Ehrenamtlich betriebene Lokale Nach der Insolvenz wieder vereint für das Heslacher Ritterstüble

Der neue Vorstand fürs Ritterstüble: David Beck, Harry Zuber und Bernd Kübler (von links nach rechts). Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Nach der Insolvenz geht es im Heslacher Ritterstüble wieder weiter – mit einem neuen Verein als Betreiber der Kneipe. Gastronomie im Ehrenamt verhindert das Lokal-Sterben, zeigen auch andere Beispiele. Das Hobby bedeutet allerdings viel Arbeit.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Ein Dorf ohne Kneipe? Für viele Heslacher wäre dieser Zustand unvorstellbar. Das Ritterstüble im Stuttgarter Süden ist deshalb gerettet, seit Montag, 14. Oktober, läuft der Betrieb wieder. „Für viele in Heslach ist es das zweite Wohnzimmer“, sagt Harry Zuber. Deshalb haben in den vergangenen Wochen lauter Ehrenamtliche „richtig viel geschafft“. Ein bisschen renoviert wurde im Ritterstüble, viel geputzt und ausgemistet. Vor allem kämpften sie um den Erhalt des Lokals.

 

Seit 15 Jahren wird es schon von einem Verein getragen, doch die Tafelrunde des Ritters rutschte in die roten Zahlen. „Die Insolvenz war ein Weckruf“, sagt Harry Zuber. Mit David Beck und Bernd Kübler gründete er den neuen Kulturverein Heslach für den alten Zweck – um die Kneipe für das Dorf zu erhalten. Das Modell ist verbreitet: Auch die Linde in Weil im Schönbuch, der Schwanen in Kaltental, der Ochsen in Echterdingen und das Rössle in Weil der Stadt, wären ohne ehrenamtliches Engagement verloren.

Die Linde in Neuweiler als Bürger-Treff

Der Ortsteil Neuweiler von Weil im Schönbuch ist wirklich ein Dorf mit 1200 Einwohnern. Nach mehr als 30 Jahren hatte dort die Linde im Dezember 2022 geschlossen. Der Hirsch war bereits zu Wohnungen umgebaut worden, die Besenwirtschaft „Zom Äpflbutza“ öffnet jeden Monat nur für fünf Tage. „Es gibt keinen Laden mehr, es gibt gar nichts mehr“, sagt Georg Gloeckner.

Der 68-Jährige ist der Vorsitzende vom Verein Neuweiler mit Herz, der seit Juli 2023 den Linde-Treff organisiert. Dienstags und donnerstags hat das Lokal abends geöffnet. Pommes, Rote Wurst und Schmalzbrot stehen auf der Speisekarte und wenn der Ortsvorsteher kocht, dann auch Gulasch, Krautschupfnudeln oder Kürbissuppe. „Es ist viel Arbeit“, sagt Georg Gloeckner, „aber es lohnt sich.“ Denn in der Linde kämen die Leute zusammen. Ein Witwer zählt zu den Stammgästen, eine Runde mit Kartenspielern, zugezogene Familien mit Kindern, ein Paar mit Hund.

Viel Engagement in Kaltental, um den Schwanen wieder zu beleben: Ein Verein öffnet am 2. November, die jahrelang geschlossenen Gaststätte. /K.TSCHOVIKOV

Ohne die Hilfe der Kommune, die in Neuweiler die Gaststätte gemietet hat, geht es in Kaltental mit dem Schwanen weiter. Nach der Corona-Pandemie öffnete das Lokal nicht mehr, ein Nachfolger fand sich nicht, also ergriffen Jürgen Heimbach und seine Mitstreiter die Initiative: „Der Schwanen verbindet“ heißt der Verein, der die Gaststätte vom 2. November an führt – „damit Kaltental nicht zur Diaspora wird“. Geöffnet ist dienstags bis freitags und sonntags, ein angestellter Koch sorgt für die Verpflegung. Die rund 60 Vereinsmitglieder übernehmen den Service. Im Verein wurde ein Businessplan geschrieben und der Schichtplan organisiert. „Viele haben gesagt, man sollte den Schwanen wieder öffnen“, sagt Jürgen Heimbach, es auch zu tun, sei „eine nennenswerte, spannende Erfahrung“.

In Echterdingen läuft der Ochsen seit 1996 auf Vereinsbasis. Weil der Stadt liefert mit dem Rössle seit 2001 ein Beispiel für eine gemeinnützig organisierte Gaststätte. Als in Echterdingen der Ochsen aus Altersgründen aufgegeben wurde, gründeten der ehemalige Bürgermeister Rainer Häußler, ein Stadtrat und Stammgäste den Förderverein. Das Gasthaus sollte weder von Investoren abgerissen noch eine internationale Ausrichtung bekommen. Ausschließlich freitags ist geöffnet und fast immer ausgebucht. Eine angestellte Köchin bereitet schwäbische Klassiker zu, den Rest erledigen Ehrenamtliche. „Es macht sehr viel Spaß“, sagt die Vereinsvorsitzende Simone Rüping, „man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen.“

In Weil der Stadt hält in erster Linie der Bürgermeister a. D. Hans-Josef Straub das Rössle am Laufen. Es ist eines von fünf Häusern der Stadt, das einen Brand im Dreißigjährigen Krieg überstand. Mit Hilfe einer Stiftung wurde es gekauft, als der letzte Besitzer verstarb. Zu festen Terminen an Fasching oder zum Tag des offenen Denkmals verköstigen der 67-Jährige und seine Helfer die Gäste. An einem Nachmittag treffen sich strickende Damen im Rössle. Für Besuche aus den Partnerstädten und private Feiern wird geöffnet. Die Einnahmen fließen in den Erhalt. „Die Frage ist nur, wer es macht, wenn ich nicht mehr kann“, sagt Hans-Josef Straub.

Mehr Ehrenamt fürs Ritterstüble

Fürs Ritterstüble haben sich die 40 Mitglieder vom Kulturverein in Arbeitsgruppen für den Einkauf, die Küche oder den Service aufgeteilt. Dass vorher zu wenig ehrenamtlich erledigt wurde, hätte das Projekt „in den Ruin getrieben“, sagt Harry Zuber. Am 1. August musste die Kneipe geschlossen werden. Dass es so schnell weitergeht, spricht für den Einsatz der Beteiligten – und die Resonanz aus Heslach.

Bei einer Spendenaktion kamen sogar 30 000 Euro zusammen, die aus rechtlichen Gründen zurücküberwiesen werden mussten. Der Neustart war aber auch nur mit finanzieller Unterstützung für die Pacht, den Strom, die erste Bestellung und das Kleingeld für den Service möglich. Zu essen gibt es künftig weniger, dafür soll das Kulturprogramm ausgebaut werden, sicher mit Soulmusik von Vinylplatten, vielleicht mit einem Karaoke-Abend. „Wir haben Blut geleckt“, sagt der 50-Jährige, „jetzt wollen wir auch, dass es Früchte trägt.“

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