Buchtipp: „Heimat“ Wie wird man zur Tradwife? Geschichte einer Radikalisierung
Hannah Lühmann erzählt in ihrem frappierenden Roman „Heimat“ von der großen Versuchung der Regression.
Hannah Lühmann erzählt in ihrem frappierenden Roman „Heimat“ von der großen Versuchung der Regression.
Das Unheimliche ist dem Heimeligen zutiefst verschwistert, es ist die Art des Schreckerregenden, die auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht. So oder so ähnlich steht es bei Sigmund Freud, und es beschreibt ziemlich genau die Empfindung, die sich beim Lesen des neuen Romans „Heimat“ von Hannah Lühmann einstellt. Der Entdecker des Unbewussten kannte noch keine Tradwives, auch wenn ihr Rollenverständnis vermutlich dem entsprechen dürfte, was für die Frauen seiner Zeit noch in Geltung stand: Das Primat von Haus und Herd, Kochen, Putzen, Kindererziehung – und dem Ehemann ein Wohlgefallen.
Das darin schon umrissene Unheimlichkeitspotenzial aber wird um ein Vielfaches vermehrt durch das Moment der Wiederkehr: wenn etwas überwunden Geglaubtes plötzlich wieder aufersteht und ein Spuk vergangener Tage vom Bewusstsein Besitz ergreift. Und wie das zugeht, zeigt Hannah Lühmanns Roman.
In seinem Mittelpunkt steht die nicht mehr ganz junge Mutter Jana, zwei Kinder hat sie bereits, das dritte ist auf dem Weg. Wobei der Mittelpunkt eher als Randlage zu verstehen ist: die privilegierte Tristesse einer Neubausiedlung in irgendeinem Speckgürtel. Sterile Spielplätze, unwirtliche Konzepte städtischer Lebendigkeit, Trampoline in den Gärten: „Was vielversprechend geklungen hatte, stellte sich mehr und mehr als ein Albtraum der Spießigkeit und Langeweile heraus.“ Hierher ist Jana vor kurzem mit ihrem Mann Noah gezogen, der in der nahen Stadt an einem Gymnasium unterrichtet. Weg vom Dreck und Lärm zu kommen, war ihr Ziel.
Von dem Beklommenheitsgefühl angesichts ihrer erneuten Schwangerschaft hat sie auch die Kündigung ihrer verantwortungsvollen Stelle in einer Agentur nicht befreit. Die Lebensumstände überfordern sie auf diffuse Weise, eine Form der Entwurzeltheit zieht sich durch alle Bereiche: Arbeit weg, Beziehung in der Krise, Geld knapp, schöner Wohnen teuer. Halt findet sie weder bei ihrer progressiver tickenden Hippie-Mutter noch bei der freundschaftlich verbundenen Ex-Chefin, beide sind von ihrem Rückzug ins Private eher befremdet.
Und dann ist da plötzlich diese charismatische Frau, Karolin, aus dem letzten Haus am Wald, schön, selbstbewusst, belesen, empfänglich für Rilke-Gedichte – und völlig eins mit einem Leben für ihre fünf Kinder. Sie postet Insta-Storys vom Plätzchenbacken, Schneeballschlachten, vom wilden Leben im Schoß einer scheinbar naturgegebenen Ordnung, in der eine Mutter höhere Aufgaben hat, als sich ans Erwerbsleben zu verkaufen. Jana spricht das an. Social Media wird ihr Schlupfloch in vormoderne Alternativen. Paradox genug.
Unterdessen stemmt sich ihr Mann auf zusehends verlorenem Posten gegen den Strom, der die Alternative für Deutschland in Umfragen inzwischen zur unangefochten stärksten Partei gemacht hat. Im Viertel ist sie längst allpräsent. Aber auch wenn er wacker die Stellung zu halten versucht, ist die faktische Aufteilung von Rollen und Pflichten des Paars nicht ganz so egalitär, wie es dem aufgeklärten Selbstverständnis Noahs entspricht.
Immer stärker gerät Jana in den Bann der heimatverbundenen Welt ihrer neuen Freundin, in der es nichts zu geben scheint, was sich nicht durch einen Aufenthalt im Wald oder eine Apfeltarte klären ließe, in der die Natur, die Bibel und ein starker Mann den Ton angeben. Sie findet Anschluss an Karolins Lektürekreis, in dem dann doch kein Rilke gelesen wird, sondern ein Pamphlet gegen Kita-Erziehung: „Sie wollen eine bindungslose Gesellschaft. Wenn niemand mehr Bindung empfindet, kann der Staat alles machen.“
Aber sieht sie nicht die Male am Hals und Körper ihrer Freundin, die Gewaltpotenziale, die in der patriarchalen Idylle schlummern? Jana durchläuft eine Radikalisierung der Mutterschaft. Man hofft auf den Moment, in dem sie merkt, auf was sie sich eingelassen hat. Bis man erschreckt feststellt, dass es dafür schon zu spät ist, dass sie unmerklich längst die Seite gewechselt hat und an Mahnwachen rechter Volksschützer teilnimmt. Im Hintergrund rumoren die Unruhen eines neuen, vorwiegend migrantischen Subproletariats, dessen Dienste man in Anspruch nimmt und im Ganzen doch zum Teufel wünscht.
Aber wer ist hier überhaupt „man“? Die irritierende Qualität dieses Romans liegt darin, dass er keine auktorialen Überzeugungen entwickelt, sondern atmosphärische Bestandsaufnahmen. In Abwandlung der sogenannten Reels, der kleinen Filme, die Einblick in die Kochtöpfe und die spirituellen Wonnen der Tradwife-Szene geben, könnte man von einem „Sozialreelismus“ sprechen. Die Logik des Erzählens gehorcht auf ihre Weise den genau arrangierten Instagram-Arrangements, denen Jana gebannt folgt. Wie mit Geheimtinte geschrieben wird lesbar, was dahinter liegt. Aber auf unheimliche Weise bleiben die Lesarten in der Schwebe. Nicht einmal gänzlich auszuschließen, dass „Heimat“ nicht auf Zustimmung in einem jener Lektürekreise stieße.
Mit einem kleinen Ausfallschritt in die nächste Zukunft bringt Hannah Lühmann zur Anschauung, was sich gerade zusammenbraut. Die Zeichen sind da, es kommt darauf an, sie richtig zu deuten. Wohin das führt? Ende offen.
Hannah Lühmann: Heimat. Hanserblau. 176 Seiten, 22 Euro.
Autorin
Hannah Lühmann, geboren 1987, hat Philosophie in Berlin und Paris studiert. Sie schrieb unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Werk
2018 erschien „Gendern?! Gleichberechtigung in der Sprache – Ein Für und ein Wider“ (gemeinsam mit Anne Wizorek), zwei Jahre später ihr Romandebüt „Auszeit“.