Der Tübinger Osteuropa-Professor Klaus Gestwa Klartext gegen Putin
Raus aus der akademischen Blase: Der Osteuropa-Wissenschaftler Klaus Gestwa setzt sich vehement für die Ukraine ein. Ein Perspektivwechsel mit Folgen.
Raus aus der akademischen Blase: Der Osteuropa-Wissenschaftler Klaus Gestwa setzt sich vehement für die Ukraine ein. Ein Perspektivwechsel mit Folgen.
Es ist auch eine Zeitenwende für Klaus Gestwa. Und die Erste, die das erfasste, war seine Frau Lika. Das Tübinger Ehepaar saß fassungslos vor dem Fernseher am Abend des russischen Einmarschs in die Ukraine. Lika Gestwa ist in Moskau aufgewachsen, sie hat dort studiert in den Perestroika-Jahren, war Teil der Szene, der die Gorbatschow-Ära eine völlig neue Freiheit des Denkens und Fragens brachte. Und sie lernte damals auch einen jungen Studenten kennen, dem sie schließlich nach Deutschland folgte: Klaus Gestwa.
Die Szenen aus dem attackierten Kiew wühlten Lika Gestwa komplett auf. Dann aber bündelte sie ihre Verzweiflung in Entschlossenheit. „Du musst etwas tun“, sagte sie zu ihrem Mann. „Du hast die Expertise. Geh jetzt in die Öffentlichkeit. Aber hau rein!“
Wahrscheinlich war da beiden noch gar nicht klar gewesen, was das alles bedeuten sollte. Denn der Typ zum Reinhauen ist Klaus Gestwa nur bedingt. Der 59-jährige gebürtige Gelsenkirchener hat zwar die direkte Ruhrpott-Art und ist als Schalke-04-Anhänger mit allen Emotionen des Fever-Pitch gewaschen – aber eben auch ein gestandener Wissenschaftler.
Seit dem Jahr 2009 ist er Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Tübinger Universität und der einzige Professor dieses Institutes. Er hat über den Kosmonauten Juri Gagarin ebenso geschrieben wie über Stalins Wasserkraftwerke, über politische Morde wie über Tschernobyl.
Diese Literaturliste sollte noch einige Erweiterungen bekommen. Klaus Gestwa hatte vor einem Jahr gerade ein Freisemester vor sich. Ein Buch über den Zerfall der Sowjetunion war sein Vorhaben und noch eines über die sowjetische Umweltpolitik. „Aus dem Freisemester ist ein Kriegssemester geworden“, sagt er heute. Wie auch immer der Inhalt seiner Publikationen gewesen wäre: Die Reaktionen oder Rezensionen hätten sich sicher nicht so gelesen wie diese: „Rot-grün versiffter Systemprofessor“ oder „Akademische Nato-Hure“.
Das ist nicht der übliche akademische Diskurs, sondern die Reaktion auf Klaus Gestwas neue Rolle: Er hat seine Tätigkeit fast komplett auf die politische Gegenwart gelegt. Er ist in diesem Jahr einer der profiliertesten und konsequentesten Unterstützer der Ukraine geworden. Was sein Leben durchaus umkrempelte: „Wir hatten es uns ja bequem eingerichtet in unserer akademischen Blase“, sagt er. „Wir sind nie in politische Kontroversen geschleudert worden, so wie es jetzt der Fall ist. Wir Historiker werden jetzt in die Gegenwart hineingeworfen.“
Was das bedeutet, hat einmal Franziska Davies, eine Nachwuchswissenschaftlerin in der Osteuropa-Forschung, bei einem gemeinsamen Auftritt mit Klaus Gestwa berichtet: „Jetzt kann ich nicht mehr an meiner Habilitation schreiben. Man ist aktivistisch geworden, in eine viel politischere Rolle gekommen.“ Mit Konsequenzen, die sie nie geahnt hatte: „Wir wollten das nie – hier sitzen und sagen: Panzer gegen Russland bitte.“
Eigentlich war Klaus Gestwa eher zu Russland hin orientiert, schon allein durch seine angeheiratete russische Großfamilie. Zur Verwandtschaft seiner Frau gehört auch ein demnächst 90-jähriger, jetzt in Stuttgart lebender Geophysiker, der damals an den havarierten Tschernobyl-Reaktor abkommandiert worden war, nach vier Wochen komplett verstrahlt abgezogen wurde und bis heute einige Krebserkrankungen überstand.
Und natürlich hat Klaus Gestwa viele Kontakte zu russischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Man verstand sich auch privat, feierte einige Feste. Russische Lebensfreude und Klaus Gestwas geselliges Naturell passten gut zusammen.
20, 30 Jahre ging das gut. Und dann kam die Annexion der Krim. „Mit manchen ist das dann schwierig geworden, weil eine dezidiert antiukrainische Art an den Tag gelegt wurde. Da sind schon einige Bekanntschaften abgebrochen“, sagt Gestwa. Ihm fiel auf: „Man lebt halt schon auf unterschiedlichen Planeten.“ Selbst in der Familie spiegelt sich die Spaltung wider. Manche, die in Russland leben, sprechen nach, was das russische Fernsehen ihnen vorsagt.
