Beliebtes Ausflugsziel Stuttgart verbietet dem Collegium Wirtemberg Weinausschank

Beste Lage: die Kelter vom Collegium Wirtemberg liegt etwas unterhalb von Rotenberg – und der Rest der Stadt liegt ihr zu Füßen. Foto: Collegium Wirtemberg

Aufgrund „rechtlicher Unstimmigkeiten“ muss das Collegium Wirtemberg die Terrasse der Kelter unterhalb von Rotenberg schließen. Der Grund: Denkmalschutz. Jetzt müssen viele Besucher abgewiesen werden – und die Lage ist kompliziert.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Die Enttäuschung war groß bei den Besuchern: Sie kamen extra aus Ulm und wurden dann von Mitarbeitern des Collegium Wirtembergs weggeschickt. Denn auf der Terrasse der Kelter unterhalb von Rotenberg darf kein Wein mehr ausgeschenkt werden. „Wir waren eine Anlaufstelle für Wanderer und Fahrradfahrer“, sagt Petra Hammer von der Stuttgarter Genossenschaft. Die Vinothek ist nach wie vor an sieben Tagen in der Woche geöffnet – im Gegensatz zu den anderen Einkehrmöglichkeiten um die Grabkapelle. „Kein Terrassenverkauf mehr möglich!“ steht nun auf einem Schild, das mit „i. A. Stadt Stuttgart“ gezeichnet ist. „Rechtliche Unstimmigkeiten“ werden auf der Homepage als Grund angegeben. „Wir arbeiten daran, alle städtischen Auflagen zu erfüllen, dass Sie dort bald wieder mit einem Glas Wein sitzen und genießen können“, verspricht die Genossenschaft zwar. Aber die Lage ist kompliziert.

 

Der Blick reicht über ganz Stuttgart

Lange Zeit und offenbar unter dem Radar der Stadtverwaltung schenkten die Mitarbeiter vom Collegium Wirtemberg unbehelligt Wein auf der Terrasse aus. Manche Besucher brachten sogar eigenes Vesper mit, denn Essen wird in der Kelter nicht angeboten. Von der Terrasse aus reicht der Blick über ganz Stuttgart. Nach dem Einkauf gab es auch ein Glas Sekt in die Hand, um die Wartezeit zu überbrücken, bis die Kisten gepackt waren. „Die Terrasse ist das I-Tüpfelchen unseres Kundenservices“, erklärt Petra Hammer. Durch „einen blöden Zufall“ wurde die Verwaltung allerdings auf die Praxis aufmerksam, weil Kollegen Baugesuche eingereicht hatten, die als Vergleichsbeispiel auf die Terrasse der Genossenschaft verwiesen. Seit Ende Juli ist sie deshalb geschlossen – außer für geschlossene Veranstaltungen wie Weinproben, die weiter stattfinden dürfen.

Daran etwas zu ändern, ist nicht leicht, denn die Rotenberger Kelter befindet sich im Außenbereich und in einem Landschaftsschutzgebiet. Die Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten und deren Verkauf ist dort erlaubt, der Ausschank nicht, lautet die Erklärung der Stadt. Eigentlich benötigt das Collegium Wirtemberg eine Gaststättenkonzession – jedenfalls nach Ansicht der Amtes für öffentliche Ordnung. Doch nach Ansicht des Baurechtsamtes sind die dafür notwendigen Umbauten wegen des Denkmalschutzes nicht möglich. Laut Petra Hammer handelt es sich um „Kleinigkeiten“, bestimmte Standards für die Küche und die Toiletten. An der Kelter darf allerdings kaum etwas verändert werden. Als Beispiel dient ihr das Tor zum Parkplatz hin: Die Genossen wollten, dass es sich nach außen öffnet statt nach innen, was das Baurechtsamt nicht genehmigte. „Es ist schön, dass wir ein geschichtsträchtiges Gebäude haben, es ist jedoch mit vielen Schwierigkeiten verbunden“, sagt sie.

Jeden Tag werden Besucher weggeschickt

Seit die Terrasse geschlossen ist, mussten jeden Tag Besucher abgewiesen werden. Manche können die Genossen an das Weinbaumuseum in Uhlbach verweisen, wo ebenfalls Weine ausgeschenkt werden – allerdings nur donnerstags bis sonntags. Dabei wollte sich die Stadt bei der Europameisterschaft offen zeigen und tatsächlich seien viele Dänen und Schotten an den spielfreien Tagen vorbeigekommen, berichtet Petra Hammer. „Wir wollen kein Halligalli, sondern Genussmomente schaffen, wo der Wein entsteht, um den Weinbau für Einheimische und Touristen in Stuttgart erlebbar zu machen“, betont sie. Einen Trost können die Genossen immerhin anbieten: „Unser vielfältig gefüllter Weinautomat steht für durstige Spaziergänger 24/7 vor unserem Eingang bereit“, schreiben sie auf der Homepage.

Stuttgarter Wengerter schauen immer wieder neidisch ins Remstal, wo den Kollegen im Außenbereich mehr Möglichkeiten zugestanden werden. „Wir sind enttäuscht und verwundert, aber jeder kennt solche Schwierigkeiten mit der Stadt Stuttgart“, sagt Petra Hammer. Im April taten sich deshalb fast 40 Weingüter und Genossenschaften zum Stuttgarter Wein-Kollektiv zusammen. Eine der Forderungen lautet, mehr Möglichkeiten und Flexibilität in der Vermarktung zu erhalten, Wohnmobilstellplätze sind ein weiteres Beispiel. Nur einen Flaschenweinverkauf zu haben, sei für einen Weinbaubetrieb nicht mehr ausreichend, formulierten sie in der Mitteilung zur Gründung des Zusammenschlusses, zu dem das Collegium Wirtemberg gehört. „Wein lebt von den Geschichten, den Menschen dahinter“, teilten sie mit, und diese Geschichten könnten bei Veranstaltungen, Ausschänken, in Besenwirtschaften, in Vinotheken und bei Weinwanderungen in den Weinbergen erzählt werden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Terrasse Verbot