Dauerbaustelle Stuttgart Eine Stadt erfindet sich neu: Wird Stuttgart bald wieder schön?

Central One, Mobility Hub und Haus für Film und Medien: In der Stuttgarter Innenstadt wird aktuell viel gebaut. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart ist im Umbruch, die City auch jenseits von S 21 voller Baustellen. Werden aus den Schmuddelecken noch Schmuckstücke? Und warum dauert alles so lange?

Die größte Baustelle der Stadt wird Jahre später fertig – wieder einmal eine Hiobsbotschaft. Stuttgart 21, das der Stadt den Ruf von Deutschlands größter Dauerbaustelle beschert, wird wohl frühestens bis 2030 vollständig in Betrieb gehen. Mag das außerhalb der Landeshauptstadt noch für Verblüffung und Häme sorgen: Viele Bewohner haben sich damit abgefunden – oder schon längst resigniert.

 

Ohnehin ist der neue Bahnhof nur die bekannteste Baustelle der Baustellen-Stadt. Wer von den Gleisen am Hauptbahnhof in die City geht, braucht nicht nur jene umständlichen fünf bis zehn Minuten, die längst zum Spott der sozialen Netzwerke geworden sind. Am Ende des Umwegs, am Übergang zur Königsstraße, wo eigentlich die Stadt beginnen soll, fangen die Baustellen erst an.

Da wäre zunächst die 50 Jahre alte Klett-Passage, die schon längst hätte aufgehübscht werden sollen. Mittlerweile ist sie zu einem wahren Unort geworden. Die Polizei spricht von Menschen, die dort lagern, illegale Geschäfte machen, ihre Notdurft verrichten und Passanten belästigen. Und auch für die Drogenszene sei der Untergrund am Hauptbahnhof noch immer ein Umschlagplatz. Die Stuttgarter Straßenbahnen AG hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um die Passage attraktiver zu machen. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Nicht viel schöner geht es weiter oben zu: Linkerhand erstreckt sich auf der unteren Königstraße die derzeit wohl größte Schmuddelecke der Schwaben-Metropole. Staub und Müll lagern hinter leeren Schaufenstern, die schmalen Durchgänge führen an vergammelten Blumeninseln vorbei oder im Neonlicht gepaart mit Uringeruch von der unteren Königsstraße in den Schlossgarten.

Wird aus Stuttgart ein zweites Detroit?

Es ist eine Ecke, die viele nachts meiden – und die bei Besucherinnen und Besuchern zwangsläufig die Frage aufwirft, ob sie tatsächlich in der Kapitale der Kehrwoche und Ingenieurskunst angekommen sind. Oder schon in jenem Detroit, in das sich Stuttgart, so fürchten es Hardcore-Pessimisten, im Zuge der Wirtschaftskrise zu verwandeln droht.

Doch noch gilt wie bei vielen anderen Baustellen in der City das Versprechen, dass alles einmal schöner wird. Wird es?

So soll das traditionsreiche „Hotel am Schlossgarten“ unter der Marriot-Marke „Autograph Collection“ als Teil des Schlossgartenquartiers glänzen, das die LBBW Immobilien bis 2028 spektakulär errichten lässt. Exquisiter Handel, schicke Restaurants und ein Schrägdach, das sich als grüner Dschungel über der Innenstadt erhebt: So könnte sich die City in einigen Jahren postkartenartig hin zum Schlossplatz und darüber hinaus erstrecken. Doch die Vogelperspektive gleitet derzeit über Kräne, Abrissfassaden und Baustellen, von denen die bekannteste das Ist-Gefühl vieler Bewohner zusammenfasst: das Benko-Loch.

Knapp zwei Jahre herrschte nach der Insolvenz des österreichischen Immobilienmoguls René Benko an der Ecke Schul-/Königstraße Stillstand. Nun hat die Dibag Industriebau AG übernommen, um bis Winter 2027/2028 das Neubau-Projekt fertigzustellen. Unter anderem wird die Buchhandlung Thalia – einst Wittwer – dort einziehen.

