Die Rolle von Tiktok AfD-Reklame zwischen Kosmetiktipps

Die AfD profitiert von Tiktok. Foto: dpa/Hannes P Albert

Welchen Einfluss hat politische Propaganda in sozialen Netzwerken auf die Generation der Erstwähler? Der Befund des Soziologen Roland Verwiebe: Die Logik von Tiktok hilft der AfD und benachteiligt Parteien, die auf moderate Information setzen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Bei der Europawahl und den Landtagswahlen im Osten zeichnete sich ein Rechtsruck junger Wähler ab. Ist Tiktok daran schuld?

 

Ich stimme Ihnen zu, dass wir die Wahlen in Thüringen und Sachsen nicht als isolierte Ereignisse betrachten dürfen. Die rechtspopulistischen Voten entsprechen einem längerfristigen Trend, der sich auch in anderen westlichen Ländern abzeichnet: Frankreich, Österreich, Niederlande, USA. Deutschland hing diesem Trend eher hinterher. Da findet eine Normalisierung rechter Politik statt. Viele Wähler wollen das gar nicht so wahrnehmen. Parteien wie die AfD agieren sehr gut aus der Opposition heraus. Die AfD hat sich ein Handwerkszeug angeeignet, mit dem die etablierten Parteien weniger erfolgreich operieren. Tiktok und andere Social-Media-Kanäle werden von rechtspopulistischen Parteien virtuos bespielt.

Warum ist die AfD bei Erstwählern so erfolgreich?

Deren politische Sozialisation unterscheidet sich deutlich von der früherer Generationen. 50 Prozent der jüngeren Wähler holen sich ihre politischen Informationen überwiegend oder ausschließlich von Tiktok. Alle anderen informieren sich aus einem Mix von „Tagesschau“, Zeitungslektüre und anderen Quellen. Sie profitierten von vielen Filtersystemen, die zwischen ihnen und den jeweiligen Urhebern geschaltet sind und bei der Einordnung behilflich waren. Die heutigen Erstwähler nutzen das überwiegend nicht mehr.

Wie profitiert die AfD von Tiktok?

Unsere Befunde sind deutlich: Es zeigt sich, dass die Parteien vor den Landtagswahlen im Osten zwar in etwa gleich viele Videos gepostet haben. Die SPD hatte sogar die meisten solcher Videos produziert. Aber der Algorithmus von Tiktok für diese Generation der Erstwähler spielt die Informationen der Moderaten nur minimal aus. Ganz vorne liegt die AfD und Content, der auf sie bezogen ist. Danach folgt das Bündnis Sahra Wagenknecht. Insofern trägt die Tiktok-Logik mit zum Wahlerfolg der Populisten bei. Der Algorithmus spielt Content, der sich auf Sachthemen bezieht, nicht aus. Er spielt Videos aus, die kurz sind, schnell, emotional, provokativ. Diese Machart beherrscht die AfD perfekt.

Die Tiktok-Masche begünstigt also die AfD?

Da steckt jahrelange harte Arbeit dahinter. Der Aufstieg der AfD ist ohne das Entstehen einer neuen, alternativen Öffentlichkeit nicht vorstellbar. Die haben sich eine eigene Medienrealität geschaffen. Vorgemacht hat das die FPÖ in Österreich. Die AfD hat das Drehbuch der FPÖ kopiert. Die Machart ihrer Tiktok-Kommunikation ist auch nur ein Aspekt. Ein weiterer Punkt ist, dass sie auf einen Pool von sehr reichweitenstarken Personen zurückgreifen kann, die ihre Botschaften vervielfältigen. Die Multiplikatoren der AfD haben teilweise eine größere Reichweite als offizielle Repräsentanten der Partei. Sie sind extrem relevant. Über solche Influencer verfügen andere Parteien nicht – Influencerinnen, die etwa zwischen ihre Schminkwerbung ein paar AfD-Botschaften packen. Dazu kommt aber auch, dass die Spitzenkandidaten der AfD selbst aktiv sind auf Tiktok, andere Parteien machen das viel weniger. Diese Partei hat genau verstanden, wie das funktioniert und wie man erfolgreich ein großes Publikum bespielt. Wer allerdings nur auf Tiktok schaut, versteht nicht, warum die Partei so massiv gewählt wird. Da geht es schon auch um den schlechten Zustand, in dem unser Land ist, und darum, dass viele kein Vertrauen mehr in die Demokratie haben.

Begreifen junge Leute, wie sie mittels Tiktok manipuliert werden?

Ich frage meine Studenten seit fünf Jahren: Welche Inhalte hat das Schulfach „Digitale Kompetenz“ und wann wird es gelehrt? Die Antwort lautet stets: auf dem Pausenhof.

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