„Getrunken wird immer“, haben sich Marcel Truckenmüller und Gabriela Predatsch gedacht – und die Kabi Weinbar im Stuttgarter Westen eröffnet. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski
Dass Stuttgart mitten in Weinbergen liegt, hat sich gastronomisch vor allem durch Besenwirtschaften und Weinstuben gezeigt. Schicke Weinbars gibt es in der Stadt erst seit wenigen Jahren. Nun sind gleich mehrere Neueröffnungen dazu gekommen.
Der Name ist Programm: Kabi heißt die im April eröffnete Weinbar im Stuttgarter Westen. Die Abkürzung steht für Kabinett, die Qualitätsbezeichnung für feine, leichte Tropfen aus reifen Trauben mit niedrigem Alkoholgehalt. Aber sie klingt auch wie ein Kosename. Und genau diese Mischung aus Expertentum und Leidenschaft symbolisiert die Einstellung von Gabriela Predatsch und Marcel Truckenmüller zu dem kultivierten Getränk. Die beiden Sommeliers haben sich mit ihrem Lokal einen lange gehegten Traum erfüllt – und schließen eine Lücke. Denn in Stuttgart, neben Wien immerhin eine der wenigen Großstädte mit Weinbergen im Zentrum, konzentrierte sich der Weinausschank traditionell auf Besenwirtschaften, Weinstuben oder Restaurants. Die Zeit für Weinbars scheint allerdings reif zu sein, zeigen weitere Neuzugänge wie Janina von Essens Vinobar oder die Easy Street Wine und Champagner Bar.
Von Taos über High Fidelity zur Weinbar Sardine
Weniger als ein Dutzend Adressen spuckt die Suchmaschine im Internet dafür in Stuttgart aus. Dazu gehört das Weinhaus Stetter, wo seit 1948 Weinkultur gepflegt wird und mehr als 500 verschiedene Flaschenweine im Keller lagern. Der Rest kam erst in jüngerer Zeit dazu. Der Musikproduzent Alexander Dohnt machte 2019 das Lausterer beim Marktplatz zur Weinbar Taos mit edlen Tropfen. Bei Sitt in der Tübinger Straße bietet der International Wine Manager Nicolas Sigloch seit fünf Jahren „eine self-exploring wine experience“: Die Gäste können per Knopfdruck aus rund 100 offenen Flaschen Wein zapfen. Stuttgarts renommiertester Sommelier Bernd Kreis startete dann 2021 sein High Fidelity im Bohnenviertel. In der Nachbarschaft folgte 2024 die Sardine von Helmut Honold und dem Sommelier und Restaurantfachmann Markus Konrad. Janina von Essen fehlte in Stuttgart ein Ort, „um sich locker zu treffen“. Lange hatte sie in der Weinhandlung ihres Stiefvaters den Verkauf geleitet. Für ihre Anfang des Jahres im Dorotheen-Quartier eröffnete Vinobar stellte Alexander von Essen auch die Weinkarte zusammen. „Flanieren, einkaufen, ein Glas Wein trinken, das gefällt mir“, erklärt die 36-Jährige ihr Konzept.
Beratung ist Ingo Hampf (rechts) wichtig. Er und sein Geschäftspartner Leone Paul haben die WSET-Prüfung zum Sommelier abgelegt. Foto: Lichtgut
In der Easy Street Wine & Champagner Bar können die Gäste seit vergangenen September „die ganze Weinwelt erleben“. Ingo Hampf und sein Geschäftspartner Leone Paul bieten jeden Tropfen glasweise an – von fünf bis 99 Euro für 0,1 Liter, darunter Supertuscans wie Tignanello oder Solaia. Für dieses Konzept sei die Zeit genau richtig, ist der 50-Jährige überzeugt: „Der Alkoholkonsum geht zurück, im Gegenzug wächst ein bewussterer Umgang mit Qualität“, lautet seine Erklärung für die Welle an Weinbars in Stuttgart. Deshalb legt er bei Easy Street Wert auf Beratung und Information über die Herkunft und Herstellung des Weins. Sensoren für die Automobilindustrie hat der Ingenieur früher gefertigt, verkaufte seine Firma und bildete sich seither in vielen Bereichen fort, unter anderem als Sommelier. Weil das Lokal im Leonhardsviertel frei wurde, ergab sich für ihn die Gelegenheit zuzugreifen. „Wenn man etwas mit Liebe und Leidenschaft tut, kommt der Erfolg von alleine“, sagt Ingo Hampf.
Wohnzimmer-Atmosphäre in der Weinbar
Wenn Gabriela Predatsch und ihr Geschäftspartner Marcel Truckenmüller Weinregionen erkundeten, wünschten sie sich immer eine Bar, in der sie verschiedene Tropfen probieren konnten. Cool sollte sie sein, „für jedermann“ und „mit Wohnzimmeratmosphäre“, „wo wir uns wohlfühlen“, beschreiben sie ihr Traumobjekt. Fast 20 Jahre lang arbeiten die beiden schon in der Gastronomie: Die Restaurantfachfrau Gabriela Predatsch leitete das Lokal von Sternekoch Bernd Bachofer in Waiblingen und absolvierte bei der Industrie- und Handelskammer die Sommelier-Prüfung, Marcel Truckenmüller lernte Koch, besuchte später die Sommelierfachschule in Zürich und war im Künstlerhaus für den Weinausschank zuständig. Ihre guten Jobs aufzugeben, ist ihnen nicht leichtgefallen. Aber in der Schlossstraße konnten sie ihre Vorstellungen von der perfekten Weinbar endlich umsetzen.
„Es ist immer noch eine Nische“, findet Gabriela Predatsch. Einige Tausend Euro investierten die 46-Jährige und ihr 38 Jahre alter Geschäftspartner, um ihren Keller zu füllen. Ausschließlich Weine aus Europa werden ausgeschenkt. Aus der Region gibt es Tropfen von etablierten Winzern wie Jochen Beurer oder von Newcomern wie Marcel Schweikart. Rund 80 Positionen stehen zur Auswahl. Besondere Biere und Prickelndes sind ebenfalls zu haben. Das „erschwingliche Mittelsegment“ wollen sie abdecken, weil sie es in Stuttgart bisher vermissten. Marcel Truckenmüller tischt dazu wechselndes „Soulfood“ auf wie Vitello Tonnato, Auberginenröllchen oder kalte Platten. Das Lokal können sie zu zweit bedienen. Viel Holz, dunkelgrüne Samtbezüge, dunkelgraue Wände, ein großes Schaufenster auf die Straße, Sofas und gedimmtes Licht im Untergeschoß sowie der urbane Hinterhof machen die Kabi Weinbar hip und gemütlich. Marcel Truckenmüller sieht jedenfalls viel Platz für neue Weinbars: „Getrunken wird immer.“