Momentan kann sich Gestwa eine Reise nach Russland nicht vorstellen. Umso mehr richtet er sich jetzt auf die Ukraine aus: „Ich muss mich ja quasi neu erfinden.“ Man sieht es schon beim Betreten seines Institutes im Tübinger Hegelbau. Dort hängt die blau-gelbe Fahne der Ukraine, im Gang reiht sich eine ganze Galerie mit Fotos aus der Ukraine.
Vor allem aber ist er in den vergangenen Monaten zur Tat geschritten. Die Gestwas haben zu Hause Flüchtlinge aufgenommen, im Institut holte er zusammen mit den Universitätsslawisten Forscher aus der Ukraine in die Teams. Und er wandte sich an ein Publikum außerhalb der Hörsäle. In den Medien, auf Podien und in Vorträgen ist er sehr präsent.
Dass er so rege angefragt wird, hat wohl auch mit einer Eigenschaft zu tun, die man Wissenschaftlern nicht unbedingt immer zuschreibt: Er redet Klartext. Für ihn ist Wladimir Putin eine Reinkarnation des Kalten Kriegers. Putins Welt muss in Einflussgebiete geteilt werden, die Völker darin haben sich zu fügen – gerade eine Ukraine, deren Maidan-Revolution ja die größte demokratische Massenbewegung in Europa seit 1988 gewesen sei. So sieht es Gestwa. Nur mit Gewalt könne Putin sein Kremlsyndikat sichern. „Krieg ist für ihn die politische Möglichkeit, seine Macht zu festigen. Und er braucht den Krieg, weil er als Modernisierer gescheitert ist.“
Sich dagegen zu wehren sei vom Völkerrecht legitimiert. Und: „Es ist nicht die Waffenhilfe, die den Krieg verlängert. Die Verantwortung liegt allein beim Kriegswahn des Kremls.“ Sollte man Frieden gegen Territorien einhandeln? „Dann müsste die Ukraine Millionen ihrer Bürger ein Besatzungsregime zumuten, darauf wird sie sich nach Butscha nicht einlassen“, sagt Gestwa. Ein Verzichtfrieden sei das total falsche Signal: „Putins Machthunger wächst beim Annektieren.“
Das sehen manche anders. Und auch sie geht Klaus Gestwa frontal an. Ob jetzt Alice Schwarzer, Sahra Wagenknecht, David Precht, Gabriele Krone-Schmalz oder Professoren-Kollegen wie Johannes Varwick. Gestwa urteilt drastisch: „Meinungsstark, aber vielfach ahnungslos“ – „Phrasen-Bingo“ – „Putin-Syndikat“ – „Diva der Desinformation“ – „Kremlapologie“ – „hochpolitisierter Esoterik-Hokuspokus“ – „Empathielosigkeit für die Ukraine“. Klaus Gestwa haut rein.
Der Westen habe versagt, sagt er. „Es ist beschämend für uns, dass Putin die Ukraine zum Schlachtfeld machen konnte. Denn unsere Politik hat ihn glauben lassen: Deutschland wird die Ukraine immer auf dem Altar der Wirtschaftsinteressen opfern.“ Was das für die Menschen bedeutet, hört er von seinen ukrainischen Gästen: „Die kennen viele, denen ist der Mann, der Sohn oder der Bruder umgebracht worden.“ Da will er allen entgegentreten, die sich aus seiner Sicht in den Dienst der Kremlpropaganda stellen oder stellen lassen.
Klaus Gestwa findet inzwischen sehr viel Aufmerksamkeit. Kürzlich hat ihn die Tübinger Hochschulkommunikation vor die Kamera gesetzt und seinen Thesencheck „Acht falsche Behauptungen über den Krieg in der Ukraine“ auf Youtube gestellt. Nach zwei Wochen hatte er damit bereits 180 000 Zugriffe. Auch auf Tiktok kursiert das Video.
Mehr als 200 Hassmails gehören ebenfalls zur Bilanz dieses Engagements, ihm werden auch Klagen angedroht. Seiner Kollegin Franziska Davies ist das schon passiert. Auch wenn sie die erste Runde gegen Gabriele Krone-Schmalz juristisch gewonnen hat: Der hohe Streitwert und dementsprechend drohende hohe Kosten sind psychisch belastend.
Das sind Momente, in denen Klaus Gestwa merkt: „Es ist nicht einfach, bei dem Gegenwind, der einem entgegenschlägt, das Gleichgewicht zu halten und Haltung zu bewahren.“ Er denkt an seine noch immer nicht geschriebenen Buchprojekte und fragt sich, warum er sich das alles antut: „Man muss damit umgehen lernen, dass man so aufgewühlt ist.“
Und dann zieht er sich T-Shirts an: Zehn unterschiedliche mit Anti-Putin-Motiven hat er. „Für mich ist das eine Therapie. Und wenn es mir richtig scheiße geht, höre ich das Lied ‚Metro‘.“ Der Friedenspreisträger Serhij Zhadan hat es geschrieben, es handelt von den Schutzsuchenden in den U-Bahn-Stationen von Charkiw: „Möge es still sein, möge die Stadt von einem Flügel geschützt sein.“