Doppeletat 2026/27 Warum der Sparhaushalt in Stuttgart Frauen besonders trifft

Wenn weniger Geld in Gehwege gesteckt wird, Mittel für Frauenberatungsstellen und Angebote der VHS gekürzt werden, sind Frauen überproportional betroffen. Foto: IMAGO

Um zu sparen, hat die Stadt Stuttgart überall den Rotstift angesetzt. Wie sind Frauen davon betroffen? Ein Blick auf den Doppelhaushalt 2026/27 durch die Gleichstellungsbrille.

Keine zusätzliche Stelle fürs Frauenhaus, weniger Geld für Angebote, die süchtigen Frauen oder Migrantinnen helfen – an manchen Stellen im kürzlich verabschiedeten Stuttgarter Doppelhaushalt 2026/27 ist offensichtlich, dass davon vor allem Frauen betroffen sind. Aber wie ist das etwa bei der Verkehrsplanung oder wenn die Zuschüsse für die Volkshochschule (VHS) gekürzt werden? Ein Blick durch die Gleichstellungsbrille auf den Haushalt, in dem die Stadt 800 Millionen sparen musste:

 

Verkehr

4,6 Millionen Euro weniger will die Stadt Stuttgart in den kommenden zwei Jahren für Fußverkehr, Hauptfußwegrouten und Radwege ausgeben. Laut einer Studie des baden-württembergischen Verkehrsministeriums von 2025 bewegen sich Frauen im Stadtraum anders als Männer. Häufiger tagsüber zu Fuß oder mit dem Rad, oft Kinder oder ältere Angehörige im Schlepptau, kreuz und quer durch ihre Viertel zwischen Arbeitsplatz, Kitas, Schulen, Supermärkten und Sporthallen, legen sie andere „Wegeketten“ zurück. Sie werden also womöglich schmerzhafter als Männer zu spüren bekommen, wenn das Netz der Fuß- und Radwege weniger gut ausgebaut ist, meint etwa die SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher. Für sie ist das nur ein Beispiel, dass der aktuelle Haushaltsplan die Vision einer gerechten „Stadt für alle“ nicht abbilde. Sie meint damit nicht nur Frauen, sondern auch Jugendliche, Senioren oder Menschen mit weniger Geld.

Orte und Plätze

Geht man also davon aus, dass sich Frauen tagsüber mehr zu Fuß bewegen und dabei Orte zur Rast brauchen, treffe sie auch die Sparrunde bei den sogenannten Superblocks, sagt Scharnbacher. Bei diesen Verkehrsversuchen werden mehrere Häuserblocks zu einer verkehrsberuhigten Zone zusammengefasst, wie zuletzt im Stuttgarter Westen. Für Superblocks stehen zukünftig statt einer Million Euro noch 50.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Auch wenn Plätze vorerst nicht klimafreundlich gestaltet werden, Sitzgelegenheiten unter Bäumen verschoben sind, trifft das Menschen, die oft ohne Auto unterwegs sind.

Freiwillige Leistungen

Um das Sparziel von fast 800 Millionen Euro zu erreichen, knappste die Finanzverwaltung zusammen mit der Haushaltskoalition aus CDU und Grünen an sogenannten freiwilligen Leistungen, also Angeboten, zu denen die Stadt nicht gesetzlich verpflichtet ist, wie Freibäder, Bibliotheken, Spielplätze, Kultureinrichtuntungen. Hier könnten Frauen in manchen Bereichen überproportional betroffen sein, sagt die Linken-Gemeinderätin Johanna Tiarks. Zum einen hat der Gemeinderat in diesem Bereich einen Einstellungsstopp beschlossen. Außerdem wurde etwa der Zuschuss für die VHS – wie für Kultureinrichtungen – gekürzt. 6,9 Prozent weniger kann die VHS ausgeben. Das entspricht laut Aussage einer Sprecherin 571.000 Euro. Dazu hat die Stadt bis zu 50 Prozent ihrer Zuschüsse zu Festivals der VHS gestrichen.

