Bundesagentur für Arbeit Jugendarbeitslosigkeit im Land steigt auf Rekordniveau

Da können manche Firmen noch so kreativ um Nachwuchs werben – die Wünsche beider Seiten lassen sich oft nicht vereinbaren. Foto: picture alliance/dpa

Die Bundesagentur für Arbeit schlägt Alarm: Die Zahl der jungen Arbeitslosen bis 25 Jahre erreicht den höchsten Stand seit zehn Jahren.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der deutsche Ausbildungsmarkt „rutscht immer tiefer in die Krise“ – speziell die Industrie spart am Nachwuchs. „Sie unterbietet ihr ohnehin niedriges Ausbildungsniveau erneut und sägt am eigenen Ast“, warnt die IG Metall auf der Grundlage eigener Erhebungen. Wie berechtigt diese Klagen sind, zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg, wo die Sorgen zusehends wachsen.

 

Demnach ist die Jugendarbeitslosigkeit binnen eines Jahres um gut acht Prozent gestiegen und nähert sich der 30 000er Marke: Im Januar hat sie mit 26 455 Jugendlichen unter 25 Jahren den höchsten Stand seit zehn Jahren im Land erreicht – in absoluten Zahlen und bei der Quote. Im Oktober 2025 lag die Jugendarbeitslosigkeit bei den absoluten Werten zwar leicht darüber. Doch sei der Höchstwert für einen Januar ungewöhnlich, weil üblicherweise Jugendliche noch zum Jahreswechsel eine Ausbildung aufnähmen, erläutert die Bundesagentur.

Gemeint ist die Nachvermittlungszeit von Oktober bis Dezember, in der BA auch „fünftes Quartal“ genannt. In dieser Phase wird versucht, unbesetzte Ausbildungsstellen mit unversorgten Bewerbern zusammenzubringen, die dann in dem seit September laufenden Lehrjahr verspätet beginnen können. Zudem melden Firmen noch kurzfristig Plätze.

Nunmehr stellt die Bundesagentur fest, dass die Betriebe als Folge der Wirtschaftskrise insgesamt „deutlich weniger Ausbildungsstellen“ gemeldet haben. Während im Handwerk, bei den Freien Berufen und in der Hauswirtschaft mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden, war vor allem in der Industrie, aber auch im Handel, im öffentlichen Dienst und in der Landwirtschaft ein Rückgang zu verzeichnen. Insgesamt ging die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 2,8 Prozent zurück.

Derweil ist die Zahl der Bewerber deutlich gewachsen: Auf etwa 11 000 Ausbildungsstellen kamen 7000 Jugendliche. Auch in der Nachvermittlungszeit war es noch ein Bewerbermarkt, günstig für den Nachwuchs – die Schere zwischen Angebot und Nachfrage ist aber kleiner geworden. Die Nachvermittlungszeit habe nicht an Bedeutung verloren, sagt ein BA-Sprecher – der Ausgleich auf dem Ausbildungsmarkt sei aber schwieriger geworden. Mehr junge Menschen bleiben unversorgt oder werden arbeitslos.

Stark erhöhtes Risiko, immer wieder arbeitslos zu werden

Martina Musati, Regionalchefin der Bundesagentur, zeigt sich besorgt, dass die Zahl der unversorgten Jugendlichen, aktuell 3084, stark zunimmt. Hinzu kommt, dass sich 45 Prozent schon in den Vorjahren um eine Ausbildung bemüht haben und jetzt erneut leer ausgehen. Aus Arbeitgebersicht liegt das zum Beispiel an mangelhaften Grundkompetenzen der jungen Menschen. Auch passen Schulabschluss und Anforderungsprofil der Ausbildungsstelle oft nicht zusammen.

Für ähnlich alarmierend hält es die Bundesagentur, dass die Arbeitslosenquote von Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung im Südwesten mit 14,7 Prozent auf ein Zehn-Jahres-Hoch gestiegen ist. Dies sei „der höchste jemals gemessene Wert“, weil die Quote erst seit 2015 erhoben werde, so die BA. Gebetsmühlenartig mahnt die Regionalchefin: „Menschen ohne Ausbildung sind mehr als fünf Mal stärker von Arbeitslosigkeit betroffen und haben ein deutlich höheres Risiko, immer wieder arbeitslos zu werden, als ausgebildete Fachkräfte.“

Kaum ein Thema im Landtagswahlkampf

Zwei Drittel der Arbeitslosen unter 25 Jahren im Land (17 547) haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Gründe sind vielfältig: So lockt der Verdienst als Helfer oder in der Zeitarbeit mitunter mehr als die niedrigere Ausbildungsvergütung. Auch erleichtern Jobs ohne Berufsabschluss Menschen mit ausländischem Pass sowie Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt, wenngleich ohne eine Zukunftsperspektive. Ferner gelingt es aus BA-Sicht trotz qualitativ guter Berufsorientierungsangebote an den Schulen nicht gut genug, Schul- und Berufswelt zu verzahnen. Praktika und Berufsorientierung müssen intensiviert werden. Und es fehle ein flächendeckendes Angebot der Berufseinstiegsbegleitung im Land.

Die aktuellen Entwicklungen könnten dem Südwesten noch massiv auf die Füße fallen. Dass darüber im Landtagswahlkampf so wenig gesprochen wird, stößt auf geringes Verständnis. „Trotz der gestiegenen Arbeitslosigkeit wird der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren das größere Problem am Arbeitsmarkt sein“, sagt Musati voraus.

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