Drama um Einsparungen Württembergischer Kunstverein Stuttgart vor dem Aus?
Der Streit um den harten Sparkurs der Stadt Stuttgart wird schärfer. Der international renommierte Württembergische Kunstverein Stuttgart sieht sich vor dem Aus. Warum?
Der Streit um den harten Sparkurs der Stadt Stuttgart wird schärfer. Der international renommierte Württembergische Kunstverein Stuttgart sieht sich vor dem Aus. Warum?
In Stuttgarts Kultureinrichtungen geht die Angst um. Die Versuche der Fraktionen von CDU und Grünen im Stuttgarter Gemeinderat, in den aktuellen Verhandlungen um den Doppelhaushalt 2026/2027 die Einschnitte in der Kulturförderung zumindest zu begrenzen, sind durch neue Zahlen pulverisiert. Mehr als nur Alarm schlagen nun Iris Dressler und Hans D. Christ. In einem offenen Brief an den Ausschuss für Kultur und Medien ruft das Leitungsduo des Württembergischen Kunstvereins für die international renommierte Bühne der Gegenwartskunst den Notstand aus.
Für 2026 und 2027 sehen die aktuell gültigen Vorlagen für das Minus bei den Kulturausgaben der Stadt Stuttgart für den Württembergischen Kunstverein Stuttgart jeweils eine Kürzung um sechs Prozent vor. Das hört sich moderat an. Die Wirkung aber ist aus Sicht von Iris Dressler und Hans D. Christ durchschlagend. „Abgesehen davon, dass wir, um weiterhin anspruchsvoll, sozialverträglich und zukunftsfähig arbeiten zu können, eine deutliche Erhöhung der Zuschüsse benötigen“, heißt es in dem Schreiben an den Ausschuss für Kultur und Medien, „würde eine Kürzung um sechs Prozent, das heißt um 38 000 Euro, den WKV – und somit den Kulturhaushalt in Stuttgart – ein Vielfaches kosten: Denn wir müssten allein für 2026 bereits bewilligte Drittmittel in Höhe von 310 000 Euro (inklusiv bereits angefallene Ausgaben) zurückgeben, da uns die dafür verbindlichen Eigenmittel fehlten“.
Und die Kunstvereins-Verantwortlichen haben keineswegs nur ihr Haus im Blick, wenn sie weiter schreiben: „Der durch die Kürzung bedingte Verlust von 310 000 Euro steht in keinem Verhältnis zur Einsparung von 38000 Euro. Rechnet man beide Summen gegeneinander auf, so ergibt die vermeintliche Sparmaßnahme einen Verlust für Stuttgart in Höhe von 272 000 Euro: Das ist mehr als das Siebenfache des ,eingesparten’ Betrags! Das heißt, jeder Euro, den die Stadt 2026 beim WKV vermeintlich einspart, kostet die Stadt sieben Euro. Das kann nicht wirtschaftlich sein!“ Wiederholt hatten insbesondere Vertreterinnen und Vertreter der Freien Tanz- und Theaterszene betont, jeder eingesetzte Förder-Euro mobilisiere drei Euro Drittmittel.
Für den Württembergischen Kunstverein, der im Kunstgebäude Stuttgart am Schlossplatz den Vierecksaal und den Glastrakt bespielt und aktuell eine umfassende Schau zum Werk von Dominique Hurt zeigt, stellen Iris Dressler und Hans D. Christ gar die Existenzfrage. „Der WKV“ heißt es in dem dieser Zeitung vorliegenden Schreiben, „generiert im Schnitt jährlich 300 000 Euro Drittmittel. Der Verlust von 2026 wird also kein Einzelfall bleiben, wenn dem WKV die für Drittmittel zwingend notwendigen Eigenmittel in Zukunft fehlen“. Die Folgen seien aber schon 2026 evident. „Es wird“, schreiben Dressler und Christ, „2026 keine Ausstellungen im WKV geben, da die dafür bereits bewilligten und notwendigen Drittmittel, wie dargelegt, zurückgegeben werden müssen“.
Überziehen Iris Dressler und Hans D. Christ mit ihren Formulierungen? Eher könnte sich – wie bei vielen Kultureinrichtungen in Stuttgart – die Linie rächen, in den vergangenen Jahren die Unterfinanzierung immer wieder durch immer weiter ausgreifendes Engagement einerseits und einen harten internen Sparkurs andererseits abgefedert zu haben. Nun heißt es: „Bei einer Kürzung des städtischen Zuschusses um sechs Prozent beziehungsweise 38000 Euro wächst das seit Jahren bestehende strukturelle Defizit des WKV (Zuschüsse Stadt und Land minus Betriebs- und Personalkosten inklusive Tariferhöhung) allein in 2026 auf 96000 Euro an.“ Und: „Trotz zusätzlicher Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge, Vermietungen etc. in Höhe von mehr als 136 000 Euro blieben dem WKV lediglich 40000 Euro an Eigenmittel für das Programm. Damit wird die vertraglich geforderte Mindestsumme der Eigenmittel (20 Prozent der Gesamtsumme) aller für 2026 bereits bestehenden Förderverträge unterschritten – sodass sie rückgängig gemacht werden müssen.“
Noch mag man sich die eigentliche Konsequenz der Ausführungen von Iris Dressler und Hans D. Christ nicht wirklich vorstellen. Und doch stellt mit dem bewusst weit in die freie Kulturszene vernetzte Württembergischen Kunstverein Stuttgart die erste bedeutende Kultureinrichtung in Stuttgart die Existenzfrage. Einen möglichen Ausweg sehen die WKV-Verantwortlichen in einem Bündel von Strukturfragen. So flössen „große Summen der städtischen Kulturförderung in Form von Mieten direkt an andere städtische Ämter weiter und werden auf diese Weise völlig wirkungslos zwischen verschiedenen Verwaltungstiteln verschoben“. Und nicht zuletzt verweisen Iris Dressler und Hans D. Christ noch einmal auf den Finanzimpuls aus der Kulturförderung: „Die Stuttgarter Kultureinrichtungen“, schreiben sie, „bringen Geld, Umsatz und Arbeitsplätze in die Stadt. Mit einer Investition von weniger als einem Prozent des Gesamthaushaltes machen sie Stuttgart jahrein, jahraus zur ,Kulturhauptstadt Deutschlands’, tragen wesentlich zur Lebensqualität und Attraktivität der Stadt bei. Diese Boni sollten nicht verspielt werden.“