Boteca di Vino in Stuttgart schließt wegen Corona Gastronom Sebastian Werning: „Es ist nicht mehr zu ertragen“

Pop-up im Weingut: Sebastian Werning (links) mit seinem Koch Julian Berroth Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nach zwei Jahren im Krisenmodus zieht Sebastian Werning einen Schlussstrich: Am 31. Januar schließt er sein Restaurant Boteca di Vino in Stuttgart-Botnang. Bei ihm kommen gerade alle in der Gastronomie herrschenden Probleme zusammen.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Stuttgart - Nach 16 Jahren ist am 31. Januar der Ofen aus: Sebastian Werning schließt sein Restaurant Boteca di Vino. Er fordert einen Lockdown statt schwammiger Regeln.

 

Herr Werning, warum machen Sie Schluss mit der Boteca di Vino?

Es gibt viele Gründe. Nach zwei Jahren im Krisenmodus ist die Luft raus. Da die Pandemie noch länger dauern wird, ist dieser Zustand nicht mehr zu ertragen. Die Gastronomie ist ein Spielball der Politik. Es ist mittlerweile Normalität, dass man für unsere Branche über einen Lockdown spricht. Seit Mitte November rechnen wir damit. Das entzieht uns vollkommen die Wirtschaftsgrundlage. Die Politik scheut sich, die harten Wahrheiten auszusprechen. Stattdessen werden die Menschen nur vor einem Restaurantbesuch gewarnt und schwammige Corona-Regeln veröffentlich.

Sie hätten gerne einen Lockdown?

Mit allen Mitteln offen zu halten, bringt uns nichts, wenn wir keine Gäste haben. In meinem Restaurant im Künstlerhaus hätten 25 Weihnachtsfeiern stattfinden sollen. Alle wurden abgesagt. Das bedeutet ein Verlust von 100 000 Euro. Diese Einnahmen ersetzt mir keiner. Es gibt aktuell nur eine Fixkostenhilfe. Das ist, wie wenn man einen klinisch toten Menschen an lebenserhaltende Maschinen hängt. Dann lieber einen harten Lockdown.

Sie klingen sehr frustriert.

Wir haben alles gemacht: Luftreiniger eingebaut, Abstandsregeln und Desinfektion umgesetzt, die Luca-App installiert. Es ist nicht fair, dass es nur die Gastronomie betrifft. Wir hängen am seidenen Faden. Wir sind keine finanzkräftige Branche. Wir müssen aber bluten – und das, obwohl wir uns an die Regeln gehalten haben.

Womit haben Sie noch zu kämpfen?

Abgesehen von der Corona-Problematik startet mein Koch Julian Berroth im Norden neu, weil seine Verlobte dort herkommt. Ich habe ein Jahr lang nach einem Nachfolger gesucht. Aber wer will noch in der Gastronomie arbeiten, wenn immer die Schließung droht? So viele sind abgewandert! Bei Daimler wurde dieses Jahr eine Erfolgsprämie von 6000 Euro bezahlt, wir sind froh, wenn wir Weihnachtsgeld bieten können.

Würden Sie gerne bei Daimler arbeiten?

Nein. Ich mag meine Gäste und meine Arbeit. Alle, die jetzt noch in der Gastronomie tätig sind, sind Idealisten. Die machen es nicht wegen des Geldes.

Bleibt die Boteca di Vino für immer zu?

Ich bin ja optimistisch. Und ich kann mich nicht komplett von dem Laden lösen. Es ist eine vorübergehende Schließung mit offenem Ende.

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