Dieter Reicherter in Kernen Ex-Richter und S21-Gegner ist überzeugt: „Das Projekt scheitert an sich selbst“

Der ehemalige Richter und Stuttgart-21-Gegner Dieter Reicherter hat eine klare Meinung zu dem Großprojekt – und er lässt kein gutes Haar an diesem. Foto: Eva Herschmann

Dieter Reicherter, der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, spricht in der Glockenkelter in Kernen-Stetten über „Bahn-Chaos – Chaos-Bahn“. Er findet deutliche Worte.

Eberhard Kögel vom Verein K21 Kernen hat allen Befürwortern von Stuttgart 21 eine Wette angeboten. Er wettet, dass Stuttgart 21 nicht rechtzeitig fertig wird, an die 15 Milliarden Euro kosten und schlussendlich nicht funktionieren werde. Als Einsatz bietet Kögel sein Eigenheim. „Bis jetzt wettet keiner dagegen.“ Eine Wette hat Dieter Reicherter, der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, nicht laufen. Bei seinem jüngsten Vortrag „Bahn-Chaos – Chaos-Bahn“ in der gut gefüllten Glockenkelter in Kernen-Stetten (Rems-Murr-Kreis) hat der pensionierte Richter am Landgericht Stuttgart aber erklärt, er glaube nicht, dass er zu seinen Zeiten auf dieser Erde einen funktionierenden Tiefbahnhof erleben werde. „Und ich habe vor 100 Jahre alt zu werden.“

 

Der Widerstand lässt nicht locker. Am Montag, 30. März, steigt die 800. Montagsdemo auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Dass S21 durch die Proteste noch gestoppt werden kann, glaubt Dieter Reicherter nicht, aber auch nicht an seine Vollendung. „Das Projekt wird sich selbst erledigen, weil es an sich selbst scheitert.“ Der Richter a.D. geht davon aus, dass S21 nie in Betrieb gehen wird. „Da werden vielleicht mal ein paar Züge fahren, aber so, wie das Projekt geplant ist, funktioniert es auf keinen Fall.“

„Sankt-Nimmerleins-Tag“: Reicherter kritisiert S21-Verzögerungen

Der Termin für den Vortrag, organisiert von K21 Kernen, dem Bündnis Rems-Murr für Kopfbahnhof Stuttgart, Allmende Stetten und dem Parteifreie Bündnis PFB, stand schon lange fest, und es sollte hauptsächlich um den jüngst genehmigten, umstrittenen Pfaffensteigtunnel gehen. „Dann kamen die S-Bahn-Sperrung zwischen Fellbach und Bad Cannstatt und die Meldungen, dass das Projekt, ich sag mal, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird“, sagte Reicherter. Den „Stoff für drei Vorträge“ packte er in rund eine Stunde – und noch mehr. Denn er war am Nachmittag in einer Sitzung des Stuttgarter Gemeinderatsausschusses zu S21 gewesen, in der es um die Bebauung des Rosensteinquartiers ging. Die Erschließungskosten seien dort mit fünf bis sieben Milliarden Euro veranschlagt worden, so Reicherter. „Bisher hatte die Stadt niedrigere Kosten angegeben.“

Stuttgart 21 – die ewige Baustelle Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Als reger Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs ist Reicherter, der in Althütte wohnt, von den Streckensperrungen bei der S-Bahn betroffen. Ursächlich dafür sind Arbeiten am Digitalen Knoten Stuttgart (DKS), der laut offiziellen Aussagen den Tiefbahnhof leistungsfähiger machen soll. Dabei werde der DKS für die S-Bahn benötigt, da diese sonst nicht mehr sinnvoll und gut betrieben werden könne, so der Sprecher des Aktionsbündnisses. „Das hängt mit der Haltestelle Mittnachtstraße zusammen, die nicht nur baulich schlecht geplant ist. Durch die neue Station braucht die S-Bahn länger, und das soll mit dem Digitalen Knoten ausgeglichen werden.“ Doch auch dessen Vollendung sieht Dieter Reicherter in weiter Ferne.

S21 werde derweil immer teurer, und der Trick sei, nie fertig zu werden. „Es gibt viele Ideen, immer weiter zu bauen“, sagte Reicherter und zählte einige der Zusatzprojekte auf: die Verlängerung der Strohgäubahn, den Tunnel unter Feuerbach und Zuffenhausen oder die T-Spange von Feuerbach nach Bad Cannstatt. „Das sind riesige Kosten, wird nie fertig und für einen Teil der Zusatzprojekte müssen die fertigen Tunnel aufgerissen werden, um die neuen Tunnel anzuschließen.“

Pfaffensteigtunnel: Reicherter sieht Parallelen zur Kriminalität

Im Falle des Pfaffensteigtunnels fühlt sich der Jurist sogar an Fälle organisierter Kriminalität erinnert, mit denen er es insbesondere als Haft- und Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Stuttgart zu tun hatte. Die alte, oberirdische Gäubahn sei im Weg, weil sie über das Gleisvorfeld in den alten Bahnhof einfährt, das freigeräumt werden soll, um das Rosensteinquartier zu bauen. Somit sei die Verlegung ein Teil des Gesamtprojekts S21, was sich auch aus früheren Planfeststellungsbescheiden des Eisenbahn-Bundesamts ergebe.

Folglich sei die Finanzierung des Tunnels, bei „dessen Kosten-Nutzen-Verhältnis haarsträubend manipuliert wurde“, so Reicherter, nicht Aufgabe des Bundes, sondern der Deutschen Bahn. Nun aber sei die neue Gäubahnführung planungsrechtlich und finanzierungstechnisch vom Projekt Stuttgart 21 getrennt worden, und der Bund bezahle die Rechnung. „Für mich stellt sich hier in strafrechtlicher Hinsicht die Frage der Veruntreuung von Haushaltsmitteln des Bundes“, sagte Dieter Reicherter.

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