Tatsächlich sind die Teilnehmenden der VHS zu rund 61 Prozent weiblich, so die Sprecherin. Die Kürzungen wirkten sich auf das gesamte Angebot aus, eventuell müssten manche der bislang 5000 Weiterbildungsangebote – von Politik über Kultur, Gesundheit, Sprachen, Deutsch und Integration bis hin zur beruflichen und schulischen Qualifizierung – gestrichen werden. „Durch die Gewichtung der Teilnehmenden könnten jedoch mehr Frauen davon betroffen sein.“

Gleichstellungsprojekte

Es gibt auch gute Nachrichten für Frauen. So sagt Barbara Straub, seit 2022 Beauftragte für Chancengleichheit der Stadt Stuttgart, dass die Kürzungen für ihren unmittelbaren Bereich glimpflich ausgegangen seien. Ihre Abteilung fördert und betreut die Projekte von vier Trägern: dem Frauencafé Sarah, dem Sozialdienst katholischer Frauen. Dazu kommt eine halbe Stelle für Prävention von sexualisierter Gewalt im Fetz, dem Frauenberatungs- und Therapiezentrum, und das Projekt 100% Mensch für interdisziplinäre Aufklärungsarbeit im queeren Bereich. Für diese vier Posten stehen in den Jahren 2026 und 2027 jeweils rund 200.000 Euro zur Verfügung. Durch Umschichtung kann Barbara Straub die Kürzungen bei den von ihr abhängigen Trägern auf 3,5 Prozent abfedern. Zum Vergleich: Im sozialen Bereich müssen die Träger eine pauschale Kürzung von insgesamt 15 Prozent der städtischen Zuschüsse über zwei Jahre hinnehmen.

Budget der Gleichstellungsbeauftragten wurde erhöht

Darüber hinaus verfügt Straub über ein Budget für die Projektarbeit ihres Teams von bisher 38.500 Euro. Im Budgetgespräch wurde es entgegen des Spartrends auf 50.000 Euro erhöht.

Häufig handelt es sich bei der Förderung von Projekten für Frauen um eine Anschubfinanzierung, danach müssen die Angebote anderweitig finanziert werden. Das trifft auch das Empowerment-Projekt für zugewanderte und geflüchtete Frauen der Kontaktstelle Frau und Beruf (BeFF), für das keine Mittel aus der Abteilung Chancengleichheit mehr zur Verfügung stehen. Die geschäftsführende Vorständin Inge Zimmermann, die im Gleichstellungsbeirat der Stadt sitzt, bedauert das sehr.

Seit November 2024 hatte ihr Team mit 1,2 Stellen 106 Frauen (fast alle mit akademischem Abschluss) in mehr als 300 Terminen beraten und teils in ein Arbeitsverhältnis begleitet, viele von ihnen waren Mütter, jede Dritte alleinerziehend. Die Kontaktstelle hat in den nächsten zwei Jahren außerdem 40.000 bis 45.000 Euro weniger im Budget und muss diese einsparen. Gleichzeitig bekam sie die anteilige Finanzierung einer halben Stelle. Die Stelle wird bereits zu 60 Prozent vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg gefördert. BeFF berät Frauen jeden Alters und Hintergrunds in beruflichen Fragen und beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.

Sieht die Vielfalt der Angebote für Frauen in Stuttgart in Gefahr: Inge Zimmermann von der Kontaktstelle Frau und Beruf. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Inge Zimmermann sieht in Zeiten knapper Kassen die „vielfältige Unterstützungslandschaft für Frauen in Stuttgart“ in Gefahr – auch deshalb, weil diese in hohem Maße von zeitlich begrenzten Projektmitteln lebe, die in Sparrunden als erstes wegfielen.

Anlaufstellen für Frauen

Von den 15 Prozent Mittelkürzungen bei den freien sozialen Trägern, sind auch Beratungs- und Hilfsangebote betroffen, so etwa die Suchtberatungsstelle für Frauen Lagaya, oder der Gesundheitsladen, der unter anderem Angebote für Mädchen und Frauen mit Essstörungen und Gewaltprävention macht.

Barabara Straub hätte das Angebot für vulnerable Gruppen wie (hoch)altrige, sehr junge, wohnungslose oder behinderte Frauen gern weiter ausgebaut. Aus dem Stuttgarter Integrations- und Arbeitsmarktprogramm (Sina), das Anschubförderungen von Projekten für Frauen leistet, um in Arbeit zu kommen, stehen ihr noch 140.000 Euro – und damit 65.000 weniger als bislang – zur Verfügung. Ein Teil soll in ein neues Anschubprojekt zusammen mit dem Gesundheits- und Sozialamt fließen und Frauen den Ausstieg aus der Prostitution erleichtern. Zusammen mit dem Sozialdienst katholischer Frauen will sie eine Randzeitbetreuung für Alleinerziehende im Kita-Bereich anbieten und damit ein Bundesprojekt in Stuttgart implantieren.

