CDU-Comeback im Allgäu Wo der grüne Sieg nur ein Betriebsunfall war

Nach fünf Jahren hat Petra Krebs das Direktmandat im Allgäu wieder an Raimund Haser verloren. Sarah Hagmann im äußersten Südwesten konnte ihres jedoch verteidigen. Foto: privat/imago

Nach fünf Jahren färbt sich die Wahlkreiskarte wieder schwarz. Auch im Allgäu ist wieder alles wie früher. Nur ein ländlicher Wahlkreis bleibt den Grünen erhalten.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Was war das bitter vor fünf Jahren für Raimund Haser! Im Wahlkreis Wangen im Allgäu im äußersten Südosten von Baden-Württemberg war der CDU-Mann beim Kampf um das Direktmandat seiner Grünen-Konkurrentin Petra Krebs unterlegen – eigentlich undenkbar in dem tiefschwarzen Landstrich, den viele schon nach Bayern sortieren. „Unsere Briefbögen müssen wir alle einstampfen“, wies Haser damals seine Büroleiterin an. „Raimund Haser, Direktmandat“ stand in den Briefköpfen. Das stimmte nun nicht mehr. Mitglied im Landtag blieb Haser zwar, aber plötzlich war er dort nur noch über die Zweitauszählung vertreten – eine gefühlte Degradierung.

 

Seit Montag dieser Woche ist alles wieder im Lot. Und auch die Briefbögen sind wieder aufgetaucht. Die weitsichtige Büroleiterin hat sie damals doch nicht vernichtet, sondern nur in den tiefsten Tiefen des Wahlkreisbüros eingelagert – für bessere Zeiten. Die sind für die CDU nun zurück. Mit einem Erststimmenanteil von 43,2 Prozent schaffte Haser bei der Landtagswahl am Sonntag ein beeindruckendes Comeback. In Rot an der Rot waren es sogar 50,7 Prozent – ein Ergebnis wie in alten Zeiten.

Hinter Freiburg kommt doch noch was

Ginge es nach den Erststimmen, könnte der CDU-Spitzenmann Manuel Hagel locker ins Staatsministerium einziehen. 470 000 Stimmen beträgt landesweit der Vorsprung vor den Grünen, was viele bei der CDU dazu verleitet, sich als die eigentlichen Sieger der Wahl zu sehen. Richtig ist: Die Wahlkreiskarte, die sich vor fünf Jahren grün gefärbt hatte, ist wieder fast flächendeckend schwarz geworden. Nur noch in den Universitätsstädten konnten grüne Kandidaten gewinnen.

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel (rechts) hat die Wahl knapp gegen den Grünen Cem Özdemir verloren. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Die einzige Ausnahme ist Sarah Hagmann. Vor zwei Jahren ist die mittlerweile 40-Jährige für den Wahlkreis Lörrach in den Landtag nachgerückt. Jetzt konnte sie das Mandat denkbar knapp verteidigen mit 106 Stimmen Vorsprung auf den örtlichen CDU-Bewerber. „Es war mein erklärtes Ziel, das Direktmandat zu halten“, sagt Hagmann. „Ich war sehr viel unterwegs.“

Auch Hagmann stammt aus Ehingen, so wie Hagel. Nach Lörrach verschlug es sie vor zehn Jahren, um an der Uni Basel zu promovieren. „Aus Stuttgarter Perspektive denkt man immer, hinter Freiburg kommt nichts mehr“, sagt sie. Doch die „europäischste“ Stadt der Schweiz, wie es immer heißt, prägt auch das trinationale Umland. Zudem hilft den Grünen die besondere Prägung des südbadischen Raums. Hier entstand die Anti-Atomkraftbewegung. Und hier wurde auch das erfunden, was der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir meint, wenn er davon spricht, Wirtschaft und Klimaschutz verbinden zu wollen. Die Stromrebellen aus Schönau hätten als erste die regenerativen Energien zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell entwickelt, sagt Hagmann.

Petra Krebs trotzt CDU-Dominanz im Allgäu mit 20 Prozent

Das Allgäu ist da ein schwierigeres Pflaster. Als Petra Krebs vor fünf Jahren den Wahlkreis gegen Haser gewann – damals noch mit Einstimmen-Wahlrecht –, habe sie die Hoffnung gehegt, die schwarze Hegemonie durchbrochen zu haben, sagt die gelernte Krankenschwester. Jetzt beträgt der Abstand wieder satte 20 Prozentpunkte – zumindest bei den Erststimmen. Ein Landtagsmandat hat Krebs trotzdem erhalten. Und ihr Stimmenanteil von mehr als 20 Prozent wäre für eine solch ländliche Gegend in jedem anderen Bundesland eine Sensation.

Die strukturellen Defizite gegenüber der CDU hätten sich in den vergangenen fünf Jahren aber nicht in Luft aufgelöst, räumt Krebs ein. 300 Mitglieder habe die Partei mittlerweile im Kreis, doch es gebe immer noch Gemeinden etwa im Illertal, da sei man kaum vertreten. „Wir haben keinen einzigen grünen Bürgermeister, nicht einmal einen grünen Handwerksmeister“, sagt Krebs. Haser blieb der Platzhirsch. Die örtliche Presse habe ihren damaligen Sieg ohnehin nur als „Betriebsunfall“ verbucht. Und wenn beim Feuerwehrjubiläum ein Grußwort zu sprechen gewesen sei, hätten die Verantwortlichen weiterhin zuerst bei Haser angefragt.

Die Bürgermeister blieben Haser treu

Der hatte damals nach dem ersten Schock der Niederlage eine Entscheidung getroffen. „Ich mache weiter wie bisher.“ Nur beim monatlichen Bürgermeister-Frühstück habe er sich zunächst gescheut. „Muss ich das Frau Krebs überlassen oder sie wenigstens hinzubitten?“, habe er sich gefragt. Dann hätten die Bürgermeister aber protestiert. „Nein, das wollen wir genau so beibehalten.“

Nur eines werde er jetzt anders machen, sagt Haser. Wenn er neue Briefbögen brauche, werde er das mit dem Direktmandat nicht mehr draufschreiben lassen. Nicht, dass er sich vor künftigen Wahlniederlagen fürchte. „Aber eigentlich ist das ja überflüssig.“ Erst- oder Zweitmandat – im Landtag sei das am Ende sowieso egal.

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