CSD-Schirmherr Alexander Wehrle „Wer sich outen will, sollte wissen: Du bist nicht allein!“

Alexander Wehrle wird als CSD-Schirmherr am 26. Juli nach der Politdemo bei der Kundgebung auf dem Schlossplatz bei der Planie sprechen. Foto: dpa

VfB-Chef Alexander Wehrle spricht als CSD-Schirmherr in Stuttgart über Zirkuszelte, schwule Fußballprofis, Liebe als Haltung – und warum Sichtbarkeit Leben retten kann.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

VfB-Chef Alexander Wehrle hat im vergangenen Sommer seinen langjährigen Partner geheiratet. Als Schirmherr des Christopher Street Days (CSD) 2025 in Stuttgart sorgte er beim CSD-Empfang von OB Frank Nopper mit einer kämpferischen Rede im Rathaus für Standing Ovations und für Gänsehaut-Momente, als er ganz persönliche Dinge ansprach, etwa seinen schwulen Onkel erwähnte, der an Aids erkrankt war.

 

Herr Wehrle, bundesweit gibt’s für den CSD neuerdings heftigen Gegenwind, allein schon wegen des Symbols der Regenbogenflagge. Der Bundeskanzler sprach von Zirkuszelt. Die Bundestagspräsidentin sagt, Deutschland brauche nur eine Fahne, Schwarz-Rot-Gold. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, dass die beiden Flaggen sich sehr gut ergänzen. Wenn man bedenkt, dass der Paragraf 175 StGB, also die Strafbarkeit von Homosexualität, erst 1994 endgültig abgeschafft wurde, dann zeigt es, dass der Regenbogen nicht immer Teil der Flagge Deutschlands war. Und dabei ging es nie darum, dass irgendjemand Sonderrechte beansprucht hat. Es ging und geht schlicht darum, dass alle Menschen in diesem Land sichtbar leben können – mit ihrer Identität, mit ihrer Liebe, ohne Angst vor Ausgrenzung oder Gewalt. Und genau deshalb ist es auch so wichtig immer mitzudenken, wie politische Maßnahmen oder Worte womöglich in der breiten Öffentlichkeit verfangen können.

Angst vor Ausgrenzung kennen Julia Klöckner und Friedrich Merz eher nicht.

Viele Menschen wissen nicht, wie belastend es sein kann, die eigene Identität zu verbergen oder Tag für Tag abzuwägen, ob man öffentlich Händchen halten kann. Erfahrungen, die ich niemandem in der Gesellschaft wünsche. Daher wäre mir wichtig, auch darüber zu sprechen, was Symbole wie die Regenbogenflagge für viele eben auch bedeuten: Schutz, Zugehörigkeit und die klare Botschaft, nicht allein zu sein.

Etliche Rechte wie die Ehe für alle sind in den vergangenen Jahren erkämpft worden, nicht zuletzt durch die Pride-Bewegung. Hat sich die Situation nicht verbessert?

Einiges ist besser geworden. Aber laut Studien sind gerade junge homosexuelle Menschen in Deutschland immer noch besonders stark suizidgefährdet, in ländlichen Gebieten im Vergleich zu heterosexuellen Jugendlichen bis zu achtmal mehr. Nicht, weil sie homosexuell sind. Sondern weil sie in einer Gesellschaft leben, die ihnen oft das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören. Das zeigt, dass wir noch lange nicht am Ziel sind.

Baden-Württemberg folgt dem Beispiel von Berlin nicht. Hier werden am Landtag, am Neuen Schloss, am Rathaus und sogar am Hauptbahnhof Regenbogenflaggen gehisst.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat es treffend formuliert: „Haltung zeigen widerspricht nicht der Neutralität. Haltung zeigen steht für Werte und Menschlichkeit.“ Ich finde: Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit sah der Reichstag in diesem Jahr mit der Regenbogenflagge nicht wie ein Zirkuszelt aus. Er sah vielmehr aus wie das Parlament einer modernen Demokratie, die keine Angst hat, Farbe zu bekennen. Und solche Symbole sind eben nicht überflüssig, wie der Blick nach Ungarn zeigt. Dort werden queere Menschen von der Regierung gezielt an den Rand gedrängt, ihre Sichtbarkeit wird kriminalisiert. Trotzdem sind dort zuletzt bis zu 200.000 Menschen mutig auf die Straße gegangen, um sich ihre Freiheit nicht nehmen zu lassen.

VfB-Chef Alexander Wehrle und sein Ehemann Thomas Kugler haben im vergangenen Sommer auf der Insel Mainau geheiratet. Foto: Ronny Zimmermann

Haben Sie die Sorge, dass das, was in Ungarn passiert, auch in Deutschland passieren kann?