Geht es also doch vorwärts in Stuttgart? An dieser Stelle mit Sicherheit, aber an vielen anderen Ecken in der Stadt gewinnt man den Eindruck, dass alles länger dauert, als es müsste. Im Jahr 2022 gingen zum Beispiel im Hirschbuckel-Gebäude an der Königstraße 51 die Lichter aus. Fritty Bar und Club Toy waren betroffen. Das Gebäude aus dem Jahr 1953 musste weichen. Doch bis heute klafft dort eine riesige Baulücke. Warum? Und auch die ehemalige Galeria-Filiale an der Eberhardstraße steht seit Januar 2024 leer. Das Gebäude gehört der Stadt. Für die Nachnutzung gibt es Ideen, Vorschläge und Wünsche, aber immer noch keine konkrete Planung.

Seit Jahren hagelt es Kritik wegen des Kriechgangs der Stadtverwaltung. Aus Sicht von Investoren, Stadträten und Verbänden hakt es vor allem beim Baurechtsamt. Zu lange Wartezeiten und eine zähe bis unzureichende Kommunikation werden bemängelt. Noch im Oktober 2024 brauchte die Behörde im Durchschnitt 91,2 Tage, bis der Antragsteller eine Genehmigung vorliegen hatte. Nach einer umfangreichen Organisationsuntersuchung wurde ein neues Ziel formuliert: 65 Tage soll es maximal dauern, bis der behördliche Stempel auf der Genehmigung steht. Ob das klappt, bleibt abzuwarten, denn weiterhin fehlt im Baurechtsamt Personal.

Damit der Frust bei Immobilienbesitzern und Investoren nicht noch größer wird, wenn es um Bauanträge oder Nutzungsänderungen in Stuttgart geht, haben Oberbürgermeister Frank Nopper und Wirtschaftsförderer Torsten von Appen Hilfe organisiert. Ab sofort gibt es Kümmerer, die Antragsteller und Stadtverwaltung von Beginn des Genehmigungsprozesses bis zum Ende des gesamten Verfahrens und bei der Kommunikation unterstützen, um die Prozesse schneller und transparenter zu machen. „Immer wieder heißt es, dass Investoren sagen, dass sie von der Stadt nichts hören“, sagt von Appen. „Das muss sich ändern.“

Was sagen Einzelhändler zu Stuttgart?

Das sieht auch Thomas Breuninger so. Seit 2001 ist er geschäftsführender Gesellschafter von Tritschler, einem 303 Jahre alten Unternehmen am Marktplatz, das für Kochen, Tischkultur und Lifestyle steht. Breuninger hat in der City schon einiges gesehen und mitgemacht. „Stuttgart ist eine total schöne Stadt“, betont der 55-Jährige. Die Baustellen seien aktuell zwar für den Handel und die Frequenz nicht sonderlich förderlich, „aber sie werden auch irgendwann vorbei sein“.

Dann werde Stuttgart noch attraktiver sein. In der Zwischenzeit sei zu hoffen, dass die Unternehmen die wirtschaftliche Talsohle hinter sich ließen, ohne dabei auf der Strecke zu bleiben. Jede Baustelle bringe Probleme mit sich – wie zum Beispiel in der Esslinger Straße oder Eberhardstraße zu sehen ist, wo die Bautätigkeiten am Breuninger Mobility-Hub, am Haus für Film und Medien (SMIC – Stuttgart Moving Image Center) und am Schwabenzentrum (Central One) für erhebliche Umsatzeinbußen sorgen.

„Es ist wichtig, dass im Rathaus die Probleme des Handels nicht ignoriert werden“, sagt Breuninger. Weniger Bürokratie, schnellere Verfahren, bessere Kommunikation, Sicherheit und Sauberkeit: Das seien wichtige Bausteine für einen funktionierenden Einzelhandel, den es brauche, um eine funktionierende und zukunftsfähige Innenstadt zu haben.

