Ellwanger Batteriehersteller Stellenabbau, Sparprogramm und neues Geschäft: So soll Varta überleben

Der Batteriehersteller Varta senkt die Kosten. Nötig seien Ersparnisse von „mehr als 25 Millionen Euro“, so Varta-Chef Michael Ostermann. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Varta-Chef Michael Ostermann erläutert vor Journalisten, wie es das Unternehmen „ganz allein geschafft hat, an die Wand zu fahren“ – und wie es nun weitergehen soll.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Die Sanierung von Varta nimmt konkrete Formen an. Mitte März wurde die wertlos gewordene Aktie des Ellwanger Batterieherstellers von der Börse genommen, mit Freistellungen zum Ende des Monats beginnt nun der vor einigen Monaten angekündigte Personalabbau.

 

Wie Varta-Chef Michael Ostermann bei einem Gespräch im Wirtschaftspresseclub Stuttgart am Dienstagabend ausführte, sind für zwei von vier Geschäftsbereichen mittlerweile Sozialpläne ausgehandelt worden. 150 Mitarbeiter aus der Verwaltung müssen gehen, angestrebt wird dadurch eine jährliche Ersparnis von 15 Millionen Euro bei den Personalkosten. Insgesamt beschäftigt Varta derzeit rund 4000 Mitarbeiter. In der Produktion soll keine Stellen wegfallen, im Gegenteil: Hier würden weiter Fachkräfte gesucht.

Varta-Chef Michael Ostermann Foto: Varta

Laut Ostermann sei es aber nötig, auch die Kosten jenseits der Gehälter stark zu senken. Dem Restrukturierungsexperten aus Düsseldorf, Jahrgang 1965, wurde die Führung von Varta im Mai 2024 übertragen. Er spricht von „mehr als 25 Millionen Euro“, die – einschließlich Personalkosten – eingespart werden müssten. Alle Bereiche würden überprüft, so Ostermann. Konkret nannte er mehrere Kostenblöcke, die bereits reduziert wurden oder noch dazu beitragen sollen.

In diesen Bereichen senkt Varta die Kosten

Zinszahlungen: Varta konnte die drohende Insolvenz durch ein Rettungsverfahren nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz (StaRUG) abwenden. Dadurch verloren die Kleinaktionäre ihr eingesetztes Kapital, was von Anlegerverbänden hart kritisiert und juristisch beklagt wurde, jedoch ohne Erfolg. Im Gegenzug verzichteten die wichtigsten Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen, sodass Varta nun nicht mehr mit 485 Millionen Euro Schulden dasteht, sondern mit 285 Millionen, wie Ostermann darlegte. Der Schuldendienst, der zuletzt den gesamten Unternehmensgewinn aufgefressen hatte, wird so trotz gestiegener Zinsen verringert.

Strukturkosten: Varta spart künftig Mietkosten, da der frühere Mehrheitseigentümer, der österreichische Unternehmer Michael Tojner, Produktions- und Verwaltungsgebäude aus seinem Besitz an das Unternehmen übertragen hat. Insgesamt bringt Tojner Immobilien im Wert von 20 Millionen Euro plus zehn Millionen Euro Kapital ein. Als zweiter Hauptinvestor steuert Porsche 30 Millionen Euro bei. Der Stuttgarter Autohersteller sichert damit die Sparte V4Smart ab, bei der Porsche rund 70 Prozent übernommen hat, Varta aber Minderheitseigner bleibt. V4Smart baut im bayerischen Nördlingen Hochleistungsbatterien, mit denen die Leistung der Modelle 911 GTS kurzzeitig nach oben gejagt wird – vergleichbar dem Kers-System in der Formel 1.

Investitionen: Zwar soll Varta in verschiedenen Geschäftsfeldern wachsen, dennoch müssten die Investitionen zurückgefahren werden, so Ostermann. Und auch im Einkauf gelte es, Kosten zu senken.

Varta ist „ganz allein an die Wand gefahren“

Bemerkenswert offen stellte der Varta-Chef die Gründe für den Niedergang des Unternehmens in den vergangenen Jahren dar. Varta sei kein Opfer äußerer Einflüsse gewesen, sondern habe es „ganz allein geschafft, an die Wand zu fahren“, sagte der Manager. Verleitet vom Erfolg der Kleinakkus, die Apple in seinen Airpods verbaut, wurde die Produktionskapazität auf Pump ausgebaut. Insgesamt nahm Varta rund eine halbe Milliarde Euro an Krediten auf, auch für den Aufbau der Serienproduktion für Porsche, während gleichzeitig 200 Millionen Euro als Dividende an die Aktionäre flossen. Als Apple sich teilweise anderen, günstigeren Lieferanten zuwandte und gleichzeitig Probleme bei der Industrialisierung der Autobatterien auftraten, geriet der Kahn unter Wasser. „Der Cashflow hat gerade noch für die Zinszahlungen gereicht“, sagt Ostermann.

Die Wende soll nun – neben dem Sparprogramm – zusätzliches Wachstum bringen. Bei (nicht wiederaufladbaren) Hörgeräte-Batterien ist Varta bereits Weltmarktführer, da sei das Potenzial begrenzt. Das Know-how für Akkus im Miniaturformat, wie sie in Airpods stecken, könne dagegen auch in der Medizintechnik von Nutzen sein. Ostermann erwartet, dass in den kommenden Jahren viele neue tragbare Produkte („Wearables“) mit medizinischen Funktionen auf den Markt kommen werden. Profitieren könne Varta wohl auch vom 100-Milliarden-Investitionspaket, das die potenzielle Koalition im Bund dem Klimaschutz zugedacht hat. Hier sieht Ostermann vor allem Chancen für stationäre Großspeicher, die im Verbund mit Wärmepumpen und Photovoltaik sinnvoll sind.

Außerdem gebe es Potenzial im Rüstungsbereich: Drohnen, Laserfernrohre, Lenksysteme benötigen Batterien beziehungsweise Akkus. Wenig Neues ist dagegen im mit 40 Prozent Umsatzanteil nach wie vor wichtigsten Geschäft von Varta zu erwarten: das Geschäft mit den haushaltsüblichen AA- und AAA-Batterien, die es an der Supermarktkasse zu kaufen gibt. Mit einer hoch automatisierten Fertigung sei Varta damit weiter konkurrenzfähig – trotz Produktion in Deutschland.

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