Bestseller-Autor Peter Wohlleben „Windräder im Wald sind Irrsinn im Quadrat“

Peter Wohlleben hat zum Waldgipfel nach Wershofen (Kreis Ahrweiler) eingeladen. Foto: imago/Sven Simon

Der Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben plädiert dafür, den Wald viel weniger unter wirtschaftlichen Aspekten zu sehen. Es gehe jetzt darum, dieses wertvolle Ökosystem überhaupt noch zu erhalten. Die Holznutzung sei dabei zweitrangig.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Wershofen. - Peter Wohlleben ist Deutschlands bekanntester Förster. Baden-Württembergs Waldstrategie gehe teils in die falsche Richtung, sagt er.

 

Herr Wohlleben, im Mai hat Bundesforstministerin Julia Klöckner (CDU) einen Waldgipfel einberufen, jetzt Sie – eine zufällige Koinzidenz?

Nein, ist es nicht. Wir haben unseren Waldgipfel seit einem Dreivierteljahr geplant und auch Mitarbeiter von Julia Klöckner eingeladen. Aber im Mai hat sie plötzlich einen eigenen Waldgipfel aus dem Hut gezaubert – Sie wollte uns offensichtlich zuvorkommen.

Gefallen ihr Ihre Thesen nicht?

Sie hatte bereits mitgeteilt, dass sie sich nicht mit mir zusammensetzen möchte. Wir haben trotzdem Mitarbeiter vom Thünen-Institut eingeladen, das zu ihrem Haus gehört. Die haben leider abgesagt.

Im neuen Buch „Der lange Atem der Bäume“ vertreten Sie die These, dass der Wald sich selbst rettet, wenn man ihn lässt. Ist es so einfach?

Das ist so einfach. Schauen Sie auf alte Industrieanlagen – dort kommen unter schlechtesten Voraussetzungen wieder Bäume hoch. Ich plädiere nicht dafür, die Wälder sich selbst zu überlassen; zumindest aber in der Startphase der ersten zehn Jahre sollte das der Fall sein. Es geht künftig vor allem darum, den Wald überhaupt zu erhalten. Die heutige Forstwirtschaft hat den Wald so runtergewirtschaftet, dass wir etwa die Hälfte der Waldfläche im nächsten Jahrzehnt verlieren werden. Gerade im Schwarzwald mit den vielen Fichten.

Der Wald wurde immer genutzt. Wie ist der Konflikt von Holzeinschlag und Ökologie zu lösen?

Wenn ich das auf eine einzige Forderung herunterbrechen müsste, dann so: Einführung einer CO2-Steuer auf Holz. Die Experten sind sich einig, dass Holzverbrennung schädlicher als Kohle ist. Das Hauptaugenmerk weiter auf den Holzanbau zu legen, geht nicht mehr. Der Wald hilft uns, die Temperatur zu senken, Grundwasser zu erzeugen und Wasser zurückzuhalten. Wir brauchen ihn für andere Dinge. Je heißer es wird, desto mehr Biomasse braucht der Wald für sich selbst.

Baden-Württemberg ist relativ stolz auf seine Waldstrategie 2050. Was sagen Sie dazu?

Sie geht in Teilen in die falsche Richtung. Nur ein Aspekt: man fokussiert stark auf die Debatte um neue Baumarten. Aber Wald ist nicht nur Bäume, sondern ein Ökosystem aus mehr als 100 000 Arten. Pflanzt man da fremde Bäume, dann verhungert ein Großteil des Ökosystems. Das wäre, als ob die Menschheit von Getreide komplett auf Wiesenschwingel umsteigen müsste.

Im Südwesten sollen 500 Windräder in den Staatswald gebaut werden. Was halten Sie davon?

Das halte ich für Irrsinn im Quadrat. Man macht im Wald so viel kaputt damit. Windenergie gehört an Autobahnen und in intensive Agrarlandschaft.

Für viele Förster sind Sie ein rotes Tuch – sie sehen sich durch Sie zum Prügelknaben gemacht.

Das sehe ich nicht so; ich bin immer für einen vernünftigen Dialog. Man muss aber sehen, dass die Förster unter enormem finanziellen Druck stehen, die Öffentlichkeit schaut kritisch auf ihre Arbeit, ständig kommen neue Reformen. Ich verstehe den Frust der Kollegen. Da tauge ich vielleicht ein wenig als Blitzableiter.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Interview Julia Klöckner