Autositzhersteller in Kirchheim/Teck Recaro meldet Insolvenz an

Recaro-Sitze gehören auf vielen Rennstrecken zur Standardausrüstung. Foto: Recaro

Nach Information der IG Metall ist der traditionsreiche Autositzhersteller zahlungsunfähig. Die Beschäftigten fühlten sich vom Management „im Stich gelassen“.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Der namhafte Autositzhersteller Recaro in Kirchheim/Teck ist in die Insolvenz gerutscht. Wie die Gewerkschaft IG Metall mitteilte, wurde vom Insolvenzgericht die vorläufige Eigenverwaltung für den Betrieb angeordnet. Unklar sei im Moment, was dies für die 215 Mitarbeiter vor Ort bedeute, so die IG Metall.

 

Das Unternehmen selbst hat bis Montagmittag keine Informationen dazu verbreitet. Die Belegschaft, die sich teilweise schon in Sommerurlaub befindet, wurde von der Nachricht überrascht. Als vorläufigen Sachwalter bestimmte das Amtsgericht Esslingen den Stuttgarter Insolvenzfachanwalt Holger Blümle von der Kanzlei Schultze&Braun (Aktenzeichen: 16 IN 406/24).

Recaro hat auch die Bänke am Spielfeld im Stuttgarter Stadion gebaut. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

„Die schlimmsten Befürchtungen des Betriebsrates und der IG Metall bewahrheiten sich“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gewerkschaft. Der Betriebsratsvorsitzende Frank Bokowits wird darin mit den Worten zitiert: „Wir sind enttäuscht und fühlen uns vom Management im Stich gelassen.“ Die Beschäftigten seien vom Management nicht aktiv über die Insolvenz informiert worden, dabei hätten sie über mehrere Jahre dazu beigetragen, das Unternehmen zu stabilisieren – unter anderem durch die Verschiebung von Entgeltzahlungen. Auch blieb zunächst unklar, ob die Beschäftigten mit dem regulären Juli-Gehalt rechnen können.

Die IG Metall fordert vor diesem Hintergrund „einen transparenten Dialog mit der Geschäftsführung und dem Sachwalter“. Die Mitarbeiter verdienten „Klarheit und eine faire Behandlung in dieser schwierigen Zeit“, so Alessandro Lieb, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen.

Das Unternehmen gehört heute einer US-Investmentfirma

Die Recaro Automotive GmbH hat in den vergangenen Jahren mehrmals den Besitzer gewechselt. 2011 wurde der Betrieb, der mit Schalensitzen in Renn- und Straßenautos bekannt geworden ist, aber beispielsweise auch die Trainerbänke in der Stuttgarter MHP-Arena ausgestattet hat, vom US-Konzern Johnson Controls übernommen. Von 2016 bis 2020 gehörte das Unternehmen dann zum irischen Zulieferer Adient. Im Januar 2020 wurde der Betrieb an die US-amerikanische Investmentgesellschaft Raven Acquisition LLC verkauft.

Zum Zeitpunkt des jüngsten Besitzerwechsels hatte das Unternehmen rund 425 Mitarbeiter an drei Standorten in Europa, den USA und Japan und erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 150 Millionen US-Dollar. In der Coronazeit brach der Umsatz um etwa ein Drittel ein, seither wurden wiederholt Maßnahmen zur Stabilisierung nötig.

Die Lizenz für den Namen kommt von der Stuttgarter Holding

Mit der Stuttgarter Recaro-Holding, die aus der 1906 im Stuttgarter Westen gegründeten Karosseriefirma von Wilhelm Reutter hervorgegangen war, ist die Autositzsparte nur über einen Lizenzvertrag verbunden. Die Holding konzentriert sich heute auf Flugzeug-, Bahn- und Computer-Gaming-Sitze.

Bei den Autositzen beliefert Recaro einerseits den Aftermarket, das heißt, die Sitze werden nachträglich eingebaut. Andererseits gab und gibt es immer wieder auch direkte Ausstattungsaufträge von Autoherstellern. Derzeit beliefert Recaro dem Vernehmen nach den Hersteller Ineos, der mit dem „Grenadier“ im französischen Hambach ein klassisches Geländeauto im Stil von Land Rover oder Mercedes G-Klasse fertigt.

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