Herr Schaufler, worin sehen Sie aus der Banken-Perspektive die größte Bedrohung des ungelösten Iran-Konflikts?
Momentan hat keiner einen klaren Überblick, was in der Region schon kaputt gegangen ist an Infrastruktur und wie lange es dauert, bis etwa Gasleitungen und Ölpipelines wieder errichtet sind. Fest steht: Wenn der Krieg und die Schließung der Straße von Hormus nicht rasch enden, werden sich die erheblichen wirtschaftlichen Schäden einstellen, die der Einbruch der Ifo-Geschäftserwartungen im März signalisiert hat.
Rechnen Sie mit stark steigenden Zinsen?
Der Markt ist momentan sehr volatil. Die Inflationsrate vom März entspricht am ehesten dem Szenario der Europäischen Zentralbank, in dem die Inflation im Euroraum im zweiten Quartal nur knapp über die Marke von 3,0 Prozent klettert. Das spricht aktuell gegen mehrfache Zinserhöhungen durch die Zentralbank, wie sie derzeit vom Markt erwartet werden. Wir gehen davon aus, dass die EZB einmal im April die Leitzinsen erhöht oder zumindest einen Zinsschritt im Juni andeutet. Insofern erwartet der Markt, dass wir beim Einlagenzins von den 2,0 in Richtung 2,50 Prozent gehen.
Dennoch werden Kredite dann teurer?
Insbesondere in Deutschland gibt es im Bereich der Baufinanzierung bei längerfristigen Krediten eine fixe Zinsbindung. Die Zinsbelastung wird beim laufenden Kredit nicht höher. Wenn Sie gerade eine Anschlussfinanzierung brauchen, kann das Auswirkungen haben. Da sind die EZB-Zinsen aber nicht der einzige Faktor, hier geht es auch um Eigenkapital und Bonität.
In der Wirtschaft wird seit Längerem über Probleme mit der Kreditversorgung geklagt. Laut einer Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) haben ca. 38 Prozent der kleineren und mittleren Unternehmen von erschwerten Bedingungen berichtet, an Kredite zu kommen. Wie sehr besorgen Sie diese Probleme?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Branchen mit schwierigen Rahmenbedingungen aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre die Automobilbranche oder deren Zulieferindustrie zum Beispiel, hier zahlt sich besonders aus, wenn ein Unternehmen einen langjährigen Bankpartner hat. Wir hatten im vorigen Jahr ein zufriedenstellendes Kreditwachstum und stehen an der Seite unserer Kunden. Wir sind alle weiterhin positiv gestimmt, dass die Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung in Form des Wachstums- und Konjunkturpaketes bald greifen. Dieses setzt an mehreren Punkten an, die für unsere Firmen- und Unternehmerkunden relevant sind. Insbesondere steuerliche Entlastungen, Investitionsanreize sowie Maßnahmen zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren können kurzfristig Liquiditätsspielräume erweitern und mittel- bis langfristig Investitionen erleichtern. Als großer Finanzierungspartner der deutschen Wirtschaft stehen wir weiterhin bereit, Investitionen zu begleiten.
Die Kritik am restriktiven Vorgehen der Bank ist dennoch massiv. Hemmt dieses nicht die Investitionen?
Das sehe ich in der Breite nicht so. Ich kann nur das Bild wiedergeben, das wir haben – und wir sind mit dem Wachstum im vorigen Jahr zufrieden. Unsere Kunden profitieren davon, dass wir sie schon lange kennen und unsere Kreditentscheidung zeitnah treffen. Es gibt sicher immer noch Branchen, die mit Folgen der Covidkrise zu kämpfen haben, sodass das Geschäftsmodell nicht mehr auf das Vor-Covid-Niveau zurückgekommen ist. Es gibt aber auch viele Unternehmen, die gerade wegen Covid heute eine besondere Resilienz aufgebaut haben.
Aber es kommt bei Ihnen schon an, wenn sich Kunden beschweren?
Das kommt auch vereinzelt vor, aber das sind dann Projekte, die wir nicht im gewünschten Umfang begleiten können, aus unterschiedlichen Gründen. Das hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun.
Die Commerzbank steht selbst im Fokus. Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie sicher sind Sie, dass der Übernahmeversuch der Unicredit abgeblockt wird?
Ich bin mit zehn von zehn überzeugt, dass die Commerzbank als eigenständige Bank in Deutschland und Europa sehr erfolgreich agieren kann und nachhaltig Wert für unsere Aktionäre schafft. Aktuell sehen wir keine Ansatzpunkte für eine einvernehmliche wertschaffende Transaktion mit der Unicredit. Schlussendlich entscheiden aber die Aktionäre.
Warum fühlt sich die Commerzbank gerade so stark?
Aufgrund der Entwicklung der letzten Quartale sind wir auf einem sehr guten Weg. Wir haben die Ziele für das vergangene Geschäftsjahr erreicht oder übertroffen und den Ausblick für 2026 angehoben. Und schauen Sie auf den Aktienkurs: Als ich Ende 2021 zur Commerzbank gekommen bin, waren wir einstellig, bei sechs bis sieben Euro. Aktuell liegt der durchschnittliche Zielpreis der Analysten für unsere Aktie bei 38 Euro. Zudem sehen wir zusätzliche Potenziale über unsere ursprünglich für 2028 definierten Strategieziele hinaus.