Was in Ungarn – einem EU-Mitgliedsstaat – passiert, ist ein Mahnmal dafür, wie schnell eine Gesellschaft rückwärtsgewandt werden kann, wenn Menschenrechte zur Verhandlungssache erklärt werden. Wir sollten daraus lernen. Denn unsere Freiheit hier ist nicht selbstverständlich.

In Ihrer Rede beim CSD-Empfang im Rathaus haben Sie Thomas Mann erwähnt.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass wir gerade jetzt im Jahr des 150. Geburtstags von Thomas Mann wieder mehr über Persönlichkeiten sprechen, die einen Teil ihres Lebens im Verborgenen leben mussten. Thomas Mann ist ein Weltliterat, dessen Werke bis heute unsterblich sind – aber er musste seine eigene Homosexualität zu Lebzeiten weitgehend verbergen. Wir sind es Menschen wie Thomas Mann schuldig, dass heute niemand mehr gezwungen sein sollte, sich zu verstecken – weder in der Kultur, noch im Sport, noch in der Politik, noch irgendwo sonst.

„Aus eigener Erfahrung kann ich jeden dazu ermutigen, frei zu leben“

Stichwort Sport. Was meinen Sie, wie lange dauert es, bis sich die ersten schwulen Fußballprofis outen? Ermutigen Sie dazu?

Es gab schon erste Outings, auch von aktiven Profis – aber noch nicht im deutschen Profifußball. Der VfB Stuttgart unterstützt selbstverständlich alle, die diesen ganz persönlichen Schritt gehen möchten, unter anderem als Mitglied der „Sports Free“-Initiative, die sich aktiv für Vielfalt im Fußball engagiert. Ich kann mit Blick auf meine eigenen Erfahrungen jeden dazu ermutigen die eigene Identität offen und frei zu leben. Gleichzeitig weiß ich, dass ein Coming-out ein mutiger Schritt ist, der gut überlegt sein will. Wichtig ist mir: Wer diesen Weg geht, sollte wissen, dass er nicht alleine ist.

„Keiner sucht sich aus, mit welcher sexuellen Identität er geboren wurde“

Vor etwa sieben Wochen sind Sie nach dem Pokalsieg mit der Mannschaft im Autokorso durch das jubelnde Stuttgart gefahren. Nach Schätzung haben 50.000 Fans die Straßen gesäumt. Am 26. Juli fahren Sie erneut mit einem VfB-Wagen durch Stuttgart zur CSD-Politdemo. Es werden noch mehr Menschen erwartet. Was bedeutet das für Sie?

Sehr viel. Der 25. Mai mit seiner Vielzahl von unvergesslichen Momenten hat mich sprachlos gemacht, und ich hoffedass ich das auch am 26. Juli wieder sein werde – zumindest bis zu meiner Rede auf der Abschlusskundgebung.

Vor einiger Zeit haben Sie in einem Interview, in dem es auch um Homophobie ging, die Religion angesprochen.

Keiner von uns hat sich ausgesucht, wo oder mit welcher sexuellen Identität er geboren oder sozialisiert wurde. Es ist Bestimmung. Ich habe in dem Interview gesagt, der liebe Gott hat es so gewollt- das hat wahrscheinlich nicht jeder Partei gefallen – es sollte aber verdeutlichen, dass wir alle wahrscheinlich nur ein Leben haben auf diesem Planeten und deshalb sollten wir auch jeden so akzeptieren wie er eben geboren wurde – auf Augenhöhe, mit Toleranz und einfach mit Liebe – denn was gibt es Schöneres im Leben als geliebt zu werden?

Beim Empfang im Rathaus spürten viele Gänsehaut, als Sie in Ihrer Rede ganz persönlich über Ihr Coming out gesprochen haben und sich sehr emotional an Ihre Liebe, an Ihren Mann, gewandt haben. Es gab Standing Ovations. Wie hat Ihr Mann darauf reagiert?

Das war für mich sehr bewegend. Ich wollte mit meinen persönlichen Schilderungen verdeutlichen, dass der öffentliche Umgang mit unserer Hochzeit letztes Jahr vielen verzweifelten homosexuellen Jugendlichen Mut machen sollte.

CSD 2025 in Stuttgart

Die Politdemo startet an diesem Samstag gegen 13.30 Uhr beim Feuersee und zieht über den Rotebühlplatz, am Tagblattturm vorbei, über den Marktplatz bis zur Planie, wo die Abschlusskundgebung gegen 17 Uhr stattfindet, bei der unter anderem Alexander Wehrle spricht. Am Samstag und Sonntag findet die Hocketse auf dem Marktplatz und Schillerplatz statt.

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