Elektromobilität in Stuttgart Streit um wildes Laden von E-Autos – Bäcker Frank setzt auf Krakenarm

Noch eine Stolperfalle: Jürgen Frank lädt seinen Lieferwagen und muss dafür ein Kabel über den Gehweg legen. Foto: /Kathrin Haasis
Noch eine Stolperfalle: Jürgen Frank lädt seinen Lieferwagen und muss dafür ein Kabel über den Gehweg legen. Foto: /Kathrin Haasis

Der Stuttgarter Bäcker Frank fährt seine Brötchen vorbildlich mit emissionsfreien und leisen Elektroautos aus. Zum Laden der Fahrzeuge hat er ein Kabel über den Gehweg gelegt – seit acht Jahren. Jetzt sucht er vorsichtshalber nach Alternativen.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Stuttgart - Der Bäcker Frank hat seine Kabel vorsichtshalber in einem Schacht versteckt. Die schwarz-gelb gestreiften Schwellen werden auch beim Volksfest verwendet oder bei Baustellen auf der Königstraße. Aber für die Zwecke des Bäckers sind sie vermutlich nicht gedacht: Er lädt seine beiden Elektroautos vor seinem Betrieb an der Stitzenburgstraße, die Kabel muss er von der Garage aus über den Gehweg legen. „Ich sehe schon, dass diese Stolperfalle ein bisschen problematisch ist“, sagt Jürgen Frank. Offiziell von der Stadt genehmigt ist sie nicht, nur geduldet – seit acht Jahren. Aber er sucht nun sicherheitshalber nach einer Alternative: Von seinem Schlosser will er sich einen Krakenarm anfertigen lassen.

Vor acht Jahren schon mit Elektroauto unterwegs

Eigentlich will Frank nur vorbildlich sein. Vor acht Jahren schaffte er sich das erste Elektroauto an, als es fast noch keine auf dem Markt gab. Daimler stellte ihm damals ein Versuchsfahrzeug zur Verfügung. Damit sollte die Lärmbelästigung im Morgengrauen für die Nachbarn reduziert werden, statt Motorengeräusche hören sie nun fast gar nichts. „Das ist sehr gut angekommen“, sagt der Unternehmer. Ein Schritt ergab anschließend den nächsten, mittlerweile produziert die Bäckerei klimaneutral mit Ökostrom und Biogas. „Man versucht, immer besser zu werden“, erklärt Frank. Mit seiner Elektromobilität stößt er allerdings gegen Grenzen.

Im Wohngebiet gibt’s nur eine Ladesäule

Zwei Fahrzeuge hat die Bäckerei Frank mittlerweile am Start, um frühmorgens Brötchen an seine Filiale, Restaurants, Kantinen und Kioske sowie städtische Seniorenheime auszuliefern. In seinem Wohngebiet zwischen der Hohenheimer, Olga- und Etzelstraße gibt es allerdings nur eine Ladesäule und eine – zumindest gefühlt – steigende Zahl an Elektroautos. Eine neue Garage hat Frank schon bauen lassen mitsamt einer Wallbox für den Autostrom. Gleichzeitig passen beide Fahrzeuge aber nicht hinein. Sie nacheinander zu laden, würde bedeuten, dass er in der Nacht seinen Fuhrpark in Bewegung setzen müsste. Das würde nicht nur ihm, sondern auch den Nachbarn nicht gefallen. Deshalb kam er auf den Kabelschacht, den seine Berufsgenossenschaft als Lösung akzeptiert – und den das Ordnungsamt seither duldet. Strafzettel kassierte er nur, wenn beim Be- und Entladen die Fahrzeuge gleichzeitig ans Stromnetz angeschlossen wurden.

Ein Krakenarm soll Stolperfalle beseitigen

Dass ein Elektroautobesitzer im Stuttgarter Westen vor einigen Wochen einen Bußgeldbescheid erhielt, weil er ebenfalls ein Ladekabel über den Gehweg zum Auto gelegt hat, schreckte Frank auf. Er beauftragte sofort seinen Schlosser, sich eine Metallkonstruktion auszudenken, wie das Kabel in zwei Meter Höhe über die Fußgänger hinweg zu seinen Lieferwagen geführt werden könnte. Die Schwenkvorrichtung bezeichnet er als Krakenarm. „Somit ist die Stolperfalle weg“, sagt er, „aber wer weiß, gegen welches Gesetz ich damit verstoße?“ Denn seit acht Jahren versucht der Bäcker Frank, bei der Stadt die zuständige Stelle für das Thema zu finden – und wurde immer wieder abgewiesen. Er nennt den Vorgang „durchhangeln“. Für seine Überlegung, vor der Bäckerei auf eigene Kosten eine Ladesäule aufstellen zu lassen, die dann auch von Kunden genutzt werden könnte, fand er ebenfalls weder Antragsformular noch Ansprechpartner.

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„So ist es immer, wenn etwas Neues entsteht“, findet Frank: „Man investiert und macht es und bekommt einen auf den Deckel.“ Bei einer Austauschrunde im Rathaus zum Thema „Innerstädtischer Lieferverkehr“ mit dem damaligen Oberbürgermeister Fritz Kuhn wurde sein Umstieg auf die Elektromobilität zwar als Erfolgsbericht gelobt. Vorangebracht hat ihn sein Vortrag allerdings nicht. Eine Flotte mit mehreren Elektrofahrzeugen könne sich ein Betrieb in der Stadt nur zulegen, wenn er über privates Gelände für die Ladeinfrastruktur verfügt, lautet seine Erkenntnis. Dafür müsste er seinen Betrieb aus der Innenstadt in einen Randbereich verlagern, was nicht wirklich ein Ziel sein könne, weil dadurch noch mehr Verkehr verursacht würde.

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Im Rathaus ist das Problem mittlerweile erkannt. Der Fall aus dem Stuttgarter Westen hat Michael Münter, den Leiter des Referates Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität, mobilisiert. Das Thema wurde in den Lenkungskreis Nachhaltige Mobilität eingespeist. Es soll ausgelotet werden, wie die Ladehemmung gelöst oder gemildert werden könnte. Für nicht durchdacht hält Frank das Ziel der Bundesregierung, auf Elektromobilität zu setzen. Er fragt sich, ob dafür überhaupt die Stromleitungen in der Stadt ausreichen. „Ich finde Wasserstoff besser“, lautet seine Erkenntnis.




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