhausen sitzt und beklagt, dass das Gremium selbst für die Überdachung einer Bushaltestelle „bei der Stadt nicht mehr durchdringt“.
Gesamthaft betrachtet habe sich „in Freiberg in den letzten Jahren nichts substanziell verschlechtert“, findet Jäger. Eher im Gegenteil. Mit dem Programm „soziale Stadt“ wurde der Wohnraum zwischen 1999 und 2013 modernisiert. Aber schon im benachbarten Mönchfeld – ebenfalls eine AfD-Hochburg – seien der Kirchturm gesprengt, der Lebensmittelmarkt geschlossen worden: Symbole für ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft.
Auch in Giebel lief von 2007 an zehn Jahre lang das Projekt „soziale Stadt“. Für Christiana Rothaug „der Wendepunkt“: Stadtteilmanager kümmerten sich um das Leben im Viertel, der Ernst-Reuter-Platz wurde saniert, das Jugendhaus neu gebaut, Grünzüge geschaffen, Wohngebäude saniert. „Heute leben hier andere Menschen als vor 40 Jahren“, sagt Rothaug.
Dennoch feiern Rechtextreme auch hier Wahlerfolge. Hans-Martin Goede, der Kirchengemeinderat, ließ deshalb kürzlich an der evangelischen Kirche in Giebel ein riesiges Banner aufhängen: „Für Demokratie, gegen Rechtspopulismus“. Viele hätten „positiv reagiert, aber wir wurden auch angefeindet“, berichtet er.
Vielleicht kommt die Politik in Giebel und Freiberg an Grenzen. Doch zum Abschied erzählt Volker Häberlein, der Streetworker aus Freiberg, noch von Marianne Schulz-Hector und Rezzo Schlauch. Die damalige CDU-Kultusministerin und der Grünen-Landtagsabgeordnete diskutierten Anfang der 1990er Jahre mit Jugendlichen und verteilten „Rock gegen Rechts“-CDs. „Die haben sich die Mühe gemacht und sind hergekommen“, lobt Häberlein. Und ihre Nachfolger? „Sie wären herzlich willkommen“, sagt Natascha Zöller.
Hinweis: In einer früheren Version hieß es, im Winter und Frühjahr seien in Giebel mehrmals Schüsse gefallen. Das ist nicht korrekt. Richtig ist, dass im Stadtbezirk Weilimdorf mehrmals Schüsse fielen. Giebel ist ein Stadtteil von Weilimdorf, hier waren zuletzt jedoch nur am vergangenen Sonntag (1. März) Schüsse gefallen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.