Das Benko-Loch an der Ecke Schul- und Königstraße: Der Neubau soll bis Winter 2027/2028 fertig sein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Was sagen die Studien über den Zustand der Landeshauptstadt? Im Städtevergleich schneide Stuttgart gut ab, heißt es beim Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). Hier lässt man im Zwei-Jahres-Rhythmus Passantinnen und Passanten in den deutschen Innenstädten interviewen. Zuletzt wurden im Herbst 2024 knapp 70.000 City-Besucher in mehr als 100 Städten befragt und die Ergebnisse auch für Stuttgart im Detail aufbereitet – insbesondere die entscheidenden Gründe für den City-Besuch:

Wie attraktiv ist die Innenstadt von Stuttgart?

Zwei Drittel der Befragten kamen zum Einkaufen, die Hälfte wegen des gastronomischen Angebots – beide Werte liegen leicht über dem Schnitt anderer Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Jeweils ein Sechstel der Befragten besuchte wegen des Freizeit- und Kulturangebots beziehungsweise zum „Verweilen“ oder Sightseeing die Innenstadt – in anderen Großstädten war es jeder fünfte beziehungsweise jeder vierte. Zudem spielten beim Innenstadtbesuch die Behörden, Ärzte, die Arbeit vor Ort und Dienstleistungen wie Friseure oder Banken eine Rolle. Nur ein kleiner Bruchteil der Befragten wohnt in der Innenstadt.

Im Schnitt wurde die Attraktivität der City mit der Schulnote 2,4 bewertet. Damit schlug sich Stuttgart minimal besser als vergleichbare Städte ab 500.000 Einwohnern und etwas schlechter als bei der Befragung zwei Jahre zuvor.

Als mögliche Maßnahmen forderten die Besucherinnen und Besucher wie auch in anderen Großstädten vor allem eine Aufwertung von Fußgängerzonen und Plätzen, mehr Grün und ein verbessertes Toilettenangebot. Aber auch für Kinder und Jugendliche sollte es mehr Angebote geben. Dringlicher als anderswo werden in Stuttgart Maßnahmen gegen leer stehende Läden und Brachflächen gefordert. So bleibt laut Studie das größte Defizit, dass weniger Menschen zum Sightseeing oder zum Verweilen die Innenstadt besuchten als in vergleichbaren Großstädten.

Verweilqualität wird das meist genannt. Also das, was eine Stadt lebens- und liebenswert macht. Die Verweilqualität ist das, was auch Stadtplanerin Martina Baum fehlt: „Man kann doch eine Stadt nicht auf den Handel, auf Waren und Güter reduzieren“, sagt die Leiterin des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart. Eine Stadt sei schon immer ein Austausch der Bürgerinnen und Bürger gewesen, von Wissen und Praktiken. Ein Platz gemeinsamer Produktivität und Innovation.

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Aus Baum sprudelt es heraus, wenn es um die verpassten Möglichkeiten in Stuttgart geht. Sie kämpft für das, was die Besucherinnen und Besucher auch in den 1A-Lagen nichts kostet. So wünsche sie sich mehr konsumfreie Räume jenseits der Draußen-Flächen von Eckensee und Schlossgarten. Vielleicht würde sie deshalb am liebsten das Wittwer-Gebäude für alle zur Stadt hin öffnen. Den Bau, der für Generationen zum Treffpunkt wurde, hat die Dinkelacker AG erworben – und will mit der Stadt nach einer neuen Nutzung suchen. Ginge es nach Baum, könnte die Universität das Gebäude übernehmen – „als Schnittstelle zur Stadtgesellschaft“. Mit Teilen der Universität, der VHS. Eine Einladung zu Wissen und Bildung.

„Andere Städte wie Karlsruhe haben es, teils aus der Not heraus, vorgemacht“, betont Baum: Bildungseinrichtungen und Bibliotheken zurück in die City geholt, Teile der Verwaltung. Diesen Mut wünsche sie sich auch aus dem Stuttgarter Rathaus. Nicht nur für den Schlossplatz, sondern für jene Gebäude, die leer stehen. Wo vielfältigere Nutzungen als heute möglich seien. „Die Stadt muss agieren, bevor es zu spät ist“, mahnt Baum. „Shopping kann man auch vom Sofa aus. Wir müssen schauen, wie wir uns als Stadt für die Zukunft aufstellen.“

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