In der Biogasanlage Mühlacker greift alles ineinander - dafür sorgen Nick Burkhardt, Thomas Gutjahr, Roland Jans und Fabian Geltz (v.l.). Rechts sind die Gärreste zu sehen, hinten die Brennstoffzelle, die E-Methan herstellen kann. Foto: Faltin
Mit dem neuen Heizungsgesetz braucht es mehr Biogas. Mühlacker vor den Toren Stuttgarts zeigt, wie das geht und was das grüne Gas sonst noch kann. Das ist ganz schön viel.
Manche kleinere oder größere Sensation findet weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit statt – zu nischig, zu komplex, aber eben oft auch ziemlich folgenreich. In der Biomethananlage in Mühlacker, die zu den größten in ganz Deutschland gehört, steht man kurz davor, einen solchen „Gamechanger“ ins Werk zu setzen. Nicht nur wird dort Strom und Biomethan erzeugt, es wird auch Dünger und Torfersatz produziert; zugleich will man das Trinkwasser schützen und noch eine Lösung finden, um den sommerlichen Überschussstrom aus PV-Anlagen bis zum Winter zu konservieren. Ganz schön viel auf einmal!
Also der Reihe nach. Schon seit 2007 ist die Biomethananlage in Mühlacker in Betrieb. Dort wird das entstehende Biogas in einem aufwendigen Verfahren vom Kohlendioxid befreit; dann kann es als Biomethan ins ganz normale Erdgasnetz eingespeist werden. Die meisten Biogasanlagen – rund 980 von 1000 in Baden-Württemberg – verbrennen das Biogas aber direkt und produzieren so „nur“ Strom, durch den aber immerhin fünf bis sieben Prozent des Bedarfs gedeckt werden. In Mühlacker kann dagegen im Erdgasnetz rund ein Viertel klimaneutrales Biomethan beigemischt werden, was die Versorgung der Mühlacker Haushalte sehr viel umweltfreundlicher macht. Deutschlandweit macht das Biomethan nicht einmal zwei Prozent im Erdgasnetz aus. Zudem ist dieses Gas krisenfest, es muss nicht durch die Straße von Hormus.
Ulrich Geltz hat das Verfahren maßgeblich mitentwickelt, mit dem nun in der Biogasanlage Mühlacker aus den Gärresten Dünger und ein Torfersatz hergestellt werden kann. Foto: Faltin
Mit Biomethan kann man aber nicht immer Geld verdienen, die Stadtwerke wollten deshalb mehr Wertschöpfung. Zusammen mit dem Unternehmen Geltz Umwelt-Technologie, ebenfalls in Mühlacker angesiedelt, forschte man deshalb fünf Jahre lang an einem Verfahren, um auch die Reststoffe aus der Biogasanlage zu verwerten. Bisher werden diese Gärreste meist auf den Äckern ausgebracht und tragen dort wegen ihres hohen Anteils an Phosphor und Stickstoff zu einer möglichen Überdüngung bei.
Das von EU und Land geförderte Projekt steht nun kurz vor dem Durchbruch: Phosphor, Kali und Stickstoff werden den Gärresten entzogen und als Dünger vermarktet. Das Material, das übrig bleibt, könne bald als Ersatz für Torf im Pflanzenbau und im heimischen Garten gekauft werden. Das Produkt sei gleichwertig oder in manchen Aspekten, etwa bei der Belüftung der Wurzeln, besser als Torf, betont Fabian Geltz, der Geschäftsführer der Firma Geltz. Es könne ein Gamechanger sein, viele Biogasanlagen könnten das Verfahren übernehmen, sagt auch Nick Burkhardt, der für die Firma Corthum Erdenwerk an dem Projekt beteiligt ist.
Sollte alles klappen, und danach sieht es derzeit aus, hätte dieses Verfahren einen doppelten Nutzen für die Umwelt. Erstens muss in den Mooren weniger Torf abgebaut werden, was diese wertvollen Biotope beschützt. Und zweitens kommt auf die heimischen Äcker weniger Dünger, was auch dem Schutz des Trinkwassers dient. Die Mühlacker Macher sind mittlerweile so weit, dass sie den 100 Landwirten, die ihnen Mais und Gülle für die Biogasanlage liefern, im Gegenzug Bodenanalysen erstellen, so dass die Bauern passgenau düngen können – so gelangt nur noch in die Erde, was für das Pflanzenwachstum unbedingt notwendig ist.
