Anne Rabe über Moral-Bashing „Die Debatte um Brosius-Gersdorf zeigt, wie sich der Zeitgeist verändert hat“

Menschenrechte zählen hier nicht mehr viel: Anti-Asyl-Demo in Cottbus Foto: imago/Rainer Weisflog

Leidet die Gesellschaft, wie oft behauptet wird, unter zu viel Moral oder nicht vielmehr unter dem Gegenteil? Die Schriftstellerin Anne Rabe hat dazu eine klare Meinung.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es hat sich eingebürgert, immer öfter von Tugend nur noch unter den Vorzeichen des Terrors zu sprechen. Anne Rabe will das nicht hinnehmen. In ihrem Buch „Das M-Wort“ zeigt sie, wie die Verachtung der Moral die Grundlagen einer offenen, demokratischen Gesellschaft untergräbt.

 
Anne Rabe Foto: Annette Hauschild

Frau Rabe, fangen wir doch am besten mit dem Titel Ihres Buches an: „Das M-Wort“ – manche halten es ja schon für eine Übermoralisierung, dass man bestimmte Wörter nicht mehr aussprechen darf. Warum gehört neuerdings die Moral dazu?

Das ist mein leicht ironischer Zugriff auf die ständige Unterstellung, man dürfte irgendetwas nicht mehr sagen. Wir erleben gerade, dass die ungeheuerlichsten Dinge wieder sagbar werden, aber die Moral in der politischen Debatte unter Verdacht geraten ist. Gegen alles Progressive wird sofort der Vorwurf des Gutmenschentums, linker Träumerei oder weltfremden Moralisierens in Stellung gebracht. Doch wir dürfen uns den Grundkonsens der Gleichheit aller Menschen an Wert und Würde nicht nehmen lassen, wie es die Feinde der Demokratie gerne hätten.

Immer wieder heißt es aber auch, man würde die Leute durch zu viel Moral überfordern und erst recht den Feinden der Demokratie in die Arme treiben.

Das halte ich für eine recht laue Ausrede. Dass die Gesellschaft zu queer, zu liberal, zu aufgeklärt sei, ist ein beliebtes Erklärungsmodell für den um sich greifenden Rechtsextremismus, und am Ende sind sowieso immer die zu vielen Ausländer an allem schuld. Dumm nur, dass die Erfahrung dagegen spricht. Gerade dort, wo die wenigsten Menschen mit migrantischem Hintergrund leben, ist die Feindschaft gegen sie am größten. Wir haben in Deutschland eigentlich nie die Linken gebraucht, um rechtsextreme Strömungen stark zu machen. Rassismus, Queerfeindlichkeit, Antifeminismus sind feste Bestandteile rechtsextremer Ideologien.

Wie vollzieht sich diese Diskreditierung der Moral?

Es gibt einmal den sehr gezielten Angriff auf Wertvorstellungen. Am prägnantesten kann man das gerade in den USA beobachten, wenn Elon Musk behauptet, Empathie sei das größte Problem der westlichen Welt. Eine andere Weise ist die Berufung auf einen fatalistischen Realismus, wonach die Wirklichkeit nun einmal sei, wie sie sei. Diese Haltung ist besonders unter Konservativen verbreitet, findet sich aber auch bei Liberalen und in Teilen der SPD. Als gäbe es eine unveränderbare Realität, die man hinzunehmen habe wie ein Naturereignis. Es ist eine willkommene Ausrede dafür, sich nicht mehr anzustrengen, um für tatsächliche Probleme demokratische Lösungen zu finden. Oft geht es dabei auch nur um die Wahrung von Privilegien.

Andererseits beruft man sich in konservativen Kreisen ja durchaus auf moralische Positionen, etwa in Abtreibungsfragen, wenn man an den Streit um die Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf, denkt.

Diese Debatte hat mich sehr deprimiert. Sie zeigt, wie sehr sich der Zeitgeist verschoben hat. Vieles kommt hier zusammen. Einmal der sich wieder ausbreitende Antifeminismus: unerträglich, mit welcher Brutalität und Empathielosigkeit mit einer Frau umgesprungen wurde, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen, mit welcher Erbarmungslosigkeit versucht wurde, ihre Reputation zu beschädigen. Einmal abgesehen davon, was man davon halten mag, dass ein zu zwei Dritteln mit Männern besetztes Parlament sich zu entscheiden anmaßt, dass jemand, der ein liberaleres Abtreibungsrecht vertritt, für das Amt der Verfassungsrichterin nicht infrage kommt. Gleichzeitig ist es höchst alarmierend, wie wenig die CDU verstanden hat, dass rechtsextreme Desinformationskampagnen weit in ihre Fraktion hineinreichen.

Weniger genau nimmt man es mit der christlichen Morallehre im Umgang mit Geflüchteten.

