In den vergangenen Tagen haben sich Störche im Schlossgarten in Stuttgart blicken lassen – sie bauen wohl ein Nest. Foto: Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart
Am Wochenende konnte man zwischen der S21-Baustelle und dem Schlossgarten-Hotel ein Storchenpaar beobachten, das augenscheinlich ein Nest baut. Gibt es bald Storchenküken in Stuttgart?
Emsig sammeln die Störche mit ihren langen Schnäbeln Zweige ein. Dass sie sich nicht in den ländlichen Weiten Brandenburgs oder im idyllischen Elsass befinden, sondern zwischen Bauzäunen und Autoschlangen an einer der größten Baustellen Deutschlands, scheint sie kein bisschen zu stören.
Am Wochenende konnte man im Oberen Schlossgarten ein Storchenpaar bei den Vorbereitungen zum Nestbau beobachten: Baumaterial sammelten sie im abgezäunten Bereich rund um das im Umbau befindliche Schlossgarten-Hotel, dann flogen sie laut Augenzeugen über die Schillerstraße in Richtung der Stuttgart-21-Baustelle, vermutlich ins sogenannte Juchtenkäfer-Habitat.
Das ist jene Ansammlung von Platanen zwischen der Bahnhofsbaustelle, der Schillerstraße und dem Ferdinand-Leitner-Steg, die von den Rodungen im Schlossgarten ausgenommen wurden, weil die strenggeschützten Käfer in den Baumhöhlen nachgewiesen werden konnten.
Ziehen nun in die Wipfel der Bäume auch noch nicht minder geschützte Störche ein? Sollten im Stuttgarter Schlossgarten wirklich bald Störche ihren Nachwuchs aufziehen, wäre das „eine Sensation“. Das sagt auf Nachfrage auch das Rathaus. „In den letzten 34 Jahren ist der Unteren Naturschutzbehörde keine Brut bekannt“ – lässt man einmal die Wilhelma außer Acht.
Weißstörche sind streng geschützt
Weißstörche sind eine streng geschützte Art. „Sobald der Nestbau startet und die Brut beginnt, steht die Brut- und Fortpflanzungsstätte unter dem besonderen Artenschutz der bestehenden Naturschutzgesetze“, erklärt eine Sprecherin der Stadt. „Das Nest darf nicht beschädigt und die Brut nicht absichtlich geschädigt werden.“
Um die Störche und ihren Nachwuchs zu schützen, würde die Untere Naturschutzbehörde dann auch „Maßnahmen ergreifen und gegebenenfalls Auflagen erteilen“. Bei der Deutschen Bahn äußert man sich nicht zu den potenziellen neuen Baustellen-Nachbarn. Eine Anfrage, ob es womöglich Einschränkungen wegen der nistenden Vögel gibt, ließ die S-21-Projektgesellschaft zunächst unbeantwortet.
Die LBBW Immobilien sieht für das Projekt Schlossgartenquartier keine Auswirkungen. „Nach Rücksprache mit unserem ökologischen Gutachter, der uns in allen Fragen rund um den Naturschutz berät, gehen wir auch nicht davon aus, dass sich der Storch durch die Baustellentätigkeiten am Schlossgartenquartier beeinträchtigt fühlt“, sagt eine Sprecherin.
Vor allem unerfahrene Storchenpaare haben nicht immer Erfolg beim Brüten, sagen Experten. Und ob der geschlüpfte Nachwuchs dann auch groß wird, hängt zum einen vom Nahrungsangebot ab. Zum anderen werden Storchenküken auch immer wieder Nesträubern wie Waschbären zum Verhängnis.
Dieser Storch hat den Schnabel voll. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur Stuttgart
Auch Birger Meierjohann, Wilhelma-Sprecher und Vogelexperte, hat bereits von den Störchen beim Hauptbahnhof gehört. „Auf der Plattform ornitho.de wurden bereits Nistmaterial suchende Weißstörche im Mittleren Schlossgarten gemeldet. Möglicherweise handelt es sich um dieselben Vögel“, sagt er. Tatsächlich gibt es auf der Vogelsichtungs-Plattform einen Eintrag vom Samstag: „Oberer Schlossgarten / Stuttgart: 2 Weißstörche (Ciconia ciconia). Kreisend.“
Zahl der Weißstörche im Land nimmt stetig zu
Nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) wurden 2025 in Baden-Württemberg rund 2600 Storchenpaare gezählt. „Die Zahl der Weißstörche im Land nimmt seit ein paar Jahren stetig zu“, sagt Stefan Kress vom Nabu in Stuttgart. „Wenn jetzt auch im Stuttgarter Innenstadtgebiet Störche brüten würden, wäre das bemerkenswert, aber nicht unbedingt überraschend.“ Auch andere Wildtiere wie Füchse oder Hasen tummeln sich in der City.
In Stuttgarts zoologisch-botanischem Garten habe es auch jahrelang ein bis zwei Brutplätze gegeben, die aber zwischenzeitlich aufgegeben waren, sagt Meierjohann. „Seit 2024 haben wir wieder ein Weißstorchpaar, das auf einer Voliere schräg gegenüber vom Restaurant Amazonica brütet“, erzählt der Wilhelma-Sprecher. In den vergangenen beiden Jahren habe er in der Wilhelma immer wieder beobachtet, dass zusätzlich zu dem wilden Storchenpaar hin und wieder andere Artgenossen vorbeischauten. „Letzte Woche erst beobachtete ich zehn Störche, die über der Wilhelma kreisten.“