Kinderbetreuung

Auch die steigenden Gebühren für städtische Kinderbetreuung könnten Folgen für Frauen haben. Wie am 19. Dezember beschlossen, werden die Elterngebühren für Kinder bis drei Jahren bis 2031 auf 355,01 Euro steigen (Ganztagsplatz) – und damit um 100 Euro im Vergleich zu heute. Der analoge Ganztag für über Dreijährige würde 241,92 Euro kosten, gut 50 Euro mehr als derzeit. Dazu kommen höhere Kosten fürs Essen. Die Gebührenbefreiung für Bonuscard-Kinder (samt Essen) soll ebenso wie die Ermäßigung für Familiencard-Kinder erhalten bleiben. Auch die Kosten für die Nachmittagsbetreuung in Schülerhorten steigen.

Keine weiteren Stellen fürs autonome Frauenhaus

„Die Rollen in der Kinderbetreuung sind nach wie vor sehr klassisch verteilt“, weiß Inge Zimmermann aus der Arbeit in der Kontaktstelle Frau und Beruf. Den Großteil der sogenannten Care-Arbeit in den Familien schultern Mütter. Sie würden sich angesichts der hohen Kosten nun vielleicht eher überlegen zuhause zu bleiben, vermuten auch Lucia Schanbacher und Johanna Tiarks.

Sicherheit und Schutz vor Gewalt

Die Forderung des Frauenberatungs- und Therapiezentrums Fetz, dass die Mittel der Gewaltpräventionsstelle aufgestockt werden, konnte die Gleichstellungsbeauftragte Barbara Straub nicht erreichen. Aber die halbe Stelle sei immerhin nicht zur Debatte gestanden oder reduziert worden, so Straub. Ebenfalls nicht durch gingen die von mehreren Fraktionen beantragten 1,3 zusätzlichen Stellen für das autonome Frauenhaus Stuttgart. Gerettet wurde hingegen mit 80.000 Euro jährlich die Wasenboje, ein Rückzugsraum für Mädchen und Frauen, die auf dem Wasen belästigt oder bedroht wurden. Johanna Tiarks nennt außerdem die Respektlotsen, denen die Mittel gekürzt wurden. Sie sind an den Wochenenden in den Stuttgarter Stadtteilen, in den Parks und in Freibädern unterwegs, um mit Jugendlichen ins Gespräch über einen respektvollen Umgang miteinander zu kommen.

Frauen als Arbeitnehmerinnen

Aber nicht nur als Hilfesuchende sind Frauen von den Kürzungen im Sparhaushalt betroffen, sondern auch als Arbeitnehmerinnen. Gerade im kulturellen und sozialen Bereich, in dem nun freie Träger und Einrichtungen mitunter Personal abbauen müssen, arbeiten überproportional viele Frauen. Johanna Tiarks glaubt außerdem, dass die Stuttgart-Zulage, die die Stadt ihren Mitarbeitenden zahlt, für Frauen wichtiger ist als für Männer, weil diese im Durchschnitt auf Posten mit geringeren Gehältern arbeiteten. Die Zulage wurde von 150 auf 70 Euro reduziert. Außerdem wird das Deutschlandticket nur noch zur Hälfte von der Stadt übernommen. Insgesamt sind von den gut 16.500 städtischen Angestellten laut Personalbericht der Stadt 63 Prozent weiblich.

Wohnen

Im Bereich Wohnen fällt Lucia Schanbacher das Türöffnerprojekt der Caritas ein, das nicht mehr gefördert wird. Es hilft Menschen bei der Wohnungssuche, die es schwer haben auf dem Wohnungsmarkt. Davon profitierten generell alle Gruppen, allerdings hätten überproportional viele alleinerziehende Frauen Schwierigkeiten, Wohnraum zu finden. Johanna Tiarks weist auf die Kürzungen im Bereich barrierefreies Wohnen und anderer Angebote für ältere Menschen hin (Seniorenrat, Begegnungsstätten). Da Frauen durchschnittlich älter würden, profitierten sie von solchen Angeboten normalerweise besonders.

Genehmigung

Doppelhaushalt 2026/27
Der Doppelhaushalt muss nun noch vom Regierungspräsidium genehmigt werden. Wann dies der Fall sein wird, ist nicht klar.

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