Finanzlage der Stadt Folgen des Sparens: Zwei Bäder in Stuttgart müssen schließen
Scheibchenweise wird das Unheil verkündet. Die Zuschüsse reichen nicht mehr, um die vier vereinseigenen Bäder zu betreiben. Zwei müssen schließen. Welche sind das?
Scheibchenweise wird das Unheil verkündet. Die Zuschüsse reichen nicht mehr, um die vier vereinseigenen Bäder zu betreiben. Zwei müssen schließen. Welche sind das?
Es schien, als seien die Stadträte über sich selbst erschrocken. Sonst herrscht im Sportausschuss eine harmonische Stimmung wie man sie sonst nur im Yogastudio findet. Am Dienstagnachmittag allerdings flogen die Fetzen, denn es gab Unheil zu verkünden, wohl wissend, dass die Bürger in Botnang, Cannstatt und Zuffenhausen so richtig sauer sein werden.
Denn dort betreiben der MTV Stuttgart, der ASV Botnang, der SSV Zuffenhausen ihre Freibäder, und der SV Cannstatt sein Hallenbad. Diese vier vereinseigenen Bäder bekamen bisher von der Stadt 80 Prozent ihrer Betriebskosten ersetzt. Diese waren über die Jahre hinweg auf zuletzt 1,65 Millionen Euro gestiegen. Die Zuschüsse der Stadt betrugen im Jahre 2010 noch 670 000 Euro, 2025 waren es schon 1,32 Millionen Euro, für 2026 werden 1,44 Millionen Euro vorhergesagt. Die Personalkosten tragen dazu 45 Prozent bei, die Energie und Reinigungskosten 36 Prozent, der Rest sind Wartungen und Sonstiges.
Nun haben die Stadträte für den Haushalt des Jahres 2026 beschlossen, die 80 Prozent weiter zu bezahlen. Aber fürs Jahr 2027 ist der Zuschuss auf 730 000 Euro gedeckelt. Die Konsequenzen dieses Beschlusses schienen den Stadträten tatsächlich erst am Dienstag so richtig klar zu werden. SPD-Stadtrat Stefan Conzelmann griff das selbst ernannte Haushaltsbündnis der Grünen und der CDU an, denn das Sportamt habe im Dezember vor den Haushaltsberatungen ganz klar die Folgen aufgezeigt: Nämlich, dass dann Bäder schließen müssen. Der ansonsten recht ausgeglichene Stadtrat Jürgen Sauer von der CDU verlor die Contenance, warnte vor destruktivem Verhalten und wollte sich keine Vorhaltungen von einer Partei machen lassen, die bundesweit gerade mal zwölf Prozent bekomme.
Die Wogen schlugen buchstäblich hoch. Weil das Sportamt eindrücklich klar machte, mit diesem Zuschuss lassen sich die vier Bäder nicht mehr betreiben. Bis Juli müsse man entscheiden, wie es weitergehe. Zwar versuchte Sportbürgermeister Clemens Maier die Wogen zu glätten, man wolle nun mit den Vereinen zusammensitzen und schauen, ob es Einsparmöglichkeiten gebe, etwa durch Einschränkung der Öffnungszeiten oder weniger warmes Wasser. Aber beim Betrachten der Zahlen war allen klar, rechnerisch funktioniert das nicht mehr, zwei der vier Bäder können nicht mehr betrieben werden.
Aber welche? Mehr als das Gesprächsangebot gibt es nicht, auch keinen Mechanismus oder gar Kriterien. MTV-Vorstand Nico Helwerth will unter allen Umständen einen Verteilungskampf zwischen den Vereinen vermeiden. Letztlich müsse jeder Verein für sich entscheiden, unter welchen Bedingungen er ein Bad betreiben könne. Das könne ja nicht die Verwaltung für die Vereine entscheiden. Er war ziemlich erstaunt, sehr kurzfristig vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Zumal die Stadt ja 2018 ein „Wasserflächenkonzept 2030“ verabschiedet habe, bei dem sich alle einig waren, man brauche mehr Wasserflächen, damit jedes Kind in Stuttgart schwimmen lernen könne. Schon jetzt reichen die Bäder nicht aus: Man muss kein Prophet sein, um zu wissen: Das werde dramatische Folgen für die Schwimmfähigkeit haben.
Zumal Grüne, CDU und Freie Wähler noch eine andere Idee ausgeheckt hatten. 2024 hatte man dem SV Cannstatt gut 8 Millionen Euro zugesagt für den Bau eines Water Cubes, eines Hallenbades. 2025 legte der Verein das auf Eis, weil die Verwaltung mit Verweis auf die nahenden Haushaltsberatungen von einer Weiterplanung abgeraten hatte. Weil man nun in Verzug sei, könne man das Geld ja dem HTC Stuttgarter Kickers für den Bau seiner Halle geben.
Beim SV Cannstatt war man erstaunt, man plant auf Rat der Verwaltung nicht weiter, und bekommt das nun vorgeworfen? Und das Geld weggenommen? Nicht nur Vorstand Alexander Scholz fand das angesichts der Diskussion, dass man ja ohnehin zwei Bäder schließen müsse, wenig logisch. Auch Fred-Jürgen Stradinger, Vorstand des Sportkreises und damit Sachverwalter der Vereine, konnte nur noch sarkastisch abwinken: „Im Water Cube sollten 1300 Kinder im Jahr schwimmen lernen. Jetzt schließen wir nicht nur Bäder, wir bauen auch keine neuen mehr: Jedes Kind, das ertrinkt, ist eines zu viel!“