Die Unicredit lässt sich von der Abwehrhaltung nicht abschütteln. Der ernsthafte Versuch der feindlichen Übernahme ist doch nur eine Frage der Zeit?
Wie gesagt, unsere eigenständige Strategie funktioniert und wird vom Kapitalmarkt honoriert. Vor diesem Hintergrund müssen sich die Investoren – und zwar unsere als auch die der Unicredit – fragen, ob eine Transaktion wirtschaftlich Sinn macht oder nicht. Und genau deswegen ist es auch wichtig, dass wir uns von dieser Situation nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern mit voller Energie für unsere Bank und Kunden da sind.
Der Aktienkurs ist der relevante Faktor?
Unsere Botschaft lautet: Solange wir keinen Mehrwert für die Aktionäre sehen, wäre es gescheiter, sich in den nächsten drei Jahren in einer geopolitisch schwierigen Lage voll auf die Kunden zu konzentrieren: Unternehmensfinanzierung, Baufinanzierung, Ratenkredite, Anlagegeschäft, Altersvorsorgedepot und so weiter zu machen – statt sich jetzt mit einer Integration zu beschäftigen, die für alle Beteiligten erhebliche Risiken birgt und letztlich zu Selbstbeschäftigung führt.
Was vor allem spricht für die Unabhängigkeit der Commerzbank?
Wir sind eine systemrelevante Bank in der größten europäischen Volkswirtschaft. Ich bin der Meinung, dass die deutsche Wirtschaft von einer unabhängigen Commerzbank auf der Kundenseite profitiert. Insbesondere sind wir ein wichtiger und vertrauensvoller Partner des deutschen Mittelstandes - einer der relevantesten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland. Wir sind mit vielen unserer Kunden über Jahrzehnte gewachsen. Das kann man nicht einfach austauschen. Der Fokus auf den Kunden ist entscheidend für ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Und diese Strategie ist am Kapitalmarkt so gut angekommen, dass man dort signifikantes weiteres Kurssteigerungspotenzial für möglich hält.
Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer rät der Bundesregierung, die Übernahme nicht reflexhaft abzulehnen. Es spreche aus Gründen der Finanzstabilität viel dafür, eine grenzüberschreitende Konsolidierung zu prüfen. Was sagen Sie dazu?
Pauschale Aussagen zu paneuropäischen Banken nehmen uns nicht aus der Verantwortung, jede Transaktion auf Sinnhaftigkeit und Wertschaffung für alle Stakeholder zu bewerten. Größe allein ist kein Wert. Skaleneffekte mögen auf der Kostenseite helfen – entscheidend sind aber auch Angebot, Vertrauen und Kundennähe.
Welche Rolle spielt die Haltung der Belegschaft?
Unsere Aufgabe ist, ein Wachstum aus dem Kundengeschäft zustande zu bringen. Das kann ich nur mit motivierten Mitarbeitern. Und der Verlust dieser Mitarbeiter zählt zu den angesprochenen Integrationsrisiken. Dann verlassen vielleicht die besten zehn Prozent der Mitarbeiter die Bank, dann gehen die besten zehn Prozent der Kunden. Es gibt Kunden, die uns ganz klar gesagt haben, dass sie gehen, wenn die Übernahme kommen sollte. Diese Ungewissheit, was passiert, wenn das nicht abgestimmt ist und wenn das gegen den Willen der Mitarbeiter, Betriebsräte, Gremien und so weiter abläuft, halte ich für ganz schwierig. Feindliches Vorgehen passt nicht zur Unternehmenskultur in Deutschland – und erst recht nicht im Banking. Unsere Branche lebt von Vertrauen und Stabilität.
Die Bundesregierung hat sich als Großaktionär bisher sehr ablehnend gezeigt. Nun lassen sich Äußerungen von Kanzler Merz möglicherweise so interpretieren, dass es da einen Meinungswandel gibt?
Meine Wahrnehmung ist, dass die Bundesregierung sich immer wieder und unverändert ganz klar geäußert ist. Sie unterstützt die derzeitige Strategie der Commerzbank, die auf Eigenständigkeit beruht, und hält das feindliche Vorgehen der Unicredit für falsch. Und ich bin davon überzeugt, dass die von uns hervorgehobenen Punkte bezüglich der Eigenständigkeit für den Wirtschaftsstandort Deutschland relevant sind.
Vorstandsmitglied der drittgrößten deutschen Bank
Aufstieg
Thomas Schaufler (55) ist gebürtiger Österreicher. Im Sparkassenbereich des Nachbarlands erfolgte auch sein beruflicher Aufstieg. 2021 wurde er Vorstandsmitglied der Erste Group Bank AG. Im Dezember 2021 wechselte er in den Commerzbank-Vorstand, zuständig für Privat- und Unternehmerkunden.
Bank
Die Commerzbank – mit einer Bilanzsumme von rund 590 Milliarden Euro drittgrößte deutsche Bank – sieht sich führend im Firmenkundengeschäft und für den deutschen Mittelstand. Bundesweit hat sie rund 400 Filialen, Beratungscenter an zwölf Standorten. Zudem ist sie in mehr als 40 Ländern weltweit vertreten. Die Mitarbeiterzahl gibt der Konzern mit rund 40 000 an – im vorigen Jahr waren es 39 867. Der Bund hat seine Beteiligung auf gut zwölf Prozent der Anteile reduziert.