Keine extremistische Bewegung in Deutschland hat so viele Verletzte und Tote zu verantworten, wie der Rechtsextremismus, gleichzeitig schafft er es, dass die Politik in Teilen seine Parolen übernimmt. Ich kann ja verstehen, dass man glaubt, einer in der Bevölkerung gärenden Unzufriedenheit entgegenkommen zu müssen. Aber seit Jahren rechnet uns die Politikwissenschaft vor, dass es gegen den Populismus nicht hilft, seine Konzepte zu kopieren. Wir müssen endlich realisieren, wie weit in der Gesellschaft autoritäre, staatsfeindliche Strömungen bereits fortgeschritten sind. Aber offensichtlich konzentriert man sich lieber darauf, Klimaaktivisten zu kriminalisieren, die sich sehr berechtigte Sorgen um unsere Zukunft machen.

Sie zeigen, wie der für einen liberalen Rechtsstaat zentrale Grundsatz der Gleichheit in vieler Hinsicht verletzt wird: Müsste man nicht eher von einer Untermoralisierung als der immer wieder kritisierten Übermoralisierung unserer Gesellschaft sprechen?

Absolut, genau darum geht es mir: vor Augen zu führen, welche ungeheuren Chancen in der Erkenntnis stecken, dass jeder Mensch gleich an Wert und Würde ist. Das ist es, was uns vorangebracht hat. Nur wenn wir dem wie ein Leitstern folgen, können wir den großen Herausforderungen gerecht werden, vor denen wir stehen. Alles andere führt in den Abgrund. Und da waren wir in Deutschland ja schließlich schon einmal.

In Ihrem Buch ist dieser idealistische Appell mit der schonungslosen Beschreibung einer Gegenwart unterfüttert, die täglich näher an den Abgrund heranzurücken scheint, sei es in den USA, in Russland, aber auch im Osten Deutschlands. Entmutigt Sie das nicht?

Ich wehre mich gegen diese leicht zynische Haltung, man könne ja eh nichts machen. Noch haben wir es in der Hand. Die Mehrheit der Menschen in diesem Land wählt immer noch demokratisch. Wir sollten darauf pochen, dass wir von den demokratischen Parteien auch wirkliche Lösungen bekommen und uns nicht mit billigen Tricks abspeisen lassen, etwa wenn die CDU einen Kulturkampf vom Zaun bricht, nur um nicht vom Klimawandel sprechen zu müssen.

Sie schildern, unter welchen Schwierigkeiten sich in Ostdeutschland Leute für die Zivilgesellschaft engagieren. Ist diese Widerständigkeit angesichts einer ausweglos scheinenden Lage etwas, was man vom Osten lernen kann?

Wir sind in Teilen Ostdeutschlands schärfsten Angriffen von rechts ausgesetzt. Das sind wirklich beängstigende Zustände. Und trotzdem tun sich hier Leute unterschiedlichster Schichten, Herkünfte, Berufe, Altersklassen und Interessen zusammen, um die Demokratie zu verteidigen. Sie setzen sich dabei Gefahren aus, von denen man im Westen noch keinen Begriff hat. Ich würde mir wünschen, dass die Politiker dort einmal hinfahren, um sich ein Bild davon zu machen, was diese Leute leisten, und gemeinsam zu überlegen, wie man sie besser unterstützen kann.

Wie zuversichtlich sind Sie?

Ich bin nicht sehr optimistisch, aber lasse mich davon nicht entmutigen.

Info

Autorin
Anne Rabe, geboren 1986, ist Dramatikerin, Drehbuchautorin und Essayistin. Ihre Theaterstücke wurden mehrfach ausgezeichnet. Als Drehbuchautorin war sie Teil der Kultserie „Warten auf’n Bus“. Seit mehreren Jahren tritt sie zudem als Essayistin und Vortragende zur Vergangenheitsbewältigung in Ostdeutschland in Erscheinung. Anne Rabe lebt in Berlin. Ihr Prosadebüt „Die Möglichkeit von Glück“ über die verborgene Gewaltgeschichte der DDR stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Buch
In ihrem am 16. August erscheinenden Buch „Das M-Wort“ (Klett-Cotta, 224 Seiten, 20 Euro) setzt sich Anne Rabe gegen den um sich greifenden Anti-Wokeness-Chic zur Wehr. In einer Mischung aus Essay und Alltagsbeobachtung beschreibt sie, wie und mit welchen Folgen Moral aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs verdrängt wird. Im Kern ihrer Argumentation steht der zentrale Grundsatz der Gleichheit, der in verschiedenen Bereichen immer mehr an Halt verliert, sei es in der Steuergerechtigkeit, der Gleichstellung der Geschlechter, der ungleichen sozialen Verteilung von Transformationskosten, der Erinnerungskultur.

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