Biomethan speichern und im Winter ins Netz einspeisen
Seit diesem Jahr läuft nun noch eine reversible Brennstoffzelle der Firma Reverion auf dem Gelände der Biogasanlage. Sie kann ganz normal das Biogas verstromen – aber sie kann umgekehrt auch Strom in E-Methan verwandeln, das chemisch identisch ist mit Biomethan. Die Idee: Wenn im Sommer die PV-Anlagen im Land zu viel Strom produzieren, kann Thomas Gutjahr, der Geschäftsführer der Biomethananlage Mühlacker, den Strom sehr günstig kaufen und diesen zu E-Methan machen. Wenn der Strompreis steigt, wird das grüne Gas wieder verstromt. Ein weiterer Schritt könnte sein, im Sommer das E-Methan zu speichern und es im Winter, wenn viel Wärme benötigt wird, in das Erdgasnetz einzuspeisen. Dazu reiche die Speicherkapazität aber noch nicht aus, räumt Roland Jans ein.
Jedenfalls handle es sich um die erste Brennstoffzelle weltweit, die dieses Profil besitze, so Jans. Und der Wirkungsgrad liege bei 75 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie bei einer normalen Biogasanlage. Da sich aber alles auch finanziell rechnen muss, sagt Roland Jans auch: „Vorerst bleiben wir demütig.“
Das wird wohl einmal ein Rettich, der auf dem Torfersatz aus Mühlacker wächst. Foto: Faltin
Jedenfalls müsste es das Ziel der Bundesregierung sein, Biomethananlagen zu pushen. Erstens wegen dieser höheren Effizienz, zweitens auch, weil das neue Heizungsgesetz eine Beimischung von grünem Gas vorsieht und deshalb der Bedarf steigen dürfte. Beim Biogasgipfel in Ulm vor wenigen Tagen betonte der Nürnberger Professor Jürgen Karl sogar, dass Biomethananlagen bis zu einem Drittel der geplanten neuen Gaskraftwerke ersetzen könnten. Dazu brauche es aber deutlich mehr Speicher. Doch in der Kraftwerksstrategie kämen die Biomethananlagen gar nicht vor. Die Bundesregierung setze vielmehr auf Gaskraftwerke – und perspektivisch auf Wasserstoff.
Auch Roland Jans ist sehr enttäuscht. Die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) würge die Energiewende gerade eher ab, sagt er. Schon länger seien die Biomethan-Hersteller den Launen des freien Marktes ausgesetzt; zum Beispiel müssten sie mit dem günstigeren, weil staatlich geförderten Biomethan aus Dänemark oder Holland konkurrieren. Wirtschaftlich sei man deshalb immer wieder in schwierigem Fahrwasser. Jans fordert eine klare, staatlich reglementierte Vergütung – so wie sie die normalen deutschen Biogasanlagen, die Strom einspeisen und damit vom EEG profitieren, schon lange haben. Darüber gäbe es derzeit aber nicht einmal eine richtige Debatte.
Beim Biogasgipfel in Ulm stellten die Landwirtschaftsminister von Bayern und Baden-Württemberg, Michaela Kaniber (CSU) und Peter Hauk (CDU), sieben Forderungen an den Bund. So soll es erlaubt werden, mehr Mais in den Biogasanlagen beizumischen – derzeit gibt es Obergrenzen, damit die Äcker vorwiegend der Produktion von Lebensmitteln dienten. Daneben ging es den Ministern vor allem darum, dass die älteren Biogasanlagen weiter ihre EEG-Zuschüsse erhielten; derzeit läuft für viele nach 20 Jahren des Betriebs die Förderung aus.
Das sei zu kurz gesprungen, meint dagegen Roland Jans. Vielmehr sei wichtig, dass möglichst viele Anlagen künftig Biomethan herstellten. Die Ingenieurin Katharina Bär vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches hat jüngst in einer Studie herausgearbeitet, dass sich Betreiber von kleinen Biogasanlagen zusammenschließen sollten, um die hohen Kosten für die Umwandlung in Biomethan und für die Einspeisung ins Erdgasnetz stemmen zu können.
Wie auch immer, einig ist man sich auf jeden Fall in einem Punkt: Biogas und Biomethan seien spitze. Denn sie seien regional verfügbar und damit krisenfest, sie dienten dem Klimaschutz, sie seien im Gegensatz zu Wind- und Sonnenstrom grundlastfähig, und sie hielten die Wertschöpfung vor allem im ländlichen Raum. Peter Hauk: „Biogas ist ein schlafender Riese.“ Ihn gälte es endlich zu wecken.