Experten ziehen Bilanz Fünf Jahre Corona-Impfung: Wie wichtig ist noch der Piks?
Vor fünf Jahren ist die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik gestartet worden: die Impfung gegen das Corona-Virus. Wie Experten diese heute bewerten.
Vor fünf Jahren ist die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik gestartet worden: die Impfung gegen das Corona-Virus. Wie Experten diese heute bewerten.
Der Arm schmerzt, ein leichtes Krankheitsgefühl ist zu spüren – als ob ein grippaler Infekt im Anflug ist. So haben viele Bundesbürger die Corona-Impfung in Erinnerung. Am 27. Dezember 2020 begann laut dem damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die „größte Impfkampagne in der Geschichte Deutschlands“.
Allein an diesem Tag wurden etwa 23 323 Impfdosen in Deutschland verabreicht, streng nach Priorisierung und Terminvergabe. Mitte Januar 2021 waren es schon 15 Millionen, im Sommer dann rund 80 Millionen ausgegebene Impfdosen. Da hatte bereits jeder erwachsene Bundesbürger die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Das Virus verbreitete sich derweil weiter: Anfang 2022 lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei über 1000 Fällen pro 100 000 Personen, so hoch wie nie zuvor. Dennoch wurden die Intensivstationen nicht voller. Die mildere Omikron-Variante und die steigende Immunität der Bevölkerung aufgrund von Impfungen und durchgemachten Infektionen führten zu weniger schweren Verläufen.
Mediziner wie Christoph Stein-Thoeringer von der Uniklinik Tübingen sind der Überzeugung, dass die Einführung der Corona-Impfung vor fünf Jahren ein „Riesenerfolg“ war. Der geschäftsführende Oberarzt und Professor für Klinische Infektiologie und Translationale Mikrobiomforschung war einer der Ärzte, die mit ihren Teams in der Anfangszeit der Pandemie und darüber hinaus um das Leben vieler schwer erkrankter Corona-Patienten gekämpft haben. Die Impfung brachte die Wende: „In kurzer Zeit wurde eine Immunität in der Bevölkerung geschaffen – ähnlich einer Herdenimmunität –, die dazu geführt hat, dass immer weniger Fälle von schwer kranken Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden mussten“, so Stein-Thoeringer. Das Gesundheitssystem wurde deutlich entlastet, die Kapazitäten für andere Schwerkranke erhöht.
Wie viele Menschenleben die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Astrazeneca und Moderna gerettet haben, ist in der Wissenschaft umstritten: Häufig wird auf eine Studie der Stanford University verwiesen, nach der Impfungen gegen SARS-COV-2 bis Oktober 2024 weltweit 2,53 Millionen Todesfälle verhindert und 14,8 Millionen Lebensjahre bewahrt haben, zumeist in der Omikron-Ära. Die Annahme von Impfskeptikern, Covid-19-Impfungen würden die Sterblichkeit anheben, gilt als widerlegt: Datenanalysen haben ergeben, dass das Sterberisiko für Geimpfte deutlich niedriger war als für Ungeimpfte – selbst zur Hochzeit der Pandemie.
Mittlerweile sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 67 Prozent der Menschen vollständig gegen Sars-CoV-2 geimpft. Die meisten haben Covid mindestens einmal durchgemacht. Aber es gibt auch Bevölkerungsgruppen, die nicht von einer Impfung profitieren: „Sie war und ist bis heute zu keinem Zeitpunkt sinnvoll für alle Kinder und Jugendliche“, sagt Markus Knuf, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Worms und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI). Ausnahmen seien chronisch kranke oder anderweitig immungeschwächte Kinder und Jugendliche, für die eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) besteht.
Für an sich gesunde Kinder sei eine Corona-Infektion keine dramatische Erkrankung, betont Knuf. „Das Typische, was wir bis heute in der Klinik sehen, ist, wenn junge Säuglinge an Corona erkranken und sich der Allgemeinzustand verschlechtert – oft führt der dehydrierte Zustand der Babys dazu, dass sie einige Tage stationär versorgt werden.“
Auch für die Annahme, eine Impfung könne Kinder und Jugendliche vor den Folgen einer Corona-Infektion wie Long Covid oder der neuroimmunologischen Erkrankung ME/CFS schützen, gibt es zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse: „Man geht überwiegend davon aus, dass es sich bei ME/CFS um eine individuelle Empfänglichkeit handelt, die zu einer Fehlregulierung des Immunsystems führt“, so Knuf. Mit dem Virus habe die Erkrankung wenig zu tun. „Auch verhindert eine Impfung keine Infektion.“ Sie schütze nur vor schweren Verläufen.
Der Tübinger Infektiologe Stein-Thoeringer behandelt heute noch regelmäßig Patienten, die sich zusätzlich zu einer Corona-Infektion einen Zweitinfekt etwa ihrer Atemwege eingehandelt haben: Solche Superinfektionen kommen immer wieder vor. „Besonders gefährdet sind ältere Menschen, weil diese ein schwächer werdendes Immunsystem haben oder an Herz und Lunge vorerkrankt sind.“
Doch auch in dieser Altersgruppe sinkt die Bereitschaft für den saisonalen Piks: Nach aktuellen Zahlen des Epidemiologischen Bulletins des Robert Koch Instituts ist die Covid-19-Impfquote bei Personen ab 60 Jahren im Vergleich zur Vorsaison um mehr als ein Drittel zurückgegangen – für den Infektiologen Stein-Thoeringer ein trauriger Tiefstand. Es sei essenziell, den Herdenschutz regelmäßig mittels einer Auffrischimpfung aufrecht zu erhalten.
Angst vor einer allzu starken Impfreaktion braucht der Großteil der Bevölkerung nicht zu haben, die Zahl der Nebenwirkungen sei überschaubar. „Zu den häufigsten schwerwiegenden Reaktionen gehört eine vorübergehende Atemnot, die laut Melderegister etwa acht von 100 000 geimpften Menschen betrifft“, sagt Stein-Thoeringer. Auch die Gefahr einer Herzmuskelentzündung nach einer Immunisierung sei gering: „Die meisten jüngeren Menschen, die nach der Impfung gegen Covid-19 an einer Myokarditis erkranken, erholen sich vollständig.“ Herzmuskelentzündungen, die durch das Virus hervorgerufen werden, sind im Vergleich dazu häufiger und verlaufen langwieriger.
Mittlerweile hat die Impfung auch das Interesse anderer Fachbereiche geweckt: Krebsforscher haben entdeckt, dass der Impfstoff bei bestimmten Krebsformen die Wirkung einer Immuntherapie verstärken kann. Dies geht auf die Aktivierung des Immunsystems mittels des mRNA-Impfstoffs zurück.
Stein-Thoeringer glaubt, dass auf Corona-Impfungen so schnell nicht verzichtet werden kann: „Solange Infektionen dazu führen, dass Menschen mit Covid hospitalisiert werden müssen, werden wir die Impfung brauchen.“