Drei Gesichter, drei Menschen aus der Vesperkirche, die Einblicke in ihr Leben und ihre Träume gegeben haben: Johanna Gärtner, Baruk Abudail und Claudia Wanner (v. l.) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
In der Vesperkirche erzählen drei Menschen, was Leben in Armut, als Langzeitarbeitslose oder Asylbewerber bedeutet. Da kann ein Schulfüller schon zum Problem werden.
Die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr. Nach den aktuellen Zahlen der Liga der freien Wohlfahrtspflege sind in Baden-Württemberg 13.795 Menschen obdachlos. Das ist ein neuer Negativrekord. Die Armut nimmt auch im reichen Bundesland zu. Wo, wenn nicht in der Stuttgarter Vesperkirche, ist der Ort, um die Menschen hinter den Zahlen zu sehen – und ihnen zuzuhören. Denn auch bei der Vesperkirche registrierte Pfarrerin Gabriele Ehrmann im vergangenen Jahr einen Anstieg der ausgegebenen Essen um zwölf Prozent.
Johanna Gärtner (36) unterstützt alte Menschen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Da ist zum Beispiel Johanna Gärtner. 36 Jahre ist sie alt. Selbst Gästin und Ehrenamtliche in der Vesperkirche. Sie steht nun im Mittelpunkt, ein Mikrofon in der Hand, und antwortet auf die Fragen von Moderator Holger Fuhrmann, Referent Arbeitslosigkeit und Armut beim Diakonischen Werk Württemberg. „Ich bin halbtags berufstätig, da ich einen kranken Mann habe.“ Mehr gehe nicht, weil ihr Mann ihre Hilfe brauche. Der Sohn ist acht Jahre alt. Lange hat die Familie in einer Einzimmerwohnung auf 33 Quadratmetern gewohnt. „Es ist sehr schwierig eine familiengerechte Wohnung zu bekommen.“ Vor vier Jahren gelang der Umzug in eine Dreizimmerwohnung. Die Schule sei eine Herausforderung, wenn man sehe, was alles so Geld koste im Umfeld. Ein ausgeglichenes und gesundes Frühstück etwa, das verlangt werde. Ihr Sohn liebe Gurken. Bei einem Einzelpreis von 1,60 Euro wird das zur Herausforderung, die andere gar nicht sehen. Ganz zu schweigen vom Schulmaterial. Denn der Füller, den der Sohn brauche, musste – so die Anforderung der Schule – ein Markenfüller sein und obendrein graviert. „Wir bekommen zwar vom Jobcenter zwei mal im Jahr zusätzlich Geld. Aber 30 Euro für den Füller sind einen Menge Geld.“
Gärtners Wunsch: Gesundes Schulessen
Woher sie ihre Kraft nehme? Für Johanna Gärtner ist es ihre Arbeit im sozialen Bereich. Sie unterstützt alte Menschen im Haushalt und bekomme dafür „viel Dankbarkeit“. Und da ist ihr Sohn, „der weiß, dass wir sparen müssen“. Aber er weiß, dass es nach dem Sparen dann auch irgendwann ein Geschenke gebe. „Darauf bin ich sehr stolz. Das gibt mir viel Kraft, um weiterzumachen.“ Ihr Wunsch an die Politik? Geld für gesundes Schulessen, frisches Obst und Gemüse, um Kinder gut zu ernähren, „denn sie sind unsere Zukunft“.
Baruk Abudail (28) wartet auf die Abi-Anerkennung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Baruk Abudail ist 28 Jahre alt. Er kommt aus Syrien und ist erst seit einem Jahr in Deutschland. In seinem Heimatland hat er Abitur gemacht und Katastrophenmanagement studiert. Er trägt die Schlaglichter auf sein Leben auf Deutsch vor, das sich bereits auf B1-Niveau bewegt. Er hat für das Unicef-Hilfswerk der Vereinten Nationen gearbeitet. Auf Geflüchteten, so berichtet er, lasteten die Erlebnisse in ihrem Heimatland, das, was sie auf der Flucht erlebt haben und schließlich der Druck im neuen Alltag. Abudail würde gerne eine Ausbildung beginnen. „Aber erst muss mein Abitur anerkannt werden.“ Das dauere ein bis eineinhalb Jahre. Dabei will er auf eigenen Füßen stehen. Er packt seinen Wunsch in ein Bild: „Gebt mir keinen Fisch, aber lehrt mich, wie man fischt.“
Fluchterlebnisse sind belastend
Angesprochen auf die Bezahlkarte für Flüchtlinge erzählt er, dass sie in manchen Geschäften nicht anerkannt werde und man mit ihr nicht online bestellen können. Aber dennoch sei er für Unterkunft und Sicherheit sehr dankbar, die ihm Deutschland gegeben habe. Denn Syrien sei auch jetzt nach dem Sturz Assad nicht sicher, gleichwohl würden die syrischen Asylanträge nicht entschieden. Und für Homosexuelle sei es dort noch immer so gefährlich wie zu Assads Zeiten.
Claudia Wanner (52) engagiert sich für Langzeitarbeitlose. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Claudia Wanner ist eine von etwa 92.300 Langzeitarbeitslosen in Deutschland. Die 52-Jährige hat zwei erwachsene Kinder. Seit 20 Jahren arbeitet sie in geförderten Maßnahmen, immer wieder durchbrochen von schwierigen gesundheitlichen Phasen mit Krankenhausaufenthalten, Operationen und Rehas. Das Leben habe ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im CAP-Markt in Stuttgart-Sillenbuch hat sie bis zum letzten Rückschlag gearbeitet. Bei der Neuen Arbeit bekommt sie jetzt wieder eine Chance. Sie arbeitet als Demokratiebegleiterin. Für 20 Stunden die Woche bekomme sie 20 Euro. „Das ist mein Inflationsausgleich“.
Arbeitslosigkeit, überlegt sie, nehme einem die Spontanität. „Man ist nicht mehr so frei in seinen Leben.“ Nervig sei das, bis man sich daran gewöhnt habe. Ironie des Schicksals: Die Langzeitarbeitlosen, die sie kenne, habe sie alle bei der Arbeit kennengelernt. Die soziale Hängematte, von der in der politischen Diskussion zum Thema Langzeitarbeitslose oft gesprochen werden, „gibt es nicht. Es ist doch eher ein Nagelbrett.“
Kein Gegeneinander der Betroffenen
Ihre Forderung an die Politik: Der Wiedereinstieg müsse geplant und deshalb begleitet werden. „Es ist wichtig, dass man uns zuhört und ernst nimmt“. Schön wäre ein „Recht auf leistbare Arbeit“. Was Claudia Wanner hingegen auf keinen Fall will, sei gegen andere marginalisierte Gruppen ausgespielt zu werden.
Für Oliver Hildebrandt (Grüne) ist nach dem Gehörten klar, man müsse weitere Formate wie dieses schaffen, um mit anderen Lebenswirklichkeiten konfrontiert zu werden. Laura Streitbürger (SPD) weiß nicht nur aus ihrem Arbeit bei der Arbeiterwohlfahrt, dass „eine prekäre Lebenssituation jeden treffen kann“. Teresa Schreiber (CDU) muss sich an diesem Abend einmal mehr vom Begriff der Lifestyle-Teilzeit distanzieren: „Wir stehen zur Teilzeit. Claudia Schober (FDP) betont, jedes Problem sei individuell und brauche auch individuelle Hilfe. „Wohnraum ist der Schutzraum zur Teilhabe am Leben“, konstatiert Utz Mörbe (Linke).
Denn das ist allen Zuhörern an diesem Abend deutlich vor Augen geführt worden: Es geht um darum, auch in prekären Verhältnissen am Leben teilzunehmen. Bei Arbeit und Freizeit.