Elterngruppe in Stuttgart „Wie wird es meinem Sohn gehen, wenn er sich outet?“
Seit 32 Jahren gibt es die Elterngruppe homosexueller Kinder in Stuttgart. Am Samstag laufen sie auch wieder beim CSD mit. Braucht es sie noch – oder jetzt mehr denn je?
Seit 32 Jahren gibt es die Elterngruppe homosexueller Kinder in Stuttgart. Am Samstag laufen sie auch wieder beim CSD mit. Braucht es sie noch – oder jetzt mehr denn je?
Am Bollerwagen wird noch geschraubt. Das übernimmt Loni Boniferts Ehemann Donat, während seine Frau drinnen am Esstisch mit Marianne Müller und Sabine Bühler die Frage unserer Zeitung diskutiert: Braucht es uns noch? Oder braucht es uns jetzt erst recht? Die drei Frauen gehören zur Elterngruppe homosexueller Kinder. Am Samstag werden sie mit ihrem Bollerwagen und vielen bunten Regenbogenschirmen bei der Stuttgarter Christopher Street Day (CSD)-Demo mitlaufen – wie seit vielen Jahren.
„Wir sagen oft, unser Ziel ist es, dass wir die Gruppe auflösen können, weil sie nicht mehr notwendig ist“, sagt Bonifert. Aber so einfach ist es nicht: 2024 stiegen die Übergriffe gegen homosexuelle und andere queere Menschen in Deutschland Beratungsstellen zufolge um mehr als 40 Prozent. Studien zeigen, dass queere Jugendliche deutlich suizidgefährdeter als andere – in ländlichen Gebieten sogar achtmal mehr.
Loni Bonifert, die in Gerlingen lebt, ist 66 Jahre alt, Sabine Bühler ist ein, Marianne Müller drei Jahre jünger. Ihre Söhne sind alle längst erwachsen, es ist Jahre her, dass sie sich geoutet haben. Aber alle drei können sich an die Gespräche erinnern, als seien sie gestern gewesen. „Als unser Sohn gesagt hat: Ich bin schwul – das war eine große Erleichterung für uns“, erzählt Sabine Bühler. Der 18-Jährige hatte mit seiner Homosexualität zunächst zu kämpfen, er zog sich zurück, trank zu viel Alkohol, irgendwann stand auch mal die Polizei vor der Haustür. „Wir wussten nicht, was los ist. Als er sich uns anvertraut hat, haben wir endlich verstanden, was ihn belastet hat.“ Die Einsamkeit vor dem Outing sei für junge queere Menschen oft schwer zu ertragen. „Seine größte Sorge war, wie ich es aufnehme, dass ich von ihm keine Enkelkinder erwarten kann. Das hat mich sehr überrascht“, sagt die 65-Jährige, die in einem kleinen Dorf im Landkreis Heilbronn lebt. „Die Angst konnte ich ihm leicht nehmen.“ Heute ist ihr Sohn 31 – und glücklich verheiratet.
Marianne Müller suchte ein paar Jahre nach dem Outing ihres Sohnes den Kontakt zur Elterngruppe in Stuttgart. Zunächst vertraute er sich nur ihr an, weihte seinen Vater erst später ein. „Wir wohnen auf dem Land“, erzählt die 63-Jährige, die aus dem Enzkreis kommt. „Wir hatten einfach gar keine Berührungspunkte, keine Ansprechpartner. Und deshalb hatte ich auch Ängste um ihn, die sich dann als völlig unbegründet herausstellten.“ Sie ertappte sich dabei, wie ihr klischeehafte Bilder, Stereotype über schwule Männer in den Kopf kamen. „Mein Sohn hat gesagt: Mama, was machst du dir für Gedanken? Ich bin doch immer noch derselbe.“
Die Gruppe wurde vor 32 Jahren gegründet. 60 Menschen stehen auf der Mailingliste, zehn werden am Samstag bei der CSD-Demo mitlaufen, „der harte Kern“, wie die drei Frauen sagen. Die meisten Eltern sind in einem ähnlichen Alter wie sie, aber immer wieder kommen auch jüngere Mütter oder Väter zu den Treffen, deren Kinder sich ganz frisch geoutet haben. „Manche sind nur zwei, drei Mal dabei, um sich auszutauschen. Aber andere bleiben dabei, weil sie sich für das Thema engagieren wollen“, sagt Loni Bonifert, die die Gruppe seit vielen Jahren leitet.
Bonifert erzählt, dass sich inzwischen Menschen aus ganz Deutschland bei ihnen melden. Denn sie sind die letzte Elterngruppe homosexueller Kinder, die es in der Republik gibt – alle anderen „haben sich aufgelöst, weil ihnen der Nachwuchs fehlte“. Aber das Bedürfnis zu sprechen, Sorgen zu teilen ist weiterhin da. Auch Eltern von transsexuellen Kindern finden immer häufiger den Weg zu ihren Gesprächsrunden. „Von diesen Begegnungen haben wir inzwischen auch viel gelernt“, sagt Bühler. Loni Bonifert sagt, dass ein Netzwerk wie ihres Halt und Orientierung gibt, wenn das Gefühl der Verunsicherung groß ist: „Uns kann man alles fragen, wir haben einen geschützten Raum, was besprochen wird, ist vertraulich. Wir wollen einfach Hilfestellung leisten, Erfahrungen weitergeben, Kontakte zu Beratungsangeboten herstellen.“
Die Themen sind nach all den Jahren immer noch die gleichen: Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihre Kinder Ausgrenzung oder Anfeindung ausgesetzt sein könnten. „Das sind Fragen, die ich am Anfang auch hatte: Wie wird es meinem Sohn gehen, wenn er sich outet? Wird er seine Freunde verlieren?“, schildert Loni Bonifert diese Gespräche. „Ich habe mich auch an die Elterngruppe gewandt, weil ich die Furcht hatte, mein Sohn könnte Opfer von homophoben Angriffen werden – und wenn auch nur verbal“, erzählt Bühler. „Man hat um diese Kinder einfach mehr Angst.“
Die Mütter und ihre Söhne, die mittlerweile in Köln leben oder in Berlin, spüren ziemlich genau, dass die Stimmung im Land in jüngster Zeit eine andere geworden ist. Wenn Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) entscheidet, am Christopher Street Day keine Pride-Fahne auf dem Reichstagsgebäude zu hissen oder ihr Parteifreund, Bundeskanzler Friedrich Merz vom „Zirkuszelt“ spricht, „finden wir das sehr verletzend“, sagt Marianne Müller. „Da werden Menschen doch ermutigt, ihre Queer-Feindlichkeit offen zu zeigen“, befürchtet sie. „Aber es bestärkt uns auch, dass es uns immer noch braucht“, fügt Sabine Bühler hinzu. Wenn sie lese, dass die CDU zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht am Stuttgarter Umzug teilnimmt, dann mache sie das „fassungslos“.
„Mein Sohn und sein Mann überlegen sehr bewusst, wo sie ihre Liebe offen zeigen und wo lieber nicht“, sagt die 65-Jährige. „Es gibt wieder mehr verbale Anfeindungen, auch in Städten wie Berlin, etwas das lange Zeit doch eigentlich verschwunden schien.“
Braucht es heute wieder mehr Mut, sicht- und hörbar für die Rechte von homosexuellen Menschen einzustehen? „In Stuttgart wird man getragen, da gibt es so viele Menschen, die winken und applaudieren“, sagt Müller. „Wirklichen Mut braucht man auf den CSD-Demos in kleineren Städten, vor allem, wenn sich auch die Gegner angemeldet haben. Das Schlimmste wäre, wenn man sich davon einschüchtern lassen würde und nicht mehr auf die Straße geht.“ Ihre Söhne, sagen die drei Frauen, seien „total stolz“ auf ihr Engagement. Auch homosexuelle Kinder kommen manchmal in ihre Gruppe: „Entweder weil sie Rat suchen im Umgang mit ihren eigenen Eltern“, erzählt Bonifert. „Oder weil sie uns als ihre Ersatzeltern sehen, wenn die Beziehung zu ihren eigenen Eltern an dem Thema zerbrochen ist.“ Wann immer sie bei der CSD-Demo mitlaufen, kommt es zu berührenden Szenen, sagt die 66-Jährige. „Manche Menschen, auch ältere sind uns besonders dankbar, einige weinen sogar – weil sie daran denken, wie schwer es mit ihren eigenen Eltern war. Und das bewegt uns sehr.“
In Kontakt kommen
Die Elterngruppe homosexueller Kinder trifft sich einmal im Monat KISS Stuttgart in der Tübinger Str. 15. Am Sonntag hat sie auch einen Stand auf der CSD-Hocketse auf dem Markt- und Schillerplatz. Mehr Infos gibt es hier: www.elterngruppe-stuttgart.de