Brisante Anfrage Russland-Freunde wollen Vereinslokal in Marbach unterwandern

Offenbar über einen Strohmann sollte die Gaststätte in Marbach für 30 bis 50 Personen gebucht werden. Foto: Werner Kuhnle

Die umstrittene Initiative Druschba-Global kündigt einen Vortrag im Turnerheim in Marbach (Kreis Ludwigsburg) an. Der Turnverein wird davon überrumpelt – und zieht Konsequenzen.

Wenn man sich durch die Homepage von Druschba-Global klickt, wird schnell klar, wes Geistes Kind die Initiative ist. Ein federführendes Mitglied der Bewegung nennt in einem Interview den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in strammster Putin-Diktion eine „Spezialoperation“. Die regelmäßigen Trips nach Russland werden als „Friedensfahrten“ bezeichnet. Angeschoben wurde das Druschba-Projekt zudem einst von dem AfD-Bundestagsabgeordneten Rainer Rothfuß, dem eine besondere Kreml-Nähe nachgesagt wird. Hohe Wellen schlägt nun, dass ausgerechnet diese umstrittene Initiative in Marbach einen Vortragsnachmittag abhalten will.

 

Das Ganze soll am 18. Januar in der Gaststätte „Auszeit“ über die Bühne gehen. So wird es jedenfalls auf der Internetseite von Druschba-Global angekündigt. Der Haken ist nur: Die Pächter des in der Bevölkerung auch als Turnerheim bekannten Lokals und der örtliche Turnverein (TVM) als Eigentümer haben von all dem nur über Umwege erfahren – und sind nun damit beschäftigt, die Scherben zusammenzukehren.

Es ist eine verworrene Geschichte, bei der Strohmänner und offenbar ein Akteur aus der lokalen Querdenker-Szene eine Rolle spielen, der Staatsschutz mit im Boot ist, zunächst das Gerücht einer Reichsbürgerversammlung die Runde machte und aus Sicht des TVM-Vorstands auch der Marbacher Bürgermeister Jan Trost eine unglückliche Figur abgab.

Im Rathaus geht ein Hinweis ein

Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost spielt aus Sicht des TV Marbach in der Geschichte eine unglückliche Rolle. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Die Lawine kam Mitte November ins Rollen. Der Rathauschef berichtet, dass ihm am 13. dieses Monats von einem Bürger der Hinweis auf die Buchung im Turnerheim zugespielt worden sei, versehen mit einem Link auf die Homepage von Druschba-Global. Er habe am Morgen des 18. November die Vorstände des TV Marbach schriftlich davon in Kenntnis gesetzt.

Schneller waren jedoch die Buschtrommeln. Bereits am Montag, 17. November, waren erste Gerüchte zu Volker Tränkle durchgesickert. „Ein Vereinsmitglied hat mich gefragt, ob ich etwas über eine Reichsbürgerveranstaltung im Turnerheim wisse“, sagt der 63-Jährige aus dem Bau- und Wirtschaftsausschuss des Vereins. Tränkle war völlig perplex, hörte zum ersten Mal davon und gab dem Vorstand Thomas Effenberger Bescheid. „Ich habe mir noch am selben Abend das Buch mit den Reservierungen angeschaut. Dort waren drei Vermerke, aber nichts Verdächtiges“, sagt Effenberger.

Die Mail des Bürgermeisters goss aber am nächsten Tag neues Öl ins Feuer. „Ende letzter Woche habe ich den Hinweis bekommen, dass am 18.01.2026 in Marbach (Auszeit – Turnerheim) eine Reichsbürgerveranstaltung beworben wird“, schreibt Trost darin an den TV und verweist auf die Homepage von Druschba-Global.

Zwischenzeitlich verbreitete sich in Marbach das Gerücht, im Turnerheim finde ein Reichsbürgertreffen statt. Foto: Archiv (IMAGO/Wolfgang Maria Weber)

Bei Tränkle und Effenberger schrillten sämtliche Alarmglocken. Reichsbürger im Turnerheim? Was war da bloß los? Die beiden begannen, intensiver zu recherchieren. Letztlich habe sich herausgestellt, dass ein Mitarbeiter des Restaurants tatsächlich eine Buchungsanfrage für den 18. Januar entgegengenommen habe, sagt Thomas Effenberger. Der Mann habe ein Post-it ins Reservierungsbuch geklebt mit dem Vermerk, dass es sich um einen Termin für 30 bis 50 Personen handele. Darunter habe er seinen Namen geschrieben, sonst nichts.

„Der Mitarbeiter hat die Buchung im Auftrag eines mutmaßlichen Querdenkers aus Marbach aufgenommen, der wohl als Strohmann für Druschba-Global fungiert hat. Welche Verbindungen der Mittelsmann zu Druschba-Global pflegt und wie man aufs Turnerheim gekommen ist, ist mir völlig suspekt“, erklärt Tränkle. Nebulös bleibt auch, warum die Organisation den Pächtern keinen reinen Wein eingeschenkt, sondern offenbar Handlanger vorgeschickt hat. Eine E-Mail-Anfrage blieb unbeantwortet.

Dafür reagierte der Vorstand des TV Marbach unverzüglich. Effenberger und Tränkle schalteten die Polizei ein. Zudem klinkte sich der Staatsschutz ein. „Die haben uns einen Abschlussbericht zukommen lassen, der zeigt, dass Druschba-Global sicher keine Reichsbürger sind. Es gibt eine rechte Nähe, eine Nähe zur AfD, aber nichts Verfassungsfeindliches“, sagt Tränkle. Gleichwohl distanziere man sich entschieden von den Positionen der Russland-Freunde. Politische Veranstaltungen seien im Turnerheim auch grundsätzlich tabu. Offiziell sei die Buchung überdies ohnehin nie bestätigt worden, der eigentliche Veranstalter verschleiert worden.

Dem Marbacher Mittelsmann sei deshalb am 20. November übermittelt worden, dass der Vortrag im Turnerheim nicht stattfinden könne. „Eine Reaktion darauf haben wir bis heute nicht von Druschba-Global bekommen“, sagt Effenberger. Auf der Homepage wird der Vortrag nach wie vor angepriesen.

Volker Tränkle ist unterm Strich gottfroh, dass die Sache ans Licht gekommen ist und man so überhaupt intervenieren konnte. „Die Sicherheitsbehörden haben gesagt, wenn die Veranstaltung stattgefunden hätte, wäre mit einer Gegendemonstration zu rechnen und hier die Hölle los gewesen“, sagt Tränkle.

Scharfe Kritik am Bürgermeister

Ein „absolutes No-Go“ bleibt für den TVM-Vorsitzenden Thomas Effenberger, dass der Bürgermeister von einer Reichsbürgerveranstaltung gesprochen habe. „Man kann so etwas doch nicht unreflektiert verbreiten, hätte das erst prüfen müssen. Das könnte für unsere Pächter geschäftsschädigend sein. Uns stößt zudem sauer auf, dass wir erst am 18. November von ihm informiert wurden, obwohl er schon Tage vorher einen Hinweis erhalten hatte“, sagt der TVM-Vorsitzende.

„Ich habe so schnell es mir angesichts der Termindichte möglich war, nach zweieinhalb Arbeitstagen gleich am Dienstmorgen den drei Vorstandsmitgliedern des TV Marbach die Information, die ich bekommen habe, weitergegeben“, hält dem der Rathauschef entgegen. Er habe nur die Informationen weitergereicht, die er erhalten habe. Und die Hinweise seien eindeutig gewesen, „dass Verbindungen von Druschba zur Reichsbürgerszene bestehen könnten“.

Was der Staatsschutz sagt

Keine Straftaten
Der TV Marbach hat in der Sache auch die Polizei eingeschaltet. Die Überprüfung habe aber „keine Hinweise auf Straftaten“ ergeben, teilt das Präsidium in Ludwigsburg mit. Die Aktivitäten von Druschba-Global hätten „bislang keinen strafrechtlich relevanten Bezug. Eine Beobachtung seitens des Staatsschutzes besteht nicht“.

Einflussnahme
Ein Sprecher des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg gibt allerdings zu bedenken, dass Personen oder Gruppierungen mit einer pro-russischen Einstellung grundsätzlich „in den Fokus von Einflussnahmeversuchen fremder Mächte geraten können. Auch Reisen nach Russland bieten russischen Nachrichtendiensten die Möglichkeit zu einer niedrigschwelligen Kontaktaufnahme auf eigenem Staatsgebiet